Mission: Champions League

Der Fußballklub RB Leipzig wurde zum neuen – und teuren – sportlichen Lieblingsprojekt von Red-Bull-Boss Dietrich Mateschitz abseits der Formel 1.

Als Sharif Shoukry vor wenigen Wochen unmittelbar nach seiner Ankunft in Leipzig die lokalen Gazetten von der „Volkszeitung“ bis zur „Bild“ durchblätterte, rieb sich der 35-Jährige verwundert die Augen: „Shoukry ist da!“ sprang ihn in riesigen Balkenlettern an. Als ob er der auserwählte Heilsbringer wäre, ein Star wie Lionel Messi und nicht der neue Pressesprecher des Viertligisten RasenBallsport Leipzig. Shoukry war in einer anderen Welt angekommen, in der Welt von Red Bull!

Höchst vertraut waren dem Wiener Kommunikationsmann hingegen zwei Landsleute von seinem früheren Job bei Rapid: Cheftrainer Peter Pacult und der diesem treu ergebene Tiroler Konditionscoach Christian Canestrini, die nun im Doppelpack RB Leipzig in den nächsten Jahren bis in die deutsche Bundesliga beamen sollen – und noch weiter.

100 Millionen für den Fußball

Eines steht in Anbetracht der angeheuerten Profis jedenfalls fest: Die fußballerische Zukunft des österreichischen Getränke-Imperiums liegt nicht in New York, wo Red Bull die Rangers unter Vertrag hat, und schon gar nicht in Salzburg, sondern im ostdeutschen Leipzig. An den Rahmenbedingungen dürfte das Projekt nicht scheitern. Hinter vorgehaltener Hand ist die Rede von einem Zehn-Millionen-Euro-Budget, das den deutschen Bullen im Regionalliga-Stadl als monetäres Kraftfutter pro Jahr gereicht wird.

In Österreichs oberster Liga liegen da nur Red Bull Salzburg, Austria Wien und Rapid darüber. Bis die Endstation Sehnsucht erreicht ist, könnten gut und gern hundert Millionen Euro verpulvert werden, schätzen Medien wie der „Spiegel“ und das englische Fußball-Fachmagazin „Champions“. Die schmucke Red Bull Arena fasst 45.000 Zuschauer und hat 2006 noch unter ihrem alten Namen als Leipziger Zentralstadion WM-Reife bewiesen.

In zwei Jahren wird ein sehenswertes Trainingszentrum um kolportierte dreißig Millionen Euro fertig sein. Schon jetzt stehen drei Naturrasenfelder und ein Kunstrasenplatz zur Verfügung – und eine Flutlichtanlage, die TV-Übertragungen in HD-Qualität garantieren würde. „Die Leipziger werden sich dem Erfolg nicht verschließen“, ist selbst der frühere deutsche Fußballprofi Matthias Sammer überzeugt.

Klingt nach Schlaraffenland – und hat auch noch den Segen des Oberbullen: Dosenmilliardär Dietrich Mateschitz hatte spätestens nach vier gescheiterten Anläufen von Red Bull Salzburg, in die Champions League vorzustoßen, die Nase voll und lenkte seinen Fokus zunehmend auf die Filiale in Ostdeutschland. Als der neue Pressechef Shoukry gemeinsam mit Trainer Pacult und Geschäftsführer Wolfgang Loos zum Einstandsgespräch in der Zentrale in Fuschl antanzte, konnte er unschwer heraushören, welche Unterstützung der Standort Leipzig bei Mateschitz genießt. Die Hoffnung des Big Spender: dass sich seine Champions-League-Träume eines Tages von der prestigeträchtigen deutschen Bundesliga-Bühne aus realisieren lassen.

Wie in der Formel 1 geht es Mateschitz auch hier in erster Linie um Marketing für seinen Energydrink. Über den Fußball will er zusätzliche europaweite TV-Präsenz erreichen. Doch dafür muss er in die Königsklasse. „Der Champions-League-Titel ist nicht auszuschließen“, so hat er es bereits verkündet. Was angesichts des momentanen Stellenwerts von RB Leipzig lachhaft klingt – aber wer hätte gedacht, dass Red Bull einmal Seriensieger in der Formel 1 wird?

Startschwierigkeiten

Dennoch: Trotz perfekter Infrastruktur ist der Durchmarsch von RB Leipzig sicher kein Selbstläufer. „Ein neuer Klub muss sich doch erst einen Fankreis erarbeiten. RB Leipzig gibt es erst zwei Jahre. Ich schätze, dass Rapid vor 111 Jahren auch noch nicht 11.000 Abonnenten hatte“, sagt Trainer Pacult. Eigentlich wollte man ja schon diese Saison in der dritten Liga angekommen sein, was misslang.

Dampfmacher Pacult soll den Retortenverein nun ohne weiteren Zeitverlust nach oben führen. Aber die Mission Aufstieg droht eher Extremsport zu werden denn Funsport, mit dem Red Bull einst groß wurde. „Wir müssen durch einen Flaschenhals“, sagt Pacult nüchtern. Und richtig geglänzt hat RB Leipzig seit dem Meisterschaftsauftakt der vierten Liga am 7. August noch nicht.

Für jeden Gegner stellt RB Leipzig das Spiel des Jahres dar – ein Gefühl, das drei Etagen höher der FC Bayern nur allzu gut kennt. Erschwerend kommt bei Leipzig dazu, dass „wir auswärts wohl noch länger das Feindbild für die Traditionalisten sein werden, auch wenn die Kommerz-Vorwürfe von einer großen Portion Doppelmoral zeugen“, sagt Shoukry. Aber Fußballfans mögen keine Firmenklubs.

Schon die Geburt war extrem schwierig. Heckenschützen machten mobil, nachdem Red Bull dem Vorstadtklub SSV Markranstädt um rund 350.000 Euro die Lizenz für die Oberliga abgekauft und mit neuem Namen einen neuen Verein gegründet hatte: RasenBallsport Leipzig statt Red Bull Leipzig, weil in Deutschland Unternehmen nicht im Klubnamen auftauchen dürfen. Nach einem gemeinsamen Jahr mit den Nachbarn FC Sachsen und dem kultigen Lok Leipzig und dem Aufstieg mit 22 Punkten Vorsprung war zwar die vierte Liga erreicht – Freunde hatte man dabei aber keine gewonnen. „Es gilt als chic, den Klub mit dem seltsamen Namen zu hassen“, schrieb der „Spiegel“ vergangenen Herbst, die „Frankfurter Allgemeine“ wusste von „verletzten Fans und überfallenen Jugendspielern“ zu berichten. RB Leipzig sah sich veranlasst, einen hochrangigen pensionierten Kripo-Mann als Sicherheitsbeauftragten zu verpflichten.

Anfeindungen

Auch intern gab es einige Verwundungen – vor allem als der Durchmarsch ins Stocken geriet. Die „Bild“-Zeitung bilanzierte die ersten zwei Jahre RB Leipzig: „Fünf Trainer, drei Vorstandschefs, zwei Sportdirektoren sowie je ein Kommunikationsdirektor, Chef-Physiotherapeut, Chefscout und Geschäftsführer sind bisher verbrannt worden.“ Mateschitz macht offenbar gehörig Druck.

Nun soll es die Ösi-Connection richten und für mehr Nachhaltigkeit sorgen. „Die Anfeindungen sind weniger geworden“, meint Shoukry, „die Stadt ist hungrig nach erfolgreichem Fußball.“ Wie gerufen kam da Ende Juli der spektakuläre Coup in der ersten Runde des deutschen Fußballpokals gegen den früheren Meister VfL Wolfsburg. 31.212 Zuschauer, über hundert Journalisten-Akkreditierungen, ein 3:2-Sensationssieg und ein erstes Schnuppern in Sphären, in denen man sich in naher Zukunft permanent aufhalten will. Die RB-Leipzig-Homepage hatte den Hit nicht viert-, sondern wahrlich erstklassig mit eigener Countdown-Uhr angekündigt: „Noch 79 Stunden, 10 Minuten und 9 Sekunden …“

So baut man Spannung auf, so zelebriert man einen Feiertag abseits des grauen Liga-Alltags mit Gegnern wie Plauen, Havelse oder Meuselwitz. Das ist nicht die Gesellschaft, in der sich ein Dietrich Mateschitz sieht. Um möglichst schnell von dort wegzukommen, regnet es jetzt die Red-Bull-Millionen.

– Andreas Jaros

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