Nach 9/11: USA verliert an Bedeutung, China wird mächtiger

Die Börsen wurden durch die Ereignisse des 11. Septembers nachhaltig beeinflusst: US-Aktionäre erlebten eine Dekade ohne Kursgewinne, dafür wird Chinas Rolle in der Finanzwelt immer wichtiger.

Am 1. September 2001 trat Jim O’Neill sein Amt als Chefökonom der US-Investmentbank Goldman Sachs an. Wenige Tage später war die Hölle los. O’Neill: „Ich wusste nach dem 11. September, dass ich nicht mehr auf die USA als Motor der Weltwirtschaft bauen konnte. Das Wachstum müsste künftig von anderswo herkommen.“

Dem Briten, der als Popstar der Investment-Zunft gilt, ging damals lange das Lied von Pink Floyd „Another Brick in the Wall“ durch den Kopf. Dann kam ihm der erlösende Gedanke. Ende November schrieb er seine bahnbrechende Studie: „Building better Economic BRICs“. Bei diesem Wortspiel handelt es sich um eine Kombination aus „Wir bauen die Weltwirtschaft mit besseren Steinen“ und der Abkürzung der vier wichtigsten Schwellenmärkte Brasilien, Russland, Indien und China.

Der Begriff der BRIC-Staaten wurde unter dem Eindruck der zusammengestürzten Twin Towers geboren, das wohl einflussreichste Konzept der ganzen Dekade. Der Goldman-Sachs-Volkswirt stellte die zu diesem Zeitpunkt revolutionäre These auf, dass China die USA im Jahr 2041 als größte Wirtschaftsmacht der Welt ablösen wird. Der einzige Fehler in dieser Prognose: Der Überholprozess läuft wesentlich schneller ab, als sich das auch O’Neill anfangs vorstellen konnte. Die jüngsten Vorhersagen behaupten bereits, dass das Reich der Mitte gemessen am Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2027 die Nummer eins der Welt ist – und vielleicht ist auch das angesichts der schwächelnden US-Konjunktur noch zu vorsichtig geschätzt.

Sechs Tage ohne Börse

Direkt nach dem Anschlag hatten die Investoren andere Sorgen. Tagelang war die New Yorker Wall Street geschlossen, erst am 17. September sperrte die US-Börse wieder auf. Die Botschaft damals: Wir lassen uns nicht unterkriegen. Die Kurse des Dow-Jones-Index sausten trotzdem von 9.600 Punkten bis auf 8.240 Punkte in den Keller, um schon zum Jahresende wieder an der Marke von 10.000 Punkten zu kratzen. Doch das war ein Strohfeuer. Anschließend begann eine Jo-Jo-Börse mit manchen Hochs und schmerzhaften Tiefs.

Zwischenbilanz: Ende August 2011 hätten Euro-Anleger, die unmittelbar vor dem Attentat US-Aktien kauften, ein Minus von 31 Prozent zu verschmerzen. Auch mit anderen Aktien westlicher Provenienz ging es den Anlegern ähnlich. Nach zehn Jahren gilt allgemein die Devise: Außer Spesen nichts gewesen.

Ganz anders lief es in den Schwellenländern, allen voran China: Wie O’Neill prophezeite, führte die vergangene Dekade zu einer Verlagerung des Wachstums in die Emerging Markets. Das gab auch den Börsen Rückenwind. Mit einem Mix aus China-Aktien waren aus Sicht eines Euro-Anlegers insgesamt 225 Prozent Gewinn zu erzielen.

Dank ihrer Nähe zu den Schwellenländern in Osteuropa konnte die Wiener Börse halbwegs mithalten. Vor den Anschlägen im Herbst 2001 dümpelte der ATX bei 1.170 Punkten herum. Die Ostfantasie führte den Index auf rund 5.000 Punkte, bis der Rückwärtsgang eingelegt wurde. Mit einem aktuellen ATX von 2.200 Punkten bleibt aber immer noch ein Zehnjahresgewinn von fast 90 Prozent übrig.

Der Start des Gold-Booms

Während die meisten Aktien unter den Spätfolgen des 11. Septembers litten, war Gold ein Nutznießer. 2001 konnte man eine Unze Gold noch für gut 300 Euro kaufen, zehn Jahre später hat sich der Preis mehr als vervierfacht. Die Krisenwährung profitierte gleich zweifach: Erstens schnellten ab dem Jahr 2011 die Staatsschulden immer schneller in die Höhe, was verunsicherte Anleger in den als sicher geltenden Hafen Gold trieb.

Zweitens spielte die wachsende Mittelschicht in China und Indien eine immer wichtigere Rolle als Edelmetall-Käufer. Zusammengerechnet sorgten die Milliarden-Einwohner-Staaten im 2. Quartal 2011 schon für 52 Prozent der weltweiten Nachfrage nach Münzen und Barren, außerdem für 55 Prozent des Absatzes von Goldschmuck. Das heißt: Es sind weniger die besorgten Mitteleuropäer, die die Preise von einem Rekord zum anderen treiben, sondern die kaufkräftigen Asiaten.

Ebenfalls zu den Gewinnern der vergangenen zehn Jahre zählten Anleihenkäufer. Die Risikoaversion ist offensichtlich zum bestimmenden Faktor geworden, der Preis für sichere Anlage hat sich seit den Anschlägen tendenziell erhöht. Anfang September 2001 bekamen Besitzer von zehnjährigen österreichischen Bundesanleihen noch mehr als fünf Prozent Rendite geboten, heute müssen sich Anleger mit etwas mehr als der Hälfte begnügen.

– Martin Kwauka

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