'Mr. DAX' Dirk Müller im FORMAT-Interview

Der langjährige Börsenhändler „Mr. DAX“ Dirk Müller über die Ausweglosigkeit der Euro-Rettung, den kommenden weltweiten Schuldenschnitt und den finalen Untergang unseres Finanzsystems.

FORMAT: Griechenland bekommt aller Wahrscheinlichkeit nach ein zweites Rettungspaket. Ist das Geld gut angelegt?

Müller: Nein, definitiv nicht. Wir hätten schon vor einem Jahr die Chance gehabt, Griechenland wirklich zu helfen.

FORMAT: Und wie?

Müller: Die 300 Milliarden Euro Schulden hätten garantiert werden müssen. Dann hätte das Land mit einem Umstrukturierungsplan über die nächsten zehn Jahre radikal umgebaut werden müssen.

FORMAT: Die EU-Politik spielt stattdessen auf Zeit …

Müller: Das ist völlig sinnlos. Griechenland hat nicht bloß ein Solvenzproblem – das durch die kurzfristigen Gelder aus dem Rettungspaket zu lösen wäre –, sondern schlicht kein Geschäftsmodell. Die Griechen können mit dem starken Euro kein Geld verdienen. Die Exporte machen nur noch 6 Prozent des BIP aus; die größten zwei Unternehmen im griechischen Aktienindex sind ein Getränkeabfüller und ein Sportwettenbetreiber. Griechenland ist ein Dienstleistungsland, aber erst wenn es dort wieder die Drachme gibt, sind seine Dienstleistungen wieder zu wettbewerbsfähigen Preisen zu verkaufen. Fazit: Das Rettungsgeld ist vergeudet. Griechenland wird seine Schulden nicht zahlen können, die Bürger gehen weiter auf die Straße – und am Ende kommt doch der Schuldenschnitt. Und wenn wir trotzdem Geld überweisen, obwohl wir das wissen, dann grenzt das an Veruntreuung von Steuergeldern.

FORMAT: Haben wir Steuerzahler wieder einmal die Banken gerettet?

Müller: Genau so ist es.

FORMAT: Die deutschen Banken wollen sich mit 3,2 Milliarden Euro an dem Rettungspaket beteiligen …

Müller: Das ist eine reine Farce. Die deutsche Regierung hat sich einmal aus dem Fenster gelehnt und gesagt, ein Rettungspaket gebe es nur mit einer Beteiligung der Finanzwirtschaft. Aus der Nummer kam sie nicht mehr raus, ohne das Gesicht zu verlieren. De facto ist das aber keine Beteiligung, weil am Ende auch hier wieder der Steuerzahler für Risiken garantiert, die die Banken damit eingehen. Der Betrag von 3,2 Milliarden Euro ist angesichts der Dimensionen ohnehin ein Scherz – da muss man sich doch wirklich fragen, ob die überhaupt noch einen Funken Anstand haben.

FORMAT: Sollte man deswegen als Privatanleger in Anleihen von europäischen Schuldenstaaten investieren? Schließlich sind die gut verzinst und werden durch den Steuerzahler garantiert.

Müller: Stattdessen kann man auch in die Spielbank gehen, da hat man vielleicht noch einen schönen Abend. So einen Blödsinn sollte man lassen, auch wenn es gut gehen kann. Die Wahrscheinlichkeit, dass das funktioniert, ist ziemlich gering.

FORMAT: Wie bewerten Sie die Ansteckungsgefahr durch Griechenland?

Müller: Die ist wirklich gefährlich, weil die anderen Staaten ähnliche Probleme haben wie Griechenland. Jeder Südstaat hat die falsche Währung. Der starke Euro passt nicht zu deren Wirtschaftsstatus. Währungen dienen als Puffer zwischen der unterschiedlichen Wirtschaftskraft verschiedener Länder. Sobald Griechenland abgefrühstückt ist, nehmen sich die Spekulanten den nächsten Kandidaten vor – dann geht es gegen Irland oder Portugal. Moody’s hat bereits Italien in den Fokus genommen. Wenn derart große Staaten unter Druck geraten, hat sich das Thema Euro-Rettung ohnehin erledigt.

FORMAT: Hängt die Politik am Gängelband der Finanzmärkte?

Müller: Offensichtlich. In der Politik haben nach meiner Einschätzung nur wenige eine Ahnung, wie die Finanzmärkte agieren. Stattdessen holt man sich Expertise von extern, das heißt von den Banken. Aber wenn man die Frösche fragt, ob der Teich trockengelegt werden soll, kann man sich doch vorstellen, wie die Antwort aussieht! Die Politiker sind die Getriebenen des Systems, rennen irgendwelchen kurzfristigen Lösungen hinterher, völlig ohne Perspektive und langfristige Vision.

FORMAT: Ist der Euro am Ende?

Müller: Der Euro ist in der jetzigen Form nicht zu halten – es sei denn, wir einigen uns radikal auf eine Transferunion, wo jedes Jahr hohe Milliardenbeträge von den starken in die schwachen Länder überwiesen werden. Wenn wir dazu bereit sind, können wir den Euro behalten.

FORMAT: Danach sieht es aber nicht aus …

Müller: In dem Fall halte ich einen Ausstieg der schwachen Südländer aus dem Euro für unumgänglich. Das wäre für alle das Beste: Die Südländer könnten abwerten und werden wieder wettbewerbsfähig; gleichzeitig gewinnen die Bürger in den Nordländern an Kaufkraft, weil die Importprodukte im Verhältnis billiger werden.

FORMAT: Aber das Problem der Südländer wäre doch, dass deren Schulden weiterhin in Euro laufen …

Müller: Wenn Griechenland zahlungsunfähig ist und seine Schulden streicht, wer sagt dann, dass sich das nicht noch einmal nachverhandeln lässt?

FORMAT: Ist die Schuldenkrise Südeuropas derzeit das drängendste Problem für die Weltwirtschaft?

Müller: Nein. Wir haben in allen entwickelten Staaten eine viel zu hohe Schuldenquote. Übrigens eine völlig normale Entwicklung unseres Wirtschaftssystems. Im Laufe der Jahre steigt automatisch der Schuldenberg – die Guthaben natürlich auch. Das Problem ist aber, dass sich sukzessive immer mehr Geld bei immer weniger Menschen ansammelt. Am Ende haben ganz wenige alles, und die breite Masse muss zahlen.

FORMAT: Ein Beispiel bitte.

Müller: Die privaten Haushalte in Deutschland halten Geldvermögen von 5 Billionen Euro, aber die Hälfte der Bevölkerung hat davon weniger als 4 Prozent – also so gut wie nichts. Dem oberen Zehntel gehören dafür mehr als 60 Prozent dieses Vermögens. Entwicklungen wie diese gehen so lange gut, bis die Masse der Zahlenden nicht mehr kann. Schließlich kommt es zum Bruch. Ob man das dann Währungsreform, Schuldenschnitt oder New Deal nennt: Es kommt zu einer Rückverteilung von oben nach unten.

FORMAT: Und an dem Punkt sind wir gerade?

Müller: Genau. Das ist die finale Phase unseres bestehenden Finanzsystems. Der Unterschied zu früher ist nur, dass die Staaten diese Phase bislang zu unterschiedlichen Zeiten erreicht haben; da konnte die Stabilität der übrigen den jeweiligen Wackelkandidaten auffangen. Durch die Globalisierung sind wir heutzutage im Gleichtakt und rauschen alle gemeinsam in den Abgrund.

FORMAT: Dagegen spricht aber, dass die Schwellenländer nicht annähernd so hohe Schuldenstände haben. Sollten die nicht davon verschont bleiben?

Müller: Nein. Wir sehen in den Schwellenländern ein Problem, das in solchen Phasen immer auftritt: Die Länder werden hochgejubelt und ziehen enorme Mengen Kapital an. Gleichzeitig hat die breite Masse der Menschen dort in der Regel nur sehr wenig davon. Schließlich entstehen Blasen. Irgendwann zieht sich das Geld wieder zurück, dann kommt der Crash. Das konnte man im kleinen Maßstab in Irland beobachten, ebenso am Bauboom in Spanien. Auch die Asienkrise vor zehn Jahren lief so ab.

FORMAT: Wo platzt die nächste Blase?

Müller: Wahrscheinlich in China. Die Immobilienpreise haben sich dort in den vergangenen zwei Jahren mehr als verdoppelt, zwei Drittel der neuen Immobilien stehen leer, weil sie sich kein Mensch leisten kann. Die Preise im Verhältnis zum BIP liegen sogar weit über denen, die in der Spitze der japanischen Immobilienblase zu sehen waren. Derzeit setzen die ersten großen Hedgefonds auf ein Platzen der chinesischen Immobilienblase. Das Problem ist, dass der chinesische Immobilienmarkt eine der Säulen des dortigen Aufschwungs ist. In dem Augenblick, wo diese Säule bricht, wird China zusammenbrechen – und damit die Weltwirtschaft.

FORMAT: Und die USA kommen auch nicht aus der Krise raus?

Müller: Sie machen ja gar keine Anstalten, aus den Schulden rauszukommen. Wahrscheinlich, weil sie sehr genau wissen, dass sie diese Schulden in wenigen Jahren nicht mehr haben werden. Wenn die chinesische Blase platzt, wird es zu einer schnellen, scharfen Rezession kommen; gleichzeitig wird kein Geld mehr für große Konjunkturpakete da sein. Dann werden die Schulden neu verhandelt – und zwar in sämtlichen OECD-Staaten.

FORMAT: Wann passiert das?

Müller: Ich habe keine Ahnung, ob das in einem halben Jahr oder in fünf Jahren passiert. Aber eins ist klar: Diesen Aufschwung, den wir in den letzten zwei Jahren erlebt haben, kennen wir aus der österreichischen Schule der Nationalökonomie. Es ist ein sogenannter Crackup-Boom. Kurz bevor ein System zusammenbricht, werden noch einmal sämtliche Reserven mobilisiert. Genau das haben wir mit den Konjunkturpaketen getan. Jetzt ist Schluss.

FORMAT: Was raten Sie Privatanlegern in dieser Situation?

Müller: Die sinnvollste Variante ist der Erwerb von Realwerten, also etwa von Aktien oder Edelmetallen. Allem anderen – ob Währungen oder Anleihen – ist nicht mehr zu trauen. Aber: Auch bei Realwerten sollte man sich versichern, denn wenn die nächste Rezession kommt, brechen diese zunächst auch massiv ein. Meine Strategie besteht darin, die Realwerte mit Verkaufsoptionen gegen Kurseinbrüche abzusichern. So verliert man nichts, wenn die Werte einbrechen – im Gegenteil, man erhält Geld und kann billiger nachkaufen. Und wenn es doch weiter nach oben geht, machen die paar Prozent vom Depotwert, die man für die Optionen gezahlt hat, ohnehin nichts.

FORMAT: Gibt es Finanzprodukte, die verboten gehören?

Müller: Aber sicher! Etwa die Nahrungsmittelspekulation. Wir treiben die Lebensmittelpreise hoch, ohne die Lebensmittel wirklich zu verbrauchen. Reine Profitgier führt so dazu, dass anderswo Menschen hungern müssen. Generell muss die Spekulation deutlich zurückgefahren werden. Auch wenn sie an sich nicht schlecht ist – auch ich zocke gerne –, das Verhältnis stimmt nicht mehr. Auf einen, der real investiert, kommen mindestens zehn Spekulanten. Das ist extrem gefährlich.

FORMAT: Was wäre also zu tun?

Müller: Die einfachste Variante wäre, die Spekulation auf Kredit zu erschweren. Es kann nicht sein, dass man mit einem Guthaben von 1.000 Euro Aktien im Wert von 100.000 Euro bewegen kann. Dieser Hebel muss weg. Zocken ja, aber bitte nur mit eigenem Geld. Damit wären auch die Banken gezwungen, ihre Kredite denen zur Verfügung zu stellen, die in reale Werte oder gute Ideen investieren. Ein Beispiel: An einem durchschnittlichen Tag werden an der Frankfurter Börse 1.000 neue Derivate gelistet – in Summe sind das zurzeit mehr als 500.000 Wettprodukte! Und gleichzeitig hatten wir nicht einmal zwei Hand voll reguläre Börsengänge.

FORMAT: Sie waren ja selbst lange Börsenhändler. Ist das einer der Gründe, weswegen Sie aufgehört haben? „Es werden noch einmal sämtliche Reserven mobilisiert. Dann ist Schluss.“

Müller: Das auch, aber der Job hat sich auch sonst total verändert: Früher hat man noch mit Menschen gehandelt, da hat es noch so etwas wie Kaufmannsehre gegeben. Das ist heute gar nicht mehr möglich, weil der Mensch einfach zu langsam geworden ist. Computer gehen binnen Nanosekunden Geschäfte miteinander ein, und der Mensch sitzt nur noch wie ein Autist davor. Dabei spielt es für einen wirklichen Investor, der langfristig investieren will, gar keine Rolle, ob er jetzt zuschlägt oder ein paar Sekunden später. Das ist nur im Hochfrequenzhandel entscheidend. Den aber braucht in Wahrheit niemand, der erhöht nur die Volatilität des Systems – und zieht damit das in der Realwirtschaft dringend benötigte Geld ab, weil sich immer weniger langfristige Investoren in den Markt trauen.

FORMAT: Der Hochfrequenzhandel müsste also auch verboten werden?

Müller: Der gehört sofort abgeschafft. Deshalb bin ich auch ein Freund der Finanztransaktionssteuer. Ein Privatanleger zahlt da für eine Transaktion eine Gebühr von wenigen Euro, viel weniger als den Ausgabeaufschlag. Wirklich treffen würde das nur die Hochfrequenzhändler.

FORMAT: Die wird ja immerhin diskutiert. Ebenso dass systemrelevante Banken künftig bis zu 9,5 Prozent „hartes“ Eigenkapital vorhalten sollen. Reicht das?

Müller: Je mehr, desto besser. Wir sollten überhaupt einmal darüber nachdenken, ein Vollgeldsystem einzuführen. Warum räumen wir den Privatbanken überhaupt die Möglichkeit ein, Geld zu schöpfen? Wieso macht das nicht eine unabhängige Zentralbank? Es kann doch nicht sein, dass der Staat sich Geld leiht, das die privaten Banken aus dem Nichts schöpfen, und dass die Banken dafür Zinsen kassieren, die letztlich wieder von den Bürgern erwirtschaftet werden müssen.

Interview: Arndt Müller

Zur Person: Dirk Müller, 42, erlangte als „Mister DAX“ allgemeine Bekanntheit, weil er als Händler an der Frankfurter Börse unterhalb der Kurstafel saß und damit zum medialen Gesicht der Finanzkrise wurde. Vor zwei Jahren hat Müller das Buch „Crashkurs“ veröffentlicht. Er betreibt den Finanzinformationsdienst www.cashkurs.com .

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