Millionen neuer Arbeitsplätze? So könnten grüne Projekte die Welt aus der Krise holen

Die Wirtschaft aus der Krise holen, Mil­lionen neue Arbeitsplätze schaffen und dabei noch den Planeten retten – geht das? Die Weltpolitik meint: ja. Zwei österreichische Bundesländer zeigen, wie. Eine Analyse mit Lokalaugenschein.

Effizienz wird bei Fronius auf die Spitze getrieben – und wenn es die Bleistiftspitze ist. So sparsam ist man beim oberösterreichischen Industriebetrieb, dass derartiges Schreibgerät so lange benutzt werden muss, bis es sich nicht mehr zwischen den Fingern halten lässt. Überwacht wurde das lange Jahre und mit Vorliebe von Firmengründer Günter Fronius persönlich, der im Jahre 1945 mit einem kleinen Reparatur- und Produktionsbetrieb für Elektrogeräte gestartet war und es sich heute, mit seinen 102 Jahren, immer noch nicht nehmen lässt, täglich einen Rundgang durch die Büros zu unternehmen.

Umweltbewusst aus Tradition
Fronius’ langes Unternehmerleben trägt aber neben dem der Effizienz noch ein weiteres Attribut: das des Wandels. Zu Beginn produzierte der studierte Ingenieur Batterieladegeräte, erweiterte aber schon bald um die Schweißtechnik, einen Bereich, in dem Fronius heute europäischer Marktführer ist. „1992 starteten wir schließlich ein kleines Projekt im Bereich Solarelektronik“, wirft Markus Gundendorfer einen Blick zurück, „inzwischen produzieren wir jeden fünften solaren Wechselrichter, der weltweit verbaut wird.“ Auch mit dieser Zukunftstechnologie konnte die Firma den europäischen Spitzenplatz ein­nehmen. Gundendorfer selbst hat es in der Sonnenstrom-Sparte vom Lehrling zum Projektleiter gebracht und freut sich, dass dort im vergangenen Jahr erstmals der größte Teil der 370 Millionen Euro Umsatz des wandelbaren Industrieunternehmens erwirtschaftet wurde. Und während „die Schweißer“, wie die ehemalige Spitzensparte hier liebevoll genannt wird, durch den Zusammenbruch der globalen Autoindustrie unter Druck gekommen sind, ist die Sektion Sonnenstrom im vergangenen Jahr um erkleckliche 40 Prozent gewachsen. Zwei von drei Mitarbeitern, die das Unternehmen derzeit sucht, sollen sich mit Solartechnologien befassen. Fronius ist ein Idealbeispiel für den Schwenk von alter Industrie zu grüner Hightech – ein Weg, der derzeit global als Ausweg aus der Krise gepriesen wird. Doch wird der Schwenk nach Grün tatsächlich die Weltwirtschaft aus der Krise holen, den Planeten retten – und nebenbei Millionen Arbeitslätze schaffen?

Grün in die Zukunft
Roland Berger, Gründer des globalen Consultingunternehmens, weiß die Antwort und trägt sie leidenschaftlich in die Welt: Die Zukunft ist grün. Berger, der bisher eher von Effizienz und Outsourcing sprach, steht deshalb mit Sorgenfalten auf der Stirn am Rednerpult im Palais Liechtenstein und lässt den ganzen Horror des Klimawandels per PowerPoint über die Leinwand flimmern. Das traditionelle Sommernachtssymposium des Consulters ist dem Thema „Green Tech“ gewidmet. „Wenn wir so weitermachen, brauchen wie einen zweiten Planeten Erde, um unseren Energieverbrauch zu decken. Doch woher nehmen?“, ruft Berger in ein Meer von schwarzen Anzügen. Er wirkt dabei ein bisschen wie ein WWF-Aktivist vor 10 bis 15 Jahren – nur, dass ihn handfeste Business-Interessen treiben.

Wachstumsbranche  
Denn sicher ist: Die grüne Wirtschaft wuchs schon bisher stärker als andere Sektoren. Jetzt bekommt sie durch den Zeitgeist Rückenwind: Im Gefolge der Krise wächst die Sehnsucht nach einer Wirtschaft, die Gutes tut, anstatt durch Finanzpyramidenspiele Pseudowachstum zu simulieren. Die jahrzehntealten Warnun­gen vor dem Klimawandel haben Hochkonjunktur – und sie werden nun von der Industrie selbst weiterverbreitet, denn die sieht im Bestreben, die Welt zu retten, nicht mehr eine Bremse, sondern einen gigantischen Wachstumsmotor. 2007 machten Greentech-Unternehmen mit sauberer Energie, Recycling, nachhaltigem Verkehr oder Rohstoffeffizienz global einen Umsatz von 1.400 Milliarden Euro – mehr als der globale Maschinenbau. Bis 2020, schätzt Roland Berger in seiner neuen Studie, wird der Sektor auf 3.200 Milliarden anschwellen. Das sind 6,5 Prozent Wachstum pro Jahr. Grüne Jobs zu schaffen ist deshalb auch das Gebot der Stunde in der Politik. Barack Obamas wichtigstes Wahlversprechen lautete: „Wir wollen Millionen grüner Jobs schaffen, die gut bezahlt sind und nicht ins Ausland verlagert werden können.“ Jetzt schon arbeiten 770.000 Amerikaner in „Green Jobs“, in den letzten zehn Jahren ist die Zahl um jährlich 9,1 Prozent gewachsen. Nun hat Obama 100 Milliarden seiner Konjunkturpakete für die Energiewende auf die Seite gelegt. Das soll zwei Millionen neue grüne Arbeitsplätze schaffen.

Wirtschaftmotor
In der EU gibt es laut WWF gar 3,4 Millionen grüne Jobs – mehr als in der alten, verschmutzenden Industrie, die nur 2,8 Millionen Menschen beschäftigt. Europa ist bei der Ausrichtung der Konjunkturpakete auf eine ökologische Umstellung der Wirtschaft nicht ganz so strikt: Zwar gehen 64 Prozent der EU-eigenen Konjunkturpakete in ökologische Wirtschaft – rechnet man die Milliarden der Mitgliedsländer dazu, sinkt der Anteil aber auf klägliche zehn Prozent. Ein ambitioniertes Programm haben die Grünen vorgelegt: Sie wollen mit 500 Milliarden Euro – teilweise finanziert aus einer Öko-Anleihe der Europäischen Zentralbank – Europas Energiesystem von fossiler auf erneuerbare Energie umstellen und ­damit fünf Millionen neue Jobs schaffen. „In Österreich wären das hunderttausend neue, grüne Arbeitsplätze“, erklärt die ­grüne EU-Spitzenkandidatin Ulrike Lunacek. Derzeit arbeiten hierzulande nach den eher konservativen Berger-Schätzungen 22.000 Menschen in Öko-Jobs. 2020 sollen es 60.000 Menschen sein.

Geld aus öffentlicher Hand
Um die Milliarden aus den Konjunkturpaketen reißen sich derzeit die globalen ­Industrieriesen. Siemens etwa schätzt, dass die Regierungen sechs Milliarden Euro in grüne Technologie investieren. Als Peter Löscher, CEO von Siemens, am Montag zur Pressekonferenz nach München rief, verströmte er deshalb freudigen Optimismus: Neben dem eher schwachen Gesamtgeschäft sei zumindest ein Bereich auf Wachstum eingestellt: die grüne Technologie. „Wir sehen hier gigantische Wachstumschancen“, sagte Löscher. Unter „grün“ versteht der Kärntner alles, was mit Emissionsreduzierung und sauberer Energie zu tun hat, vom Solarpanel bis zum LED-Birnchen. Derzeit macht das Öko-Portfolio ein Viertel des Umsatzes aus, und es soll jährlich um zehn Prozent gesteigert werden. Auf Jobs umgerechnet bedeutet das: Jedes Jahr werden bei Siemens weltweit 10.000 „alte“ Industriejobs in „grüne Jobs“ umgefärbt. In Österreich will der Konzern jährlich 750 Umweltjobs schaffen. „Die Technologie ist da, der Wille der Unternehmen auch“, sagt der grüne Vordenker Franz Josef Radermacher vom Club of Rome. „Was uns allerdings fehlt, ist ein echter Schwenk in der Politik: globale Regeln für die nachhaltige Umstellung der Wirtschaft.“

Vorreiter Oberösterreich  
Was die Politik für grüne Jobs bewirken kann, zeigt man in Oberösterreich. Wer Gerhard Dell kennen lernt, kann sich des Eindrucks nicht er­wehren, einen echten Überzeugungstäter vor sich zu haben. Legt der Chef des Ökoenergieclusters Oberösterreich erst einmal los, rattert er – in den Augen den feuchten Glanz der Begeisterung – von Rekord zu Rekord. Erst Anfang der 90er gegründet, entstanden im Cluster über 150 Betriebe, die sich nachhaltigen Produkten verschrieben haben. Zweistellige Wachstumsraten sind dort nicht die Ausnahme, sondern die Regel, immer wieder wird gar dreistellig gewachsen – Wirtschaftskrise hin oder her. „Und das ist keine Finanzakrobatik, sondern Produkte zum Angreifen“, ätzt Dell. Die Bilanz dieses losen Netzwerkes kann sich sehen lassen: Sechs der sieben wichtigsten österreichischen Hersteller für thermische Solarzellen sitzen hier, die jährliche Ökoenergie-Tagung ist mit 1.000 Besuchern aus 55 Ländern die größte Veranstaltung dieser Art in Europa. In Summe haben die 150 neuen Betriebe 4.500 Arbeitsplätze geschaffen und setzten im vergangenen Jahr zwei Milliarden Euro um. Doch warum gerade Oberösterreich? Die Antwort ist: wegen einer Krise. Denn die Saat für den Wandel wurde in einem Tief gesät, das für das Bundesland ebenso schwer wog wie die jetzige Krise. Mitte der 1980er-Jahre setzte in Linz, dem Zentrum der verstaatlichten Industriebetriebe, ein gewaltiger Strukturwandel ein. Allein in der Metallindustrie gingen 15.000 Arbeitsplätze verloren, Chemie und andere verwandte Bereiche schickten weitere 10.000 Menschen auf die Straße. „Viele, auch viele hochqualifizierte Techniker“, sagt Gerhard Dell, „waren schlicht gezwungen, neu zu beginnen. Und wer einmal mit Stahl ge­arbeitet hat, für den ist auch die Produktion von Pelletsheizungen nicht mehr weit.“

Hightech im Kuhstall
Denn auch die wurde in Oberösterreich entwickelt – im alten Kuhstall von Herbert Ortner. Der stand vor zwanzig Jahren zwar nicht auf der Straße, hatte als Geschäftsführer eines Radiatorenherstellers dafür aber Erfahrung mit Heizkörpern. Mitte der 90er-Jahre entwickelte er die vollautomatische Pelletsheizung – als Erster weltweit. Inzwischen hat der Mühlviertler europaweit 260 Mitarbeiter und ebensoviele exklusive Vertriebspartner. Ähnlich hat Solution-Gründer Gerald Jungreithmayr vor nicht einmal zehn Jahren seinen Vertrieb von thermischen Solarzellen gestartet. Seither hat sich die Firma aus Sattledt in der Nähe von Wels auf 55 Mit­arbeiter versiebenfacht und erwirtschaftet 40 Prozent durch den Export. Trotzdem: „Wenn wir den Heimmarkt nicht gehabt hätten, wären wir niemals so schnell gewachsen“, schätzt Jungreithmayr. Die Heimmarkt-These lässt sich auch in Zahlen fassen: Jedes vierte in Österreich installierte Solarwärme-Modul findet sich auf einem Dach in Oberösterreich, wo mehr Panels brummen als in ganz Frankreich. Hinter dem Boom steht ein klares politisches Bekenntnis: 2030 soll die gesamte in Oberösterreich benötigte Energie aus erneuerbaren Ressourcen kommen. Die Maßnahmen des Landes dazu: „Als erstes Bundesland hatten wir eine entsprechende Solar-Förderung“, erklärt Cluster-Chef Gerhard Dell, „und haben daneben systematisch die Energieberatung ausgebaut. Außerdem sind Bauträger hierzulande gezwungen, bei neuen Mehrfamilienhäusern Solarkollektoren einzubauen.“ Flankiert wurde die Zuckerbrot-und-Peitsche-Strategie der Oberösterreicher von konkreten Unterstützungs- und Vernetzungsmaßnahmen. „Das war schwierig“, gibt Dell zu, „aber nach und nach haben die Unternehmer eingesehen, dass Kooperationen in gewissen Bereichen besser funktionieren als Wettbewerb.“ Visionen lassen sich eben besser umsetzen, wenn sie adäquat koordiniert werden.

Steirischer Strukturwandel  
Auch die Steiermark soll jetzt noch grüner werden. Das Bundesland hat schon jahrzehntealte Er­fahrung mit dem Verschwinden von alter ­Industrie: In den traditionsreichen Industrieorten der Mur-Mürz-Furche blättert die ­Farbe von alten Arbeitersiedlungen, in denen nun Flüchtlinge untergebracht sind. Danach setzte man auf die Automobilzuliefer-­In­dustrie, die in voller Härte die Folgen der Wirtschaftskrise spürt: Über 15.000 Beschäftigte sind derzeit in Kurzarbeit. Gut dran ist nur, wer rechtzeitig auf die grüne Welle aufgesprungen ist. Motorenhersteller AVL List etwa hat zwar auch mit zweistelligen Umsatzeinbußen zu kämpfen, baut aber keine Mitarbeiter ab. „Wir haben rechtzeitig in jene Bereiche investiert, die nach der Krise noch mehr gefragt sein werden: CO2-Reduktion, Elektrifizierung, Hybrid- und Batterieentwicklung“, sagt CEO Helmut List. Die Landesregierung nimmt sich ein Beispiel und hat deshalb die Initiative Green Jobs gestartet, mit der 600 Lehrstellen geschaffen werden, drei Millionen Euro in Forschung fließen und mehrere Hundert Mitarbeiter aus der notleidenden Zulieferindustrie auf grün umgeschult werden sollen.

Öko-PISA-Test für Österreichs Politiker  
So vorbildhaft die beiden Energiecluster Ober­österreich und Steiermark auch sein mögen – in Österreich bleiben sie leider Ausnahmen: Insgesamt entwickelt sich das ­einstige Umweltmusterland eher zurück. Im Konjunkturpaket ist nur das 50 Millionen Euro schwere Paket zur thermischen Sanierung auf Ökologie ausgerichtet. Wuchs in Deutschland die Greentech-Sparte in den letzten ­Jahren um jährlich 15,5 Prozent, so waren es hier nur 12 Prozent. „Österreich droht den Anschluss zu verlieren“, warnt ­Roland Berger. Besonders düster ist die Lage in der Energieerzeugung: Nur 0,4 Prozent des österreichischen Stroms kommen aus der Sonnenenergie. Die teilweise weltmarkt­führenden Firmen exportieren ihre Foto­voltaik-Technik zu 94 Prozent ins Ausland, stellt Christian Plas vom Öko-Consulter Denkstatt fest. Der Ökonom Stefan Schleicher verzweifelt an der österreichischen Politik immer wieder – und fordert sogar einen „PISA-Test für Energiepolitiker“ (s. Interview S. 44). Finanzminister und Exumweltminister Josef Pröll sieht zwar keinen Spielraum für weitere Konjunkturpakete, sagt aber: „Der Bereich Greentech ist eine Ausnahme, da werden wir weitere Mittel zur Verfügung stellen. Denn das ist die Zukunft.“ Diese entscheidet sich im nächsten halben Jahr: Anfang Dezember trifft sich die globale politische Elite in Kopenhagen, um zukünftige Regeln für den Klimaschutz festzulegen. Je ambitionierter diese sind, desto weniger stellt sich die Frage, ob die Umwelt der Jobmotor der Zukunft ist – dann bleibt der Industrie gar nichts anderes übrig, als grün zu werden.

Von Corinna Milborn und Arndt Müller

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