Nach Insider-Anklage gegen OMV-Chef Ruttenstorfer sind die Manager verunsichert

Nach der Anklage gegen OMV-Chef Ruttenstorfer wegen Insiderhandels ist die Unsicherheit unter Managern groß: Soll man überhaupt noch mit Aktien handeln? Auch die Kritik an den Behörden wächst.

Norbert Zimmermann ist für gewöhnlich nicht leicht aus der Ruhe zu bringen. Besonnen und ruhig fällt der Berndorf-Eigentümer seine Entscheidungen. Doch diesmal war alles anders. „Als ich erfahren habe, dass die FMA gegen Wolfgang Ruttenstorfer wegen Insiderhandels ermittelt, habe ich alle Aktien von Unternehmen verkauft, wo ich eine Organfunktion habe.“ Zimmermann trennte sich dieses Frühjahr also von seinem SBO- und seinem OMV-Aktien-Paket. In beiden Unternehmen ist er Aufsichtsrat, und in beiden Unternehmen brachte ihm der Verkauf herbe Verluste ein. Doch das regt ihn weniger auf als das Signal, das die kürzlich erfolgte Anklage gegen Ruttenstorfer für den Kapitalmarkt bedeutet. „Was Ruttenstorfer passiert ist, kann jedem von uns passieren“, ist er überzeugt.

Hände weg von Aktien

Können es sich Manager börsennotierter Unternehmen also gar nicht mehr leisten, mit Aktien des eigenen Unternehmens zu handeln, aus Angst davor, gleich mit beiden Beinen im Kriminal zu stehen? Die Unsicherheit ist jedenfalls nach Bekanntwerden des Falls Ruttenstorfer groß. „Manager werden es sich in Zukunft sicher noch genauer überlegen, ob sie Aktien kaufen oder verkaufen“, glaubt Peter Schiefer vom Aktienforum der Industriellenvereinigung.

Denn der Fall Ruttenstorfer weist einige Besonderheiten in der österreichischen Geschichte des Insiderhandels auf: Der OMV-Chef hat bislang gar keinen Gewinn erzielt, weil er die 26.500 Aktien, die er 2009 gekauft hat, noch immer besitzt. Und daran wird sich auch – trotz Ruttenstorfers Ausscheiden aus dem Unternehmen Anfang nächsten Jahres – weitere zwei Jahre nichts ändern. Denn er hat die Aktien im Rahmen eines Stock-Option-Programms gekauft, das eine dreijährige Behaltefrist gebietet. Allein deshalb halten Rechtsexperten die Anklage für wackelig. „Wie kann man so den für das Delikt notwendigen Bereicherungsvorsatz begründen?“, fragt Kapitalmarktrechtsexperte Ernst Brandl.

Denn in drei Jahren kann viel passieren, auch noch ein ordentlicher Kursrutsch. Brandl ist überzeugt: „Wenn die FMA und die Staatsanwaltschaft so scharf schießen, hört sich bald jegliches Director’s Dealing in Österreich auf.“ Denn die Sanktionen gegen Insiderhandel sind heftig: Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren, wenn der Vermögensvorteil 50.000 Euro nicht übersteigt, fünf Jahre, wenn er höher ist.

Einen drastischen Ansatz, wie mit dem Thema Insiderhandel umzugehen ist, verfolgt Anlegerschützer Wilhelm Rasinger. Er hielte ein Aus für Director’s Dealings für wünschenswert, denn: „Dass Manager durch Aktien des eigenen Unternehmens motiviert sind, glaube ich nicht. Und sie verfügen immer über einen Wissensvorsprung.“ Deshalb sein Vorschlag: Manager sollten nur bei Kapitalerhöhungen des eigenen Unternehmens mitziehen, darüber hinausgehende Deals seien zu heikel.

Jeder Tag ein Deal

Dabei finden diese Aktientransaktionen der Manager hierzulande ohnehin nicht allzu häufig statt. In diesem Geschäftsjahr wurden insgesamt gerade einmal rund 360 derartige Transaktionen an die FMA gemeldet, also etwa eine pro Tag. Am aktivsten beim Verkauf der Aktien waren dabei die ehemaligen conwert-Chefs Johann Kowar und Günter Kerbler, die jeweils einen zweistelligen Millionenbetrag erlösten. Erst jüngst bewies Erste-Group-Chef Andreas Treichl ein glückliches Händchen, als er 25.000 Erste-Aktien zu einem Kurs von 33,50 Euro verkaufte und damit mehr als 830.000 Euro einnahm. Im März 2009 hatte er dieselbe Zahl Aktien noch zu deutlich günstigeren 7,30 Euro eingekauft.

Börsianern dienen solche Deals als wichtige Indizien, wohin sich der Markt bewegt. Wenn etwa, wie kürzlich passiert, Microsoft-Gründer Bill Gates Aktien im Wert von 215 Millionen Dollar an den Mann bringt, dann sind Aktionäre gut beraten, nachzuziehen, denn Insider werden es wohl besser wissen. Allein deshalb hält Zimmermann nichts davon, diese Deals ganz einzustellen: „Es ist ein wichtiger Indikator für Kleinanleger.“ Im Fall Treichl hieße das also, alle Erste-Aktien zu verkaufen? „Nein, Treichl besitzt immer noch 180.000 Aktien. Wäre er der Überzeugung, der Markt bricht ein, hätte er alle verkauft“, erläutert ein Sprecher.

Auch wenn also die Signalfunktion nicht immer eindeutig ist, als Incentives dienen Aktien für Manager zumeist schon. Und auch der Zug der Zeit weist in die Richtung, dass Unternehmer Aktien ihres eigenen Hauses besitzen sollen. Jüngstes Beispiel: Banker müssen aufgrund einer EU-Regel in Zukunft 50 Prozent ihrer Boni in Unternehmensaktien ausgezahlt bekommen. Zimmermann hält das auch in anderen Branchen für sinnvoll: „Ich lege großen Wert darauf, dass Führungskräfte am Unternehmen beteiligt sind. Das ist ein Bekenntnis, dass sie ans Unternehmen glauben.“ Das sieht auch Richard Schenz, Kapitalmarktberater des Finanzministers und früher selbst OMV-Vorstand, so: „Es gibt klare Regeln für Director’s Dealings. Diesen Handel ganz abzuschaffen bringt nichts.“

Behörden unter Druck

Er ortet, so wie Zimmermann, das Hauptproblem im Fall Ruttenstorfer in Fehlern der Behörden. „Hätten die FMA und die Staatsanwaltschaft besser recherchiert, wäre es gar nicht zur Anklage gekommen“, glaubt Schenz. OMV-Aufsichtsrat Zimmermann empfiehlt Ruttenstorfer gar, eine Amtshaftungsklage einzubringen, denn nicht einmal der Vergütungsausschuss, also jene Leute, die das Aktien-Optionsprogramm des OMV-Chefs aufgesetzt haben, sei von den Ermittlern dazu befragt worden.

Bei der FMA will man sich dazu nicht äußern, sieht sich aber auf der sicheren Seite. Die Behörde stützt sich in ihrer Anzeige auf Aussagen damaliger OMV-Berater von der Investmentbank JPMorgan. Sie haben die OMV beim Verkauf ihrer MOL-Anteile an die russische Surgutneftegas beraten und sollen ausgesagt haben, Ruttenstorfer habe über besagten Verkauf Bescheid gewusst, als er sein Aktienpaket kaufte. Als dann der Kauf wenige Tage später publik wurde, schnellte der Aktienkurs nach oben. Der OMV-Chef hat aber stets verneint, bei seinem Deal von dem MOL-Verkauf gewusst zu haben, er sei kurzfristig zustande gekommen. Und auch hier eilen ihm Schenz und Zimmermann zu Hilfe. „Es ist bei solchen Deals üblich, dass Entscheidungen innerhalb von nur zwei bis drei Tagen getroffen werden“, berichten sie aus ihrer Erfahrung.

Hat man der FMA lange Zeit Zahnlosigkeit und Untätigkeit, auch im Bereich Insiderhandel, vorgeworfen, so dürfte sich dies nun ins Gegenteil verkehren. Ausgehend vom Jahr 2003, ist die Zahl der Ermittlungen von sieben auf zuletzt 43 sukzessive angestiegen. Diese resultierten letztes Jahr in vier Anzeigen. Betroffen davon waren die Unternehmen Kapsch TrafficCom, Hirsch Servo, AT&S und Immofinanz bzw. Immoeast. 25 Leute beschäftigen sich in der Behörde ausschließlich mit Marktbeobachtung. Dennoch ist das Ergebnis bislang dürftig: Ex-Voest-Chef Franz Struzl und Kapsch-Aufsichtsrat Kari Kapsch entgingen einem Urteil durch Diversion, das Verfahren gegen ursprünglich freigesprochene Brau-Union-Manager musste heuer nach mehreren Jahren neu aufgerollt werden. Auch hier wird eifrig an einer Diversion gebastelt, ist zu hören. Lediglich ein kleiner Drucker wurde 2004 zu einer Geldstrafe von 15.000 Euro verdonnert.

Geht es nach Anwalt Christian Hausmaninger, der einst Struzl vertreten hat, müssten die Insider-Gesetze komplett auf den Kopf gestellt werden. „Das gerichtliche Strafrecht ist der falsche Ansatz. Das Beispiel USA zeigt, dass das Verwaltungsstrafrecht besser funktioniert.“ So könnten Verfahren, die jetzt über mehrere Jahre dauern, deutlich verkürzt werden. Außerdem machen für ihn bei illegalen Wertpapiertransaktionen Freiheitsstrafen wenig Sinn. Der Kapitalmarktexperte spricht sich alternativ für das Abführen der Gewinne, eventuell auch Berufsverbote aus. Für verunsicherte Manager hat er auch einen Rat. Einen, dem US-Manager schon lange folgen: die Errichtung eines sogenannten „Blind Trust“. Man übergibt einem unabhängigen Vermögensverwalter sein Aktienpaket und kann so für Deals nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden. Es besteht also doch noch Hoffnung für jene, die in dem Dilemma stecken, ob sie in Zukunft Aktien handeln sollen oder nicht.

– Angelika Kramer

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