Mister Murdochs tiefer Fall

Fallender Aktienkurs, geplatzte Übernahme und drohende Millionenklagen: Nach der Abhöraffäre wankt das Firmenreich des amerikanischen Medienzaren Rupert Murdoch.

Mitleiderregend sah der 80-jährige Mann aus, der Dienstagmittag auf einer Weltbühne Rede und Antwort stand. Das Gesicht bleich und etwas eingefallen, die Schultern zusammengesunken, saß er vor den Mitgliedern des britischen Parlamentsausschusses. So hat man Rupert Murdoch, den mächtigsten Medienmogul der Welt, noch nie gesehen. „Dies ist der demütigste Tag meines Lebens“, sagte der Chef und Gründer des Milliardenkonzerns News Corporation in seinem Eröffnungsstatement.

In dem dann folgenden, fast dreistündigen Verhör antwortete Murdoch auf fast jede Frage: Er wisse es nicht. Seine Manager hätten ihn nicht über die Abhörpraktiken seines Revolverblatts „News of the World“ informiert. Über die gehackten Telefone, die Bestechungsgelder und die außergerichtlichen Einigungen mit Prominenten habe er erst aus der Presse erfahren.

Vor den Parlamentariern saß ein Mann, dem sein Lebenswerk gerade zu entgleiten droht. Einige Investoren forderten in den vergangenen Tagen schon den Rücktritt des Patriarchen. An diesem Punkt wurde Murdoch plötzlich ganz klar: „Ich bin die beste Person, um das aufzuräumen.“ Ob er es schafft, ist eine andere Frage.

Der Skandal um „News of the World“ stürzt Murdochs Konzern in die tiefste Krise seiner Geschichte. Ein Sturm der Entrüstung brach los, als vor zwei Wochen bekannt wurde, dass das Boulevardblatt auch das Telefon eines 13-jährigen Mordopfers angezapft hatte. Seitdem kommen täglich neue Enthüllungen ans Licht. Über 12.000 Telefone von Schauspielern, Royals, Politikern, Popsängern und Opfern von Gewaltverbrechen hat „News of the World“ in der Vergangenheit illegal abgehört. Mindestens 100.000 Pfund Bestechungsgelder zahlte die Zeitung an die englische Polizei, um an pikante Details zu gelangen. Dabei beschränken sich die kriminellen Machenschaften in Murdochs Zeitungsreich offenbar nicht nur auf „News of the World“, die er kürzlich einstellte. Auch die „Sun“ und die „Sunday Times“ stehen unter ähnlichem Verdacht.

Murdochs Imperium wankt

Das weltweit zweitgrößte Medienunternehmen (siehe unten ) verlor in den vergangenen zwei Wochen mehr als acht Milliarden Dollar Börsenwert. Die Ankündigung, den Kurs mit einem Aktienrückkauf im Wert von fünf Milliarden Dollar zu stützen, konnte den Absturz der Aktie nicht stoppen. Die Reaktion der Börse steht in keinem Verhältnis zum Umsatz der Zeitungen, denn 90 Prozent der Gewinne stammen aus dem Film- und TV-Geschäft.

Doch die Börse signalisiert, was auch Murdoch längst wissen dürfte: Die Enthüllungen über „News of the World“ bedrohen den ganzen Konzern. Sein wichtigstes Geschäft der vergangenen Jahrzehnte musste Murdoch bereits abschreiben. Ein Jahr lang versuchte News Corp den englischen Bezahlsender BSkyB komplett zu übernehmen, an dem Murdoch bereits 39 Prozent der Anteile hält. Bis zum Ausbruch der Krise sah es so aus, als sei der Kauf der restlichen 61 Prozent nur noch eine Formsache. Nach Protesten aller großen Parteien musste Murdoch das Übernahmeangebot vergangene Woche zurückziehen.

Strategisch ist die Niederlage ein herber Schlag für den Konzern. Denn der BSkyB-Kauf wurde als wichtiger Schritt gesehen, News Corp fit für die Zukunft zu machen. Da die Zeitungen kaum noch Geld abwerfen, wollte der Konzern vermehrt in Fernsehen investieren. Durch eine Komplettübernahme hätte das hochprofitable BSkyB auf einen Schlag über 30 Prozent zum Gesamtumsatz beigesteuert.

Die geplatzte Übernahme von BSkyB könnte jedoch bald Murdochs kleinstes Problem sein. Viele Aktionäre prüfen offenbar rechtliche Schritte, eine Gruppe von institutionellen Investoren unter der Leitung der New Yorker Amalgamated Bank hat bereits vor einem US-Gericht Klage gegen Murdoch eingereicht. In der Klagsschrift heißt es, es sei unglaubwürdig, dass Murdoch und sein Sohn James „nichts über die illegalen Recherchepraktiken gewusst haben sollen“.

Die Londoner Polizei zweifelt ebenfalls am Unwissen des Managements. Mit Rebekah Brooks, Andy Coulson und Neil Wallis wurden bereits drei hochrangige News-Corp-Manager festgenommen. Einer der wichtigsten Belastungszeugen ist jedoch am Montag verstorben. Die Londoner Polizei fand den ehemaligen „News of the World“-Journalisten Sean Hoare tot in seiner Wohnung auf. Der Reporter packte als Erster zum Skandal aus und hatte den früheren „News of the World“-Chefredakteur und späteren britischen Regierungssprecher Andy Coulson belastet. Coulsons Behauptungen, als Chefredakteur nichts von den abgehörten Telefonen gewusst zu haben, sei „eine Lüge“. In britischen Zeitungen werden immer mehr ehemalige „News of the World“-Mitarbeiter zitiert, die Hoares Aussagen bestätigen. Wenn nur ein Bruchteil von ihnen vor Gericht aussagt, wird es eng für Murdoch und seinen Konzern.

Nicht nur gegen zivilrechtliche Klagen von Investoren muss sich der Konzern wappnen, auch strafrechtliche Folgen werden wahrscheinlicher. In Großbritannien können Unternehmen zu hohen Strafzahlungen verurteilt werden. Gemäß dem Investigatory Powers Act muss dazu bewiesen werden, dass kriminelle Taten mit dem „Einverständnis oder der Duldung“ durch das Management geschehen sind.

US-Klagen drohen

Noch teurer und politisch heikler wird es, sollte sich das US-Justizministerium einschalten und selbst Anklage erheben. Laut US-Gesetz ist das bei Korruptionsfällen möglich, selbst wenn sie im Ausland stattfanden. In den USA sind meist deutlich höhere Strafzahlungen fällig als in Großbritannien. Bis zu 100 Millionen Dollar Strafe könnte der News Corporation in den USA dadurch blühen.

Noch sieht es so aus, als ob die Amerikaner den Fall ihren britischen Justizkollegen überlassen. Das könnte sich aber schnell ändern. Angeblich sollen Reporter von „News of the World“ auch die Mailboxen der Opfer vom Anschlag des 11. Septembers 2001 abgehört haben. Das FBI hat inzwischen Ermittlungen aufgenommen. Es gibt wohl kein Thema, bei dem die Amerikaner so empfindlich reagieren wie auf die Attacke auf das World Trade Center. Sollte sich dieser Verdacht bestätigen, dürften Murdochs Schultern bald noch tiefer hängen.

Gegen Ende der Anhörung am Dienstag stürzte ein Mann aus dem Publikum auf Murdoch und klatschte ihm eine Torte aus Rasierschaum ins Gesicht. Der Medienunternehmer weiß wie kein Zweiter um die Kraft von Bildern. Das Foto des bekleckerten Murdochs könnte zum Symbol seines Niedergangs werden.

– Tina Kaiser, London

News Corp: Mächtige Medien
Mit 22 Jahren erbt Rupert Murdoch von seinem Vater die australischen Zeitungen „The Adelaide News“ und „Sunday Mail“. Sechs Jahrzehnte später ist News Corp mit mehr als 50.000 Mitarbeitern, rund 33 Milliarden Dollar Umsatz im Jahr und 2,5 Milliarden Dollar Gewinn nach Walt Disney das zweitgrößte Medienkonglomerat der Welt. 56 Prozent des Umsatzes steuert die wichtigste Sparte, das Film- und TV-Geschäft (20th Century Fox, Fox News, BSkyB), bei. Mit seinen knapp 200 Zeitungen und Zeitschriften (darunter „Times“, „Wall Street Journal“, „New York Post“) erwirtschaftet Murdoch dagegen knapp 19 Prozent des Umsatzes. Ebenfalls zum Konzern gehört unter anderem der Buchverlag Harper Collins.

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