Nie wieder Ärger mit dem Chef: Wie Sie sich richtig selbständig machen

Mehr Freiheit, mehr Spaß, mehr Geld: Ehemalige Angestellte, die sich selbständig machen, sind in der Regel zufriedener. Aber es lauern auch Fallen – und Gefahren, die es zu umschiffen gilt.

Renate Gruber hat das richtige Rezept entdeckt: Im kleinen Laden der Torten-Designerin in der Wiener Josefstädter Straße herrscht eine entspannte Atmosphäre, die frisch gebackenen Torten verströmen einen angenehm süßlichen Duft. Die gelernte Grafikdesignerin hat sich seit vergangenem Herbst auf sogenannte Cupcakes spezialisiert, kleine Törtchen mit einer Cremehaube. International sind Cupcakes bereits seit Jahren ein Renner. Grubers Leckereien schlagen jetzt in Wien ein.

An guten Tagen verkauft die Neo-Unternehmerin 1.000 Cupcakes um 3,90 Euro das Stück, dazu kommen aufwendig gestaltete Hochzeitstorten. Mittlerweile schauten sich alle alteingesessenen Konkurrenten von der Kurkonditorei Oberlaa bis zum Gerstner die süße Verlockung ab. Grubers Tortenproduktion läuft so gut, dass sie innerhalb weniger Monate zehn Mitarbeiter einstellen musste und mehrere Übernahmeangebote für das Geschäft erhielt – eine Cupcake-Filialkette schwebt den meisten Investoren vor.

Wie die Tortendesignerin Renate Gruber der eigene Chef sein, sich nicht mehr mit dem Vorgesetzten herumschlagen müssen – davon träumen viele Angestellte. In Österreich gibt es rund 460.000 Selbständige. Jahr für Jahr wagen 30.000 Menschen den Schritt ins Unternehmertum, wovon rund 20 Prozent unfreiwillig in die Selbständigkeit gedrängt werden. Am häufigsten finden Menschen, die in der Beratung, der Immobilienbranche, im Handel oder der Gastronomie gearbeitet haben, den Weg zur eigenen Firma. Laut einer aktuellen Umfrage der Wirtschaftskammer (WKO) ist der wichtigste Motivationsfaktor, selbst Verantwortung übernehmen zu wollen, selbstbestimmt und unabhängig zu sein. „Es gehört eine gewisse Risikobereitschaft dazu, aber im Grunde ist die Selbständigkeit genauso sicher wie ein Angestelltenleben“, sagt Elisabeth Zehetner vom WKO-Gründerservice.

Das große Geld mit einer kleinen Idee

Viele bekannte Entrepreneure machten bereits vor, wie ein guter Einfall zu Reichtum führt: Google-Erfinder Larry Page, Billa-Gründer Karl Wlaschek und Red-Bull-Hersteller Dieter Mateschitz etwa. Aber: „Gute Ideen gibt es viele, auf die Umsetzung kommt es an“, weiß Neo-Unternehmerin Renate Gruber aus der Praxis. Zwar sieht ihr Konzept recht einfach aus, doch die Planung dahinter ist minutiös. Gruber feilte fast zwei Jahre an den Rezepten, testete die Cupcakes immer wieder bei Kindergeburtstagen und Feierlichkeiten für Freunde. Nichts überließ sie dem Zufall, weder die Geschmacksrichtungen noch das Geschäftsdesign und die Homepage. „Alles muss zu hundert Prozent passen“, sagt sie.

Und so pathetisch es klingen mag: Viele erfolgreiche Unternehmer raten davon ab, beim Schritt zur Selbständigkeit ausschließlich das große Geld im Auge zu haben. „Man muss sogar eine gewisse Abscheu vor Geld haben, um durchzustarten“, meint Markus Arnold. Der 35-Jährige führt seit mehr als einem Jahr sein eigenes Immobilienbüro mit zwölf Mitarbeitern. In dieser kurzen Zeit schaffte es Arnold, unter die Top-drei-Makler im Land aufzusteigen. Immerhin bewegte er 2010 mit Zinshaustransaktionen 70 Millionen Euro. Arnold: „Obwohl ich jetzt täglich mit sehr hohen Summen zu tun habe, hatte ich angesichts der hohen Anfangsinvestitionen für meine eigene Firma kurz ein mulmiges Gefühl. Ich traute mich schließlich, obwohl noch keine Umsätze da waren.“

Auch die Junganwälte Andreas Jank und Maximilian Weiler verdienen als selbständige Advokaten (JankWeiler Rechtsanwälte) noch weniger als vor einem Jahr, als die beiden einen gut dotierten Job bei der renommierten Wirtschaftskanzlei Fellner Wratzfeld & Partner hatten. Freiheit und Flexibilität wogen schwerer als eine hohe Gage. Auch bei ihnen waren die Anlaufkosten hoch: Immerhin mieteten sie gleich ein 200 Quadratmeter großes Büro auf der Wiener Kärntner Straße mit prächtigem Ausblick. Weiler: „Klar, der Standort ist nicht billig, aber er ist ein Statement, dass wir es ernst meinen.“ Und Partner Jank ergänzt: „Auch wenn wir jetzt weniger verdienen, gibt es langfristig gesehen keine Grenze nach oben.“

Erfolgsgeheimnis Eigenkapital

Zumindest am Anfang gilt: Jeder ersparte Euro sollte ins neue Unternehmen fließen. Je mehr Eigenkapital, desto besser. Auch dann, wenn Neugründer Fremdmittel einfach bekommen würden. Die meisten Banken verlangen für einen Kredit 25 bis 30 Prozent Eigenmittel in Cash. Doch bevor ein Geldinstitut einem Jungunternehmer Geld leiht, will es ein fertiges Geschäftskonzept samt Businessplan, Finanzierungen, Investitions- und Liquiditätsrechnung sehen – für viele eine ungeliebte Tätigkeit. „Aber ein Businessplan zwingt, sich mit unangenehmen Themen auseinanderzusetzen und auch eine Worst-Case-Situation zu bedenken. Das hilft, Fehler zu vermeiden“, sagt Claudia Frank vom Austria Wirtschaftsservice (AWS).

Überhaupt sehen viele Jungunternehmer die betriebswirtschaftlichen Aspekte ihres Business eher wie einen lästigen Klotz am Bein. „Ein Designer wird natürlich fürs Design bezahlt und nicht für die Buchhaltung“, so WKO-Expertin Elisabeth Zehetner. „Doch je mehr er selbst über die betriebswirtschaftliche Situation seines Unternehmens weiß, desto leichter kann er etwaige Schieflagen erkennen.“ Daher empfiehlt Zehetner jedem zumindest einen Crashkurs für ökonomisches Basiswissen.

Verkaufstalente haben es leichter

Ob ein Jungunternehmer einen Bankkredit bekommt, hängt aber nicht nur vom Businessplan ab, sondern auch von seiner Vita und der Branche. In der Gastronomie etwa gewähren Geldhäuser nicht so schnell einen Kredit, weil das Risiko aufgrund der hohen Anfangsinvestitionen größer ist – und weil es viele nicht längerfristig schaffen. Darüber hinaus wird der Gründer selbst genau unter die Lupe genommen. Ausschlaggebend etwa ist, ob er branchenfremd ist oder schon genügend Erfahrung hat. Außerdem wird das Verkaufstalent geprüft. Schließlich muss jeder sein Produkt auch an den Mann bringen können. „Bei der Frage nach den Kunden merke ich schnell, ob jemand eine Verkäufernatur ist oder nicht. Gut ist, wenn der Gründer potenzielle Abnehmer nennen kann“, erklärt Walter Swoboda vom Gründercenter der Erste Bank.

So wie Gabi Spiegelfeld. Die 51-Jährige pflegt seit Jahren durch ein von ihr mitgegründetes Frauen-Netzwerk gute Kontakte zu Unternehmern, Politikern und Kulturschaffenden. Schon bevor sie sich vor vier Monaten als PR- und Veranstaltungsmanagerin selbständig machte, sprachen sie Bekannte und Freunde an, ihr Können und ihre Kontakte doch professionell zu verkaufen. Gabi Spiegelfeld: „Ich hatte schon im Vorfeld meiner Unternehmensgründung potenzielle Aufträge, machte quasi mein Hobby zum Beruf.“

Der Idealfall ist: Ein Jungunternehmer stößt auf einen Massenmarkt. So wie Hubert Hofmann. Der 43-jährige Wirtschaftsinformatiker, der lange im Silicon Valley in den USA arbeitete, gründete mit drei Kollegen im März 2011 seine Firma Scio Enterprises. Auf der Homepage bietet Hofmann für 9,99 Euro monatlichen Mitgliedsbeitrag einen Online-Zugang zu einer Expertenplattform mit vielen, nach Themen aufbereiteten und verknüpften Videoclips. Im August zum Beispiel startet die erste Serie mit Ernährungsexpertin Sasha Walleczek. „Eine Coachingstunde mit Sasha Walleczek wäre wesentlich teurer als der Zugang zu unserer Online-Expertenplattform. Und im Unterschied zum sonstigen Internet bieten wir verlässliche Information von angesehenen Fachleuten“, erklärt Hofmann. Langfristiges Ziel von Scio Enterprises ist die Produktion von Tausenden Expertenvideos, auch für den englischsprachigen Raum.

Das kostet Geld: Für kommendes Jahr hat das Start-up bereits sieben Millionen Euro Budget kalkuliert, unter anderem für ein Forschungsprojekt an der Uni Linz. Dabei wird die Technologie zur Verknüpfung der Videos erforscht. Doch Scio Enterprises ist bereits auf dem Radar internationaler Venture-Capital-Gesellschaften. „Risikokapital erhält man nicht durch eine PowerPoint-Präsentation. Wir müssen beweisen, dass unsere Idee funktioniert, daher müssen wir relativ schnell auf den Markt“, erklärt Hofmann, „Details lassen sich noch ändern. Außerdem erhält man so wertvolles Feedback der Kunden.“

Zu schnelles Wachstum ängstigt aber auch viele Jungunternehmer. Denn Expansion bedeutet meist mehr Mitarbeiter, das wiederum heißt mehr Fixkosten, mehr Administration und Verantwortung. „Ich bin an meinen Kapazitätsgrenzen“, erzählt Peter Reiter. Der 28-jährige gelernte Mechatroniker berät Betreiber von Kleinwasserkraftanlagen bei der Modernisierung, denn durch eine neue EU-Richtlinie müssen diese reihenweise umstellen. „Ich muss mir immer wieder bewusst Zeit nehmen, um aus dem Alltagstrott herauszukommen. Ich brauche Luft, um meine Ziele zu überprüfen und an neue Visionen zu denken.“

Angst davor, dass der Traum, sein eigener Chef zu sein, in die Hosen geht, haben weniger Neo-Unternehmer, als man glauben würde. Immobilienmakler Markus Arnold: „Mir ist lieber, ich scheitere, als ich trete ewig auf der Stelle.“

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– Barbara Nothegger
Mitarbeit: Arndt Müller

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