Moral der Märkte: Wie moralisch kann Wirtschaft sein?

Moral der Märkte: Wie moralisch kann Wirtschaft sein?

Moral und Ethik sind für Unternehmen längst mehr als schmückendes Beiwerk für den Geschäftsbericht.

Doch wie viel soziale Verantwortung können oder sollen Unternehmen eigentlich tragen? Schließlich sind sie darauf angewiesen, Gewinne zu schreiben, meist stehen auch Aktionäre dahinter, die bei schlechten Zahlen rasch aufmüpfig werden. Wie passen Märkte und Moral überhaupt zusammen? Ist ethisches Handeln die Aufgabe von Unternehmen? Und kann man ihnen glauben, wenn sie sich die Schleife CSR (Corporate Social Responsibility) umhängen? Solche und ähnliche Fragen sollen beim Uni-Forum beim Forum Alpbach heuer behandelt werden.

Nachhaltigkeit ist präsent

Für den Bergbau jedenfalls legt Peter Moser, Vizerektor für Infrastruktur und Internationale Beziehungen an der Montanuniversität Leoben und einer der Diskutanten in Alpbach, ein gutes Wort ein: „Im Bergbau und in der Rohstoff verarbeitenden Industrie ist der Gedanke der Nachhaltigkeit in jedem Unternehmen präsent. Irgendwann gibt es fehlende Ressourcen, und die nächste und übernächste Generation soll genauso arbeiten wie wir.“ Zur Nachhaltigkeit gehört für ihn nicht nur, Ressourcen zu schonen, sondern auch, sich um die Leute zu kümmern, die rund um einen Bergbaubetrieb wohnen: „Bei der Rohstoffgewinnung kommt man in Konflikt mit der Gesellschaft. Man greift in ein soziales Gefüge ein, man braucht Land – all das hat Auswirkungen auf die Umwelt.“

Die großen Bergbaukonzerne der Welt stehen daher häufig am Pranger. In Österreich spitze sich das Problem meist auf die Umgebung und die Nachbarschaft zu, weil niemand „einen Steinbruch im Garten haben will“. In anderen Ländern geht es oft um weit mehr. Ein ganz schwieriges Thema sei Rohstoffgewinnung zum Beispiel in tropischen Ländern: Zum einen, weil die Flächen dann nicht für anderes zur Verfügung stehen, zum anderen durch den Regen, der zu Erosionen führt. Oft kommt auch Korruption erschwerend hinzu, und auch soziale Ungleichgewichte entstehen häufig als Folge der Rohstoffgewinnung. Beispiel Öl in Norwegen: „Man kommt in Gebiete, wo die Leute sehr wenig verdienen.“ Bei den Rohstoffunternehmen würden die Mitarbeiter zum Teil plötzlich das zehnfache Einkommen erhalten. „Das führt zu einer totalen Schieflage“, sagt Moser.

Gigantischer Druck

Kein Wunder also, dass Unternehmen gelernt haben, mit Kritik umzugehen und große PR-Maschinerien aufgebaut haben. Doch steckt etwas hinter den schönen Worten der Pressesprecher? Moser möchte „nicht ausschließen, dass es Unternehmen gibt, die nur auf der PR-Seite was tun, aber ich glaube, das sind nicht viele“. Als etabliertes Unternehmen „würden Sie so einen Weg nicht überleben. Es gibt sehr viele NGOs, die den Leuten auf die Finger schauen“. Sogar Investoren, Aktionäre und Shareholder würden das tun. „Es gibt einen gigantischen öffentlichen Druck, und das ist gut.“ Mit PR wehre man sich dagegen, dass Dinge plakativ unterstellt würden. Moser denkt etwa an die öffentlichen Schelten, die die OMV einstecken muss, weil sie über Schiefergasgewinnung nachdenkt. Dabei seien das bisher nur Überlegungen, außerdem gebe es „umfangreiche Forschungs- und Entwicklungs-Tätigkeiten, angelegt auf die nächsten 20 Jahre.“ Nachhaltig zu handeln ist heute also „ein unabdingbares Muss für jedes Unternehmen.“ So habe sich die Firma Vale, eines der drei größten Bergbauunternehmen der Welt, das 2012 den Negativpreis „Public Eye Award“ für den Bau des Belo Monte- Damms in Brasilien erhielt, dem Thema Nachhaltigkeit verschrieben und eröffnete ein Forschungszentrum, das sich mit den Auswirkungen von Bergbau beschäftigt. Auch ein Nachhaltigkeitsbericht, den Vale seit sechs Jahren herausgibt, soll zur Imagepflege beitragen.

Keine sozialen Wohltäter

Den Stammbuchspruch „Tue Gutes und rede darüber“ haben viele Unternehmen verinnerlicht. Schwierig wird es aber, über etwas zu reden, das man nicht sieht. „Das Gute lässt sich leicht kommunizieren. Aber es ist wahnsinnig schwer kommunizierbar, nichts Böses zu tun“, sagt André Martinuzzi, Leiter des Institute for Managing Sustainability an der Wirtschaftsuniversität Wien und ebenfalls beim Forum Alpbach dabei. „Das Blöde ist: Wenn Sie eine Checkliste mit 120 Punkten haben, von denen 115 abgehakt sind, wird Sie jeder Journalist auf die verbleibenden fünf ansprechen. Das ist eine für Unternehmen frustrierende Vorgangsweise.“ Dass Unternehmen keine sozialen Wohltäter sind, kann Linda Pelzmann, Leiterin der Abteilung Wirtschaftspsychologie der Uni Klagenfurt, verstehen: „Sie würden es sich leicht machen, wenn sie die Spendierhosen anziehen. Das wäre viel einfacher als an der Zukunft mitzugestalten.“ Unternehmen müssten ihre Gewinne zusammenhalten, „damit sie sich und uns die Zukunft leisten können. Sie sollen mit dem Gewinn tun, wozu er da ist“ und innovative und damit riskante Projekte finanzieren.

Unternehmenszweck überdenken

Anstatt sich also mit Spenden von einer gesellschaftlichen Schuld freizukaufen, sollte das Geld in Innovationen investiert werden, die auch künftigen Generationen ein Leben im Wohlstand ermöglichen. „Das Neudenken des Unternehmenszweckes ist das Spannende an CSR“, sagt Wirtschaftswissenschafter André Martinuzzi. Er nennt als Beispiel eine deutsche Pharmafirma, die die Frage nach dem Unternehmenszweck wie folgt beantwortet: „Eigentlich stellen wir nicht nur Medikamente her, sondern dienen dazu, die Lebenssituation von Menschen zu verbessern.“ Diese Erkenntnis führte dazu, dass sich die Firma breiter aufstellte und eigene Betreuungszentren gründete - das Unternehmen hat Wissen generiert.

Dennoch scheinen die negativen Berichte in Sachen Nachhaltigkeit noch immer zu überwiegen. Doch wer trägt die Verantwortung, wenn etwas schief läuft? Martinuzzi: „Es geht nicht darum, den Märkten Moral abzufordern.“ Märkte seien per se nicht moralisch – moralisch könnten nur die Akteure und die Spielregeln auf den Märkten sein. Diese Regeln müssten von der Politik festgelegt werden: „Die Frage ist: Gestaltet die Politik die Spielregeln der Märkte oder wird sie von der Logik der Märkte getrieben?“ Anstatt nur auf Wettbewerbsfähigkeit bedacht zu sein, sollte sich die Politik auf demokratische, ethische und humanistische Prinzipien besinnen und eine an Verantwortung und Nachhaltigkeit orientierte Wirtschaftsordnung etablieren.

Bis das so weit ist, bleibt es wohl an den NGOs und den Konsumenten hängen, Unternehmen zur Nachhaltigkeit zu drängen. Und hier sollte man sich laut Martinuzzi auch fragen, wie weit die Nachhaltigkeit eigentlich geht: „Wie weit reicht die Verantwortung? Bis zum Fabrikstor, bis zum Zulieferer, bis zum Zulieferer vom Zulieferer?“

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