Nokia: Mit Radikalkur aus der Krise

Tausende Jobs weg, neues Betriebssystem her: Nokia-Boss Stephen Elop will den Handy-Weltmarktführer mit einer Radikalkur aus der größten Krise seiner Geschichte holen. Und er hat dabei keine Zeit zu verlieren.

Die Bombe platzte vier Monate und drei Wochen nachdem Nokia den Kanadier Stephen Elop zu seinem neuen Chef gemacht hatte: Der Handyriese kündigte an, sein hauseigenes Betriebssystem Symbian in Pension zu schicken. Elop, der im Herbst 2010 von Microsoft zu Nokia gestoßen war, schien auch gleich die neue Software mitzubringen: Windows Phone 7 (WP7), Microsofts jüngster Versuch, am Mobilfunkmarkt Fuß zu fassen.

In Nokias Hauptquartier, in Espoo bei Helsinki, weht seither ein rauer Wind. „Plan B ist, dass Plan A funktioniert“, sagte Elop beim Handy-Weltkongress im Februar 2011. Die Microsoft-Software muss die Finnen wieder auf Erfolgskurs bringen. Anstatt eines Alternativszenarios wird Entschlossenheit an den Tag gelegt.

Dazu gehört ein straffes Sparprogramm. Wie das aussieht, verriet Nokia am 27. April: 4.000 Entlassungen, dazu 3.000 Mitarbeiter, die an den Technologiedienstleister Accenture weitergereicht werden, um dort noch weiterhin den Support für das „auslaufende“ Betriebssystem Symbian zu leisten.

Gemeinsam mit der Konsolidierung von Forschungs- und Entwicklungsabteilungen soll so bis Ende 2012 eine Milliarde Euro eingespart werden. Die Wiener Niederlassung, immerhin Zentrale für 15 Länder, ist laut Österreich-Geschäftsführer Martin-Hannes Giesswein von den Freisetzungen nicht betroffen, war aber auch schon in der Vergangenheit sparsam besetzt.

Lange Schockstarre

Seit Apple im Sommer 2007 sein erstes Handy auf den Markt brachte, ist für Nokia nichts mehr, wie es war. Der Unternehmenswert brach um fast zwei Drittel ein. Der Markt wächst nicht mehr über einfache Handys, sondern über Smartphones, und die meisten davon folgen einem Vorbild: dem iPhone. Gut designte Hardware ist zwar weiterhin Grundlage für ein erfolgreiches Smartphone, aber nicht mehr das wichtigste Unterscheidungsmerkmal. Funktionen, die sich früher auf bestimmte Mobiltelefone beschränkten, kaufen Kunden heute einfach in den mobilen Software-Stores von Apple und Google hinzu.

Verkannt zu haben, dass Software den Markt antreibt, gilt als Nokias größte Fehleinschätzung. Doch die Finnen haben auch technologisch nachgelassen. Im Portfolio fehlt es an Geräten, die es qualitativ mit dem iPhone aufnehmen können.

Nokia verkauft weiterhin die meisten Smartphones, doch Apple macht die fetten Gewinne. Apple zieht mit seinem letzten Quartalsgewinn von 5,99 Milliarden Dollar nicht nur an den Finnen, sondern sogar an Microsoft (5,23 Mrd. Dollar) vorbei.

Die Konkurrenz setzt Nokia nicht nur im Premium-Segment zu, wo neben Apple auch Googles Betriebssystem Android stark vertreten ist. Android gewinnt auch bei günstigeren Telefonen an Boden und dringt damit in Nokias bisherige Domäne vor. Analysten schlagen dem offenen Google-Betriebssystem 2015 bereits den halben Weltmarkt zu. Ex-Google-Chef Eric Schmidt hatte den Finnen ebenfalls Avancen gemacht. Mit milliardenschweren Lizenzzahlungen an Nokia hatte Microsoft dann doch wohl die „schwereren“ Argumente an der Hand.

Im asiatischen Markt kämpft Nokia gegen Hersteller wie Huawei, MediaTek und ZTE, die allesamt ihre Produkte schneller und billiger auf den Markt bringen und dazu noch liefern, was die Kunden wirklich wollen. So hat Nokia etwa die im asiatischen Raum beliebten Dual-SIM-Telefone schlichtweg verschlafen, wo ein Handy für zwei Mobilfunker verwendet wird.

Den Managern in Espoo wird nicht nur eine männerdominierte Unternehmenskultur vorgeworfen, wo wichtige Deals noch in der Sauna abgeschlossen werden. Noch schwerer wiegt das fehlende Gespür für den internationalen Markt. Die Annahme, dass sich Mobilfunker nach Nokia richten müssten, erwies sich vor allem in den USA als Schuss in den Ofen. Die wenigen Netzbetreiber, die die gesamte Region ab decken, sind mächtig und wollen bei der Entwicklung der Handys mitreden. Telefone werden typischerweise mit Betreiberlogos versehen, lukrative Dienste prominent platziert. Hardware-Hersteller, die sich darauf nicht einlassen, haben das Nachsehen – so auch Nokia.

Demnächst soll vieles anders werden. Geht es nach den Analysten von IDC, dann steht der Allianz zwischen Microsoft und Nokia eine große Zukunft bevor. Diese prophezeien, dass sich Microsoft bis 2015 an die zweite Stelle hocharbeitet. Doch vier Jahre können im Handygeschäft bekanntlich zu einer kleinen Ewigkeit werden.

Apple und Google waren vor vier Jahren noch nicht in dem Markt präsent. Heute geben sie den Ton an. Die Marktforscher machen ihre Einschätzungen an der Anzahl der Apps in Microsofts WP7 Store fest. Dort gab es Ende letzten Jahres, also noch vor Bekanntgabe der Kooperation, bereits an die 5.000 Stück zur Auswahl.

Dies würde zeigen, dass Redmond rasch viele Entwickler mobilisieren kann – ein entscheidender Erfolgsfaktor. Ein weiterer Trumpf sind 30 Millionen Gamer, die sich in der Microsoft-Xbox-Community umtun und „mobil“ spielen wollen.

Einstellung ändern

Wichtigster Teil der Neuausrichtung ist, dass Nokia sein hardwarezentriertes Unternehmen künftig der Software unterwirft. Zudem müssen die Finnen ihre interne Zusammenarbeit und Entwicklungsprozesse auf Vordermann bringen. „Wir schaffen nicht genug Innovation. Wir arbeiten intern nicht zusammen“, monierte Elop bald nach Dienstantritt. Aufräumen will der CEO laut „Financial Times“-Bericht auch mit den vierwöchigen Sommerurlauben des Managements. Nur weil Espoo in die Ferien fährt, würde der restliche Markt nicht schlafen, so der Tenor. Weniger Zeit soll zwischen Zeichenbrett und Geräteverkauf vergehen – ein besonders wunder Punkt der Finnen.

Erste Nokia-Telefone mit Windows Phone 7 soll es jedenfalls 2012 geben. Vielleicht auch schon früher, doch dazu hält sich Nokia bedeckt. Die Kooperation mit Microsoft wurde Ende April vertraglich besiegelt, Zahlungen in Höhe mehrerer Milliarden Dollar an Nokia eingeschlossen. Geld steckt Microsoft unterdessen auch in andere Allianzen. CEO Steve Ballmer kündigte am 3. Mai an, dass der BlackBerry-Hersteller Research In Motion (RIM) demnächst die Microsoft-Suchmaschine Bing samt Kartendienst integrieren wird. RIM zählt zu den Anbietern, die den App-Trend verschlafen haben und dies jetzt mit weniger Nachfrage bezahlen.

Nokia wagte dieser Tage einen letzten Blick zurück, stellte eine erneuerte Version des noch laufenden Symbian-Betriebssystems vor. Auf den neuen Nokia-Smartphones X7 und E6 soll dieses für ruckelfreie Touchscreen-Benutzung sorgen. Laut Österreich-Chef Giesswein soll es auch nach dem Wechsel auf Windows Phone 7 noch Updates für Symbian geben. Den Finnen muss in den nächsten Monaten das Kunststück gelingen, noch möglichst viele Symbian-Geräte zu verkaufen,

während alle schon gespannt auf die Windows- Phone-7-Modelle warten. „Es ist nichts, was unsere Arbeit erleichtert“, kommentiert Giesswein. Dabei seien die Leute immer wieder über die Funktionalität von Symbian erstaunt. Einen Satz, den Giesswein immer wieder zu hören bekommt: „Ich hab gar nicht gewusst, dass das auf Symbian alles geht.“ Während alle auf die Nokia-Microsoft-Geräte warten, diktiert Elop schon die nächsten Wünsche. „Windows Phone 7 muss möglichst schnell auf Einsteigerhandys Einzug halten.“ Nur so wird Nokia die nächste Milliarde Stück verkaufen können. Denn in Schwellenländern ist das Handy oft der einzige Internetzugang.

– Alexandra Riegler, USA

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