Nabucco-Traum nach elf Jahren geplatzt

Nabucco-Traum nach elf Jahren geplatzt

Wenn nicht gerade Songcontest ist, interessiert die Europäer herzlich wenig, was sich in Baku ereignet. Doch diese Woche war alles anders. Ganz Europa blickte mit Spannung in die aserische Hauptstadt, denn dort fiel eine folgenschwere Entscheidung: Über welche Pipeline wird künftig das heiß begehrte aserische Gas aus dem Kaspischen Meer nach Europa fließen?

Speziell in Wien war die Nervosität im Vorfeld der Entscheidung groß. Denn Wien hat in dem jahrelangen Gas-Poker eine wichtige Rolle eingenommen, manche meinen sogar, sich zu weit aus dem Fenster gehängt.

In Wien wurde nämlich im Jahr 2002 auf Initiative der OMV nicht nur das Nabucco-Projekt ins Leben gerufen, auch der Sitz der Projektgesellschaft Nabucco Gas Pipeline mit immerhin rund 60 Mitarbeitern befindet sich in Wien. Am Mittwoch, zwei Tage vor der offiziellen Verkündung der Entscheidung durch den aserischen Präsidenten Ilham Aliyev als Vertreter des mächtigen Shah-Deniz-2-Konsortiums, platzte dann die Bombe: Nabucco ist gescheitert, der kleinere Konkurrent TAP hat den Zuschlag bekommen.

Damit wurde der Schlussstrich unter eines der größten und meist diskutierten Infrastrukturprojekte Europas gezogen.

Günstigere TAP

Für Beobachter kam die Niederlage von Nabucco nicht unbedingt überraschend. Der Innsbrucker Politikwissenschafter und Nabucco-Experte Gerhard Mangott etwa meint: "Der große Vorteil der TAP ist, dass sie viel günstiger als Nabucco ausfällt.“ Geschätzten zwei bis drei Milliarden Euro Kosten für die deutlich kürzere TAP stehen mehr als sechs Milliarden Euro für Nabucco West, die bereits abgespeckte Variante der ursprünglichen Nabucco, gegenüber. Aber Mangott ortet auch handfeste Fehleinschätzungen und Fehlerwartungen von Seiten der OMV: "Nabucco wurde von Anfang an viel zu groß geplant und die ursprüngliche Hoffnung auf turkmenisches Gas war immer unrealistisch“.

Aber nicht allein die Kosten und die damit in Verbindung stehenden höheren Gewinnaussichten für das Shah-Deniz-Konsortium dürften bei der Entscheidung den Ausschlag gegeben haben. Über Italien soll das Gas weiter in neue, ungesättigte Märkte wie Montenegro oder Albanien fließen. Dort erhofft sich das Konsortium ein boomendes Geschäft. Das wäre von Österreich, oder genauer gesagt über den niederösterreichischen Hub Baumgarten, die geplante Endstation von Nabucco, nicht möglich gewesen.

Angeblich ist es der EU ganz recht, dass die TAP neue Investitionen ausgerechnet für die Krisenländer Griechenland und Italien bringt. Offiziell freilich wollte sich die EU für keine der beiden Varianten in die Schlacht werfen: "Beide Pipelines, Nabucco West und TAP, sind von strategischer Bedeutung für die Diversifizierung der europäischen Gasversorgung“, sagte EU-Kommisionspräsident José Manuel Barroso erst letzte Woche bei einem Besuch des aserischen Präsidenten Aliyev. Größere Unabhängigkeit der EU vom russischen Gas - etwa 40 Prozent der EU wird mit Gas von Putins Gnaden beliefert - steht für die EU im Vordergrund. Energieexperte Hans-Jörg Tengg kritisiert diese Haltung der EU: "Das ist ein Misserfolg der EU. Sie hätte sich viel mehr in das Projekt Nabucco einbringen müssen.“

Das vergebliche Engagement der OMV

Der OMV, mit mehr als 35 Prozent größter Anteilseigner an Nabucco, kann man mangelndes Engagement wohl nicht vorwerfen. Selbst als das Projekt durch diverse Verzögerungen, den Absprung von Konsortial-Partner RWE und selbst nach massiver Verkleinerung des Projekts auf Nabucco West wankte, gab es immer wieder Durchhalteparolen seitens des OMV-Managements. Lediglich über die Kosten hielt man sich bedeckt: "Die Kosten stehen in keinem Verhältnis zu anderen Großprojekten“, sagte OMV-Chef Gerhard Roiss in den letzten Monaten oft und oft. Rund 50 Millionen Euro an Planungsausgaben, darunter vor allem Beraterkosten wie für den früheren deutschen Außenminister Joschka Fischer, wird die OMV in ihren Büchern aber wohl abschreiben müssen. Insgesamt wurden seit 2008 schon 160 Millionen Euro in das Projekt Nabucco gepumpt.

Erst in jüngster Zeit distanzierte sich das österreichische Unternehmen - in weiser Voraussicht - ein wenig von dem kriselnden Projekt: "Nabucco ist nicht auf Seite Eins der OMV-Strategie“, sagte Roiss erstmals im heurigen Februar. Auch am Mittwoch gab man sich betont gelassen: "Die Entscheidung hat keinen Einfluss auf OMVs Strategie des wachsenden Upstream-Bereichs und des integrierten Gasgeschäfts“, hieß es in einer Aussendung.

Dennoch, für den OMV-Chef ist das nach dem Scheitern der intendierten Schiefergas-Bohrungen in Niederösterreich bereits die zweite große Niederlage in seiner Gas-Strategie innerhalb weniger Monate. Das nunmehrige Aus für Nabucco kommt für Roiss zu keiner guten Zeit, hätte doch dieser Tage sein Vorstandsvertrag, der im April nächsten Jahres ausläuft, verlängert werden sollen.

Neben dem Reputationsverlust durch das Scheitern von Nabucco und das Abschreiben von Millionenkosten, hat die OMV aber nun noch ein Problem. Denn Nabucco hätte auch dazu gedient, große Gasfunde der OMV im Schwarzen Meer nach Österreich zu transportieren. Nun muss sich das Unternehmen eine neue Erschließungsmöglichkeit suchen. Roiss schloss auch den Bau einer eigenen Pipeline nicht aus. Die Aktionäre der OMV ließ all das kalt: Mittwoch Früh, nach Auffliegen des Scheiterns von Nabucco, kletterte der Kurs der Aktie sogar leicht nach oben. Wahrscheinlich sind die Aktionäre froh, dass ihnen nun Milliardeninvestitionen erspart bleiben.

Russen bleiben beherrschend

Für den Chef des Regulators E-Control, Walter Boltz, der sich für Österreich einen Sieg von Nabucco gewünscht hätte, ist dennoch auch diese Entscheidung zu begrüßen: "Wichtig ist für Europa, dass es neben den Russen einen neuen Player gibt, und mehr Wettbewerb schadet nicht.“ Allerdings Wettbewerb in bescheidenem Ausmaß: Das Siegerprojekt TAP vermag gerade einmal, Gas im Ausmaß von rund zwei Prozent des gesamten europäischen Bedarfs zu liefern, während die russische Gazprom das 15-fache der Menge bereitstellen kann.

Auch South Stream, die russische Konkurrenzpipeline zur TAP, die bereits 2015 in Betrieb gehen soll, wird das Übrige dazu beitragen, dass die Russen ihre Vormachtstellung in Europa sicher nicht so bald abgeben werden.

Enorme Preissenkungen für die Konsumenten erwartet sich Boltz deshalb durch die neue Pipeline nicht: "Vielleicht wird Gas mittelfristig geringfügig billiger.“ Denn bei der Verhandlung neuer Lieferverträge mit den Russen hätten europäische Versorger nun eine bessere Verhandlungsposition.

Die Versorgung Österreichs mit Gas sieht Boltz jedenfalls nicht in Gefahr: "Von der Menge her kommen wir auch so gut über die Runden“. Zumal der Gasbedarf hierzulande, wie überhaupt in Europa, aufgrund der Wirtschaftskrise sinkt. Politikwissenschaftler Mangott beurteilt die Versorgungssituation in Österreich aber dennoch nicht rosig: "Vor allem das Leitungsnetz in der Ukraine ist hoffnungslos überaltet. Die verrosteten Leitungen gehörten dringend erneuert.“

Hoffentlich geht zumindest das schneller als die Entscheidungsfindung für Nabucco.

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