Mobilfunk-Revolution: Nix mehr mit Null Euro

Hutchison „3“ übernimmt Orange und mischt die Karten am Mobilfunkmarkt neu. Die ganze Branche hofft auf ein Ende des knallharten Preiskampfes. Die Kunden werden mehr zahlen müssen.

Ab 23. Jänner herrscht Ausnahmezustand – in China. Außer dem Verkehr steht auch jedes Geschäft still, wenn sich Millionen von Chinesen in einer einzigartigen Völkerwanderung quer durch das Reich der Mitte aufmachen, um bei ihren Verwandten das chinesische Neujahr zu feiern. Bei diesen traditionellen Feierlichkeiten hat das Business Pause.

Das hält auch Canning Fok so, Chef des bald 40 Milliarden Dollar schweren Mischkonzerns Hutchison Whampoa. Zu diesem gehört auch eine Mobilfunk- Sparte und somit der österreichische Mobilfunker „3“. Fok hat einen fertigen Kaufvertrag am Schreibtisch liegen, dessen Inhalt weitreichende Konsequenzen für den heimischen Mobilfunkmarkt haben wird.

Nach einem monatelangen Verhandlungsmarathon ist die Sache laut Eingeweihten zu „99 Prozent“ fix: Der kleinste Netzbetreiber Österreichs, Hutchison 3, übernimmt den Konkurrenten Orange. Bald nach dem chinesischen Neujahr wird der Deal besiegelt werden. Und 3 kann bis auf einen kleinen Respektsabstand zu T-Mobile aufschließen. Die Hongkonger bezahlen mit 1,4 Milliarden Euro dieselbe Summe an die Orange-Besitzer France Télécom (65 %) und Mid European Partners (35 %), die jene 2007 für die Vorgängergesellschaft One gezahlt hatten.

Gemeinschaftsaktion

Bis zum sogenannten Closing des Geschäfts wird es dann aber noch eine Weile dauern. Denn diese Fusion wird den österreichischen Handymarkt revolutionieren – und ist kartellrechtlich deswegen besonders heikel. In Wahrheit ist die ganze Branche daran beteiligt und hilft 3 bei der Finanzierung.

Marktführer A1 „beteiligt“ sich mit kolportierten 400 Millionen Euro an dem Kauf und bekommt dafür die Orange-Diskontmarke yesss!, Basisstationen und Funkfrequenzen. Auch T-Mobile ist mit von der Partie. Die noch im Herbst 2011 ausverhandelte Netzkooperation zwischen Orange und T-Mobile wird auf 3 umgeschrieben. Neue „National Roaming“-Abkommen werden geschlossen: T-Mobile wird in ländlichen Gebieten, wo es selber noch keine UMTS-Abdeckung hat, über das 3-Netz funken. Und 3 wird im Gegenzug das 2G-Netz von T-Mobile nutzen können.

Dutzende Anwälte waren beschäftigt, um das gemeinsame Vorgehen von 3, A1 und T-Mobile wettbewerbsrechtlich so wasserdicht wie möglich zu gestalten. Denn eines ist ganz klar: Ziel ist, den von Preiskämpfen erschütterten Markt zu beruhigen. Die hierzulande besonders niedrigen Preise im Mobilfunk sollen wieder steigen.

Bei einem Wien-Besuch im Herbst 2011 untermauerte Canning Fok das Festhalten am österreichischen Markt mit den Worten: „2010 haben wir mit dem Geldverdienen begonnen. Jetzt kommen die fetten Jahre.“ Die nationalen und Brüsseler Wettbewerbsbehörden werden sehr genau prüfen, um zu verhindern, dass die Konsumenten zu sehr unter die Räder kommen. Auch den Kartellwächtern klingt der Mantra-artige Ruf der Netzbetreiber-Bosse von Hannes Ametsreiter (A1) bis Robert Chvátal (T-Mobile) im Ohr: „Einer ist zu viel am Markt“, und „der Preiswahnsinn muss endlich ein Ende haben.“ Das klingt sehr nach der Hoffnung, dass man sich zu dritt um eine „vernünftigere“ Tarifgestaltung kümmern könne. Umsätze und Margen der Betreiber sind seit Jahren im Sinkflug. Diesen Trend will man stoppen.

Am Ende, so ist zu erwarten, werden die Behörden die Orange-Übernahme absegnen – möglicherweise mit Auflagen, aber trotzdem lässt sich unschwer prognostizieren, dass sich die bisherige Null-Euro-Branche neue Spielregeln geben wird. Die Kunden müssen sich auf eine Vertreibung aus dem Handy-Paradies einstellen.

Im Herbst 2012 – bis dahin könnte 3 am Ziel sein – gehen wieder Frequenzversteigerungen über die Bühne. Dann müssen die Betreiber weitere Hunderte Millionen in Frequenzpakete und technische Aufrüstung investieren. Schon um dieses Geld wieder hereinzuspielen werden sie alles daran setzen, ihre Profitabilität zu erhöhen. Die EBITA-Margen bewegen sich in Österreich zwischen 25 und 36 Prozent. In Deutschland und Italien liegen sie bei fast 50 Prozent. Globale Telekom-Anbieter wie die französische oder deutsche Telekom investieren daher lieber in profitträchtige Zukunftsmärkte wie Afrika oder sehen zu, dass sie die nächsten Technologieschritte auf ihren Heimmärkten umsetzen. Die Losung, die Orange-Boss Michael Krammer noch vor einem Jahr ausgab – „Wir sind gekommen, um hier Wurzeln zu schlagen“ –, ist im beinharten Austro-Markt schnell Makulatur geworden.

Weniger Handy-Stützungen

Der Preiskampf um die Konsumenten wird nicht schlagartig enden. „Das wird jetzt ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen T-Mobile und 3“, schätzt Österreichs größter Handyhändler, Robert Hartlauer, „da strebt jeder den zweiten, wenn nicht sogar den ersten Platz an“. Kurzfristig wird sich an den Verbraucherpreisen also erst einmal nicht so viel ändern. Aber nach und nach wird sich die Revolution bemerkbar machen. Österreich hat für Verbraucher die niedrigsten Handykosten in Europa. Ein Smartphone-Pauschaltarif ohne Hardware um 7,5 Euro, wie ihn Orange gerade anbietet, ist nicht mehr zu unterbieten. Doch die Null-Euro-Promotions werden seltener. Ebenso Gerätestützungen durch die Betreiber in der Höhe von ein paar Hundert Euro.

So sehen das auch die Konsumentenschützer der Arbeiterkammer. „Der dauernde Preisverfall, an den sich die Konsumenten gewöhnt haben, geht in der Form nicht weiter“, sagt AK-Konsumentenschützerin Daniela Zimmer. „Bislang hat die Mobilfunkbranche die Kunden nicht mit Preisanpassungen an die Inflation behelligt. Jetzt liest man in den Verträgen doch die eine oder andere diesbezügliche Klausel.“ Die heimischen Mobilfunk-Konsumenten sind verwöhnt und sensibel und können sich selbst über kleine Nadelstiche wie die 2011 eingeführte, jährliche Servicepauschale ziemlich echauffieren.

Die Konsumentenschützer werden die geplante Marktkonsolidierung vor allem unter dem Aspekt beobachten, ob die Mobilfunker im Zuge der technischen Umstellungen ihre Dienste einwandfrei erbringen können. „Vorschnell wird niemand die Preise erhöhen“, sagt Telekom-Experte und Arthur-D.-Little-Geschäftsführer Karim Taga, „die Beruhigung des Marktes wird auf natürliche Weise eintreten.“ Will heißen: Weniger Marken zur Auswahl bieten den Kunden auch weniger Chancen zum Wechsel. „Die Netzbetreiber gewinnen hier schon allein bei der Kundenbindung viele Millionen, denn die Neukundengewinnung ist noch immer teuer.“ Im Schnitt kostet ein Neukunde durch Anreize wie ein Null-Euro-Handy zwischen 150 und 200 Euro in der Anbahnungsphase. Und in der Vergangenheit wechselte durchschnittlich fast eine Million Kunden pro Jahr den Anbieter.

Bessere Margen werden auch durch die nun möglichen Skaleneffekte erreicht. Basisstationen können besser ausgenutzt werden, und es werden auch die Marketing-Ausgaben geringer werden, weil es in Summe weniger Promotion-Aktionen geben wird.

2011 wurden 3,3 Millionen Handys in Österreich verkauft, davon bereits ein Drittel im freien Verkauf, also ungestützt – Tendenz: weiter steigend. Je länger die Vertragslaufzeiten der Mobilfunker wurden, umso mehr hatten die Konsumenten das Gefühl, mit einem „freien“ Handy schneller im Bäumchen-wechsledich-Spiel agieren zu können. Vor fünf Jahren waren die sogenannten SIM-only-Tarife wenig gebucht, heute hat sie jeder Betreiber im Angebot.

Speed wird kosten

So richtig anziehen werden die Preise wohl ab 2013. Denn dann werden die Mobilfunker voll mit dem Ausbau der nächsten Netzgeneration LTE (Longterm Evolution) beginnen müssen. Die mobil konsumierten Datenvolumen haben sich dank Smartphone und Tablet-Boom seit 2008 verdreifacht. Und wer künftig Daten mit Turbo-Geschwindigkeit laden will, wird das sicher auch extra bezahlen müssen. UPC und A1 machen es im Festnetz mit ihren Speed-Aufschlägen bereits vor.

Neu gemischt werden die Karten auch aus Markensicht. Die France-Télécom-Marke Orange dürfte mit der Übernahme durch 3 Geschichte sein. Denn der neue Besitzer müsste sehr hohe Lizenzgebühren an die France Télécom zahlen, was eine Weiterführung betriebswirtschaftlich nicht sinnvoll macht. Anders stellt sich das beim Diskonter yesss! dar. yesss! bringt 750.000 Kunden und einen genialen – weil exklusiven und extrem billigen – Vertriebskanal (Hofer) mit. Die Branche geht davon aus, dass der künftige Eigentümer A1 den Namen weiterverwenden wird.

Mittelfristig scheint eine Schärfung der einzelnen Marken aber unumgänglich. Wo sich selbst die Billigmarken im Preis kaum mehr von den Topmarken unterscheiden, haben die Konsumenten im Tarifdschungel mittlerweile den Überblick verloren. Für Markenexperte Michael Brandtner ging die Orientierung am Markt eigentlich schon mit der Übernahme von tele.ring durch T-Mobile verloren. „Vor fünf Jahren war noch klar: A1 ist Technologieführer, die Speckmänner von tele.ring sind die Preisführer. Heute ist fast alles unprofiliertes Mittelfeld, und aus Markensicht ist das ideal für den Marktführer A1.“

Den stärksten Verteidigungswall hat A1 bislang um seine profitablen Firmenkunden gezogen, hier war T-Mobile der einzige Herausforderer. „An den Spieltisch wird sich jetzt auch ein neuer, starker Anbieter 3 setzen“, vermutet Martin Wallner, Chef der Samsung-Telekomsparte, „das können sich bald nicht mehr nur A1 und T-Mobile unter sich ausmachen.“ Die Handylieferanten sehen die Konsolidierung indes recht pragmatisch. Viele Deals werden schon heute von den Konzernmüttern mit Großrabatten in den Zentralen getätigt.

Bitter wird das chinesische Jahr des Drachen 2012 in jedem Fall für die 800 Mitarbeiter von Orange in Österreich. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass viele von ihnen das nächste chinesische Neujahr nicht mehr mitfeiern werden, weil der chinesische Eigentümer Rationalisierungsprogramme fahren wird.

Für die handyverliebten Österreicher wird 2012 im Rückblick als der Zeitpunkt gesehen werden, wo die Vertreibung aus dem Null-Euro-Paradies begonnen hat. Zwar langsam, aber doch.

– Barbara Mayerl

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