Milliardengeschäft mit der süßen Sünde: Schokolade wird teurer

Schoko mit Mandarinen, Orangen und Gojibeeren: Noch nie war das süße Angebot so groß – und noch nie so teuer. Spekulanten treiben die Preise hinauf, die Österreicher schlagen trotzdem kräftig zu.

Männer sollten sich keinen Illusionen hingeben. Das Gerücht, dass so manche Frau lieber zu Schokolade greift als zu einem Mann, stimmt – zumindest wenn man Umfragen Glauben schenkt. 75 Prozent der insgesamt 2.000 von „Axe“ (Unilever) befragten Damen gaben an, schon den bloßen Duft von Schokolade unwiderstehlich zu finden. 97 Prozent schaffen es nicht, der süßen Versuchung zu widerstehen, und 66 Prozent sagen offen, mindestens einmal täglich an „das Eine“ – natürlich an Schokolade – zu denken. Laut einer Studie der Zeitschrift „Elle“ zum Sexualverhalten von Frauen verzichtet sogar jede zweite lieber auf Sex als auf Schokolade.

Umkämpfter Milliardenmarkt

Der Grund für die heiße Liebe ist längst ausgemacht: Schokolade schmeckt – und macht glücklich. Sie lässt den Serotoninspiegel im Gehirn nach oben schießen und sorgt so für gute Laune. Doch das ist längst nicht alles. Dunkle Schokolade vermindert unter anderem das Schlaganfall- und Herzinfarktrisiko und senkt auch hohen Blutdruck. Mit dem kakaohaltigen Genussmittel, das sich über die Jahrhunderte hinweg vom Götter- zum Kindergetränk entwickelte und danach vom Luxus- zum Konsumgut, lässt sich heute das große Geld scheffeln: 5,1 Milliarden Dollar werden weltweit allein mit Kakao umgesetzt.

Auf dem internationalen Markt tobt seit Jahren ein harter Wettbewerb. Die vier Riesen Barry Callebaut, ADM, Cargill und Belcolade dominieren mit fast achtzig Prozent Marktanteil die globale Branche. Allein der Schweizer Konzern Barry Callebaut, weltweite Nummer eins, konnte den Umsatz 2009 mit Produkten wie Kakaopulver und Flüssigschokolade um 11,3 Prozent auf 3,78 Milliarden Euro steigern. Am größten fiel das Wachstum in den Schwellenländern Asiens, Südamerikas und Osteuropas aus, wo die Menschen gerade ihr Faible für Schokolade entdecken.

Auch die Österreicher mögen es süß: Mehr als acht Kilogramm Schokowaren werden hier pro Nase und Jahr gegessen, sagt Josef Domschitz vom Österreichischen Fachverband der Lebensmittelindustrie. Damit liegen wir weltweit an siebenter Stelle und klar über dem EU-Schnitt (zirka sechs Kilo). Unangefochtener Spitzenreiter ist Deutschland mit elf Kilo pro Kopf, dahinter kommen die Schweizer und die Belgier (beide rund zehn Kilo), gefolgt von den Norwegern, Iren und Briten (alle zirka neun Kilo).

Laut AC Nielsen wurden 2009 in Österreich 784,2 Millionen Euro mit Süßwaren umgesetzt – plus 3,1 Prozent im Vergleich zu 2008. Das Wachstum fiel mit 6,1 Prozent auf 138,8 Millionen Euro vor allem bei Tafelschokolade hoch aus. Diese Entwicklung ist umso interessanter, als der internationale Süßwarenmarkt derzeit stagniert. „Die Österreicher sind eben Genießer und wollten noch nie auf Süßes verzichten“, erklärt Domschitz. Im Gegensatz zu vielen anderen Nationen ist Schokolade in der Rezession für uns das Genussmittel Nummer eins gewesen.

Und der süße Höhenflug hält an: Allein der Verkauf von Schokolade zur Weihnachtszeit dürfte dem heimischen Handel mehr als dreißig Millionen Euro bescheren. Es boomen vergleichsweise teure Tafeln um zwei Euro aufwärts mit hohem Kakaoanteil. „Beliebt sind die mit einem Gehalt von bis zu 75 Prozent“, sagt Christian Petz, ehemaliger Küchenchef des Wiener Nobelhotels Coburg.

Petz tüftelt für Werner Meisingers und Ramona Mahrs 150 Quadratmeter großes Geschäft „Xocolat“ auf der Wiener Freyung an zarten Schokoladekreationen. Der schicke Store soll, so sagen internationale Feinschmecker, zu den weltweit besten seiner Art gehören. Zu den Rennern zählen internationale Marken wie Domori (Italien), Oliver Coppeneur (Deutschland), Blanxart (Spanien), Bonnat und Maison Pralus (beide Frankreich). Die Preise für die süßen Variationen aus Mandeln, Nougat und Krokant oder Mandarinen-, Blutorangen- und Gojibeerenstücken könnten einigen aber bitter aufstoßen: Für nur siebzig Gramm sind oft mehr als drei Euro zu bezahlen. Meisinger meint, dass Qualität einen Preis haben müsse, allein schon, um Plantagenarbeiter zu schützen.

Für den Durchschnittsbürger bleibt aber gerade der Preis ein wichtiges Kaufargument – zur Freude von Nahrungsmittelriesen wie Nestlé und Kraft Foods. Mit Marken wie KitKat, Lion und After Eight (alle Nestlé), Milka, Toblerone und Daim (alle Kraft) bieten sie Schokolade zu erschwinglichen Preisen an. Doch auch sie werden immer teurer: Laut Statistik Austria ist Vollmilchschokolade in Österreich seit 1996 um 44,6 Prozent teurer geworden, Schokoriegel um 23,4 Prozent.

Tatsächlich ist der Preis für Kakao beängstigend in die Höhe geschossen: in den letzten drei Jahren um 63,6 Prozent auf aktuell 2.185 Euro die Tonne. Daran schuld sind neben Ernteausfällen und Bürgerkriegen auch die Preispolitik großer Konzerne sowie eine stark gestiegene Nachfrage aus China, wo der Nachholbedarf groß ist: Der Durchschnittschinese vernascht derzeit nur eine Tafel Schokolade im Jahr; auch haben Spekulanten, darunter zahlreiche Hedgefonds, die Preise in den vergangenen Monaten in lichte Höhen katapultiert.

Schokolade wird knapp

Die beunruhigende Frage, die derzeit Hersteller aus aller Welt beschäftigt, ist, ob es langfristig überhaupt genug Kakao geben wird. „In zwanzig Jahren wird Schokolade wie Kaviar sein. Sie wird so teuer und selten sein, dass man sie sich nicht mehr leisten kann“, sagte jüngst John Mason, Chef des Nature Conservation Research Council in Ghana. Auch Schokoladenhersteller Josef Zotter beobachtet diese Entwicklung mit Sorge und spricht von alarmierenden Zuständen, auch, weil es schwer nachvollziehbar sei, welcher Lieferant hinter den jeweiligen Produkten stehe und unter welchen Umständen die Schokolade überhaupt hergestellt werde (siehe Interview ).

Barry fertigt zum Beispiel für Größen wie Kraft Foods, Nestlé, Cadbury und Hershey Schokolade – zu sehen ist das auf den jeweiligen Verpackungen allerdings so gut wie nie. Denn da finden sich die Namen der Lieferanten ebenso wenig wie die genauen Umstände der Kakaoernte. Und eben das ist mitunter problematisch, weil die Bohnen teils noch immer von Kindern angebaut werden.

So arbeiten allein an der Elfenbeinküste – von dort stammen vierzig Prozent des weltweit gehandelten Rohkakaos – 200.000 Kinder im Kakaoanbau. Ein Umstand, den auch Xocolat-Chef Meisinger kritisiert. „Nicht umsonst riskiert Josef Zotter bei seinen Reisen quer durch das gefährliche Südamerika sein Leben. Die Bohnen müssen von einwandfreier Herkunft und einwandfreier Qualität sein.“ Darauf legen offenbar auch die Konsumenten großen Wert: Fairtrade Österreich konnte den Umsatz 2009 um elf Prozent auf 72 Millionen Euro steigern. „Die Konsumenten gehen mit einem kritischeren Blick einkaufen und hinterfragen die Herkunft der Produkte“, sagt Fairtrade-Austria-Chef Hartwig Kirner. Zulegen konnte man einstellig auch mit Schokolade auf 15 Millionen Euro.

Mit gutem Gewissen

Die österreichischen Chocolatiers genießen international den Ruf, diesem Trend Rechnung zu tragen, allen voran Zotter. Die heimische Schokoladenlandschaft ist allerdings klein und umfasst gerade einmal zwanzig Manufakturen, darunter neben Zotter auch Hauswirth, Kastner, Heindl – und Hofer.

Der Diskonter produziert seine Schokolade in Sattledt (OÖ) tatsächlich selbst: Verkauft wird das Süße unter den dort gängigen Eigenmarken. Zahlen dazu werden wie immer keine bekannt gegeben. Dabei sollen sie beachtlich sein, und auch „die Schokolade ist, gemessen am Preis, von sehr guter Qualität“, streut Hersteller Josef Zotter dem Diskontriesen Rosen.

„From bean to bar“ – also von der Bohne bis zur fertigen Tafel – produzieren in Österreich allerdings nur Zotter und Manner, der Rest kauft auf dem Weltmarkt zu. Große Lebensmittelhandelsketten wie Billa (Rewe Group) und Spar setzen beim Einkauf vor allem auf internationale Marken wie Milka, Suchard, Ritter Sport und Lindt. Unter der neuen Eigenmarke „Spar Premium“ verkauft der Salzburger Lebensmittelhändler auch die Schweizer Edelmarke Frey: Eine 100-Gramm-Tafel kostet erschwingliche 1,49 Euro; auch Rewe verkauft unter der bekannten Eigenmarke „clever“ preiswerte Süßwaren, darunter Schokobananen und Schnitten. Meisinger und Zotter sehen die Billigangebote großer Ketten kritisch: „Bei so viel günstiger Ware kommt einer immer schlecht weg“, sind sie sich einig.

Doch die Herkunftsfrage dürfte zumindest bei einem Labortest britischer Forscher keine allzu große Rolle gespielt haben: Sie wollen nachgewiesen haben, dass jede Art von Schokolade weitaus glücklicher macht als Küsse. Der Grund: Sie vermag den Herzschlag besonders schnell zu beschleunigen.

– Silvia Jelincic

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