Migranten als erfolgreiche Unternehmer: Österreichs Wirtschaft spricht viele Sprachen

Ohne sie steht unsere Wirtschaft still: Bereits ein Drittel der Unternehmen wird von Migranten gegründet. Nun beginnen Verbände und Politik, die Migranten-Power zu umwerben.

Wenn Sie in den nächsten Tagen Straßenbahnen mit einer arabischen Aufschrift durch die Bundeshauptstadt fahren sehen, fürchten Sie sich nicht: Weder wurden die Wiener Linien Opfer einer feindlichen Übernahme durch einen arabischen Staatsfonds, noch wurde die Amtssprache geändert. Die Übersetzung steht gleich darunter: „Wiens Wirtschaft spricht alle Sprachen“ heißt die Kampagne der Stadt Wien und der Wirtschaftskammer, und sie macht auf eine Tatsache aufmerksam, die in Zeiten von „Ausländerwahlkämpfen“ gerne untergeht: Österreich ist seit langem ein Einwanderungsland, und ohne zugewanderte Unternehmer würde die Wirtschaft hierzulande schlicht stillstehen.

Nicht nur Kebap-Buden und Call-Shops
In Wien hat bereits ein Drittel der Unternehmer migrantischen Hintergrund. Die Unternehmen, die von Zuwanderern und ihren Nachkommen gegründet werden, gehen weit über die bekannten Beispiele wie Attila Dogudans „Do&Co“ hinaus, und nicht jedes der migrantischen Unternehmen ist ein Kebab-Haus oder Callshop. Sondern besetzt etwa ein ganzes Business-Center im 20. Bezirk, betreibt elf Filialen und beschäftigt 203 Mitarbeiter – wie die Firma DiTech. Alexandra und Damian Izdebski (im Bild) , die Gründer, sind 1992 aus Polen zugewandert und begannen mit einer kleinen Computer-Reparaturklitsche (siehe auch Unternehmer-Porträts ) . Heute ist DiTech Marktführer und setzt 64 Millionen Euro um. Erfolgsrezept: Jeder Computer wird individuell angepasst. „Leicht war es nicht“, sagen die beiden. „Wenn du es in Österreich schaffst, dann schaffst du es überall.“

Firmengründer aus 85 Ländern
Migranten haben eine höhere Bereitschaft, Unternehmen zu gründen, als Österreicher: Allein in Wien haben im vergangenen Jahr Menschen aus 85 Ländern eine Firma aus dem Boden gestampft. „Sie tragen wesentlich zur Angebotsvielfalt und Versorgungssicherheit bei, und dass Wien in einer globalisierten Wirtschaft so gut vernetzt ist, ist auch ihnen zu verdanken. Außerdem schaffen sie Zehntausende Arbeitsplätze“, sagt Stadträtin Renate Brauner. Die migrantische Gründungsfreude mag an einer höheren Risikobereitschaft liegen – aber durchaus auch an einer Gesellschaft, die Ausländern und ihren Nachkommen die Türe gern vor der Nase zuschlägt. „Was hätte ich denn machen sollen, putzen?“, meint etwa Yilmaz Munsur, der in Wien vier Reisebüros betreibt. Er kam mit einem fertigen BWL-Studium aus der Türkei nach Wien – doch die Anerkennung seines Abschlusses hätte Jahre gebraucht.

Zuwanderer oft überqualifiziert
Im Schnitt sind Zuwanderer deutlich besser qualifiziert als Österreicher: Unter den Arbeitnehmern haben über 16 Prozent einen Hochschulabschluss – verglichen mit 12 Prozent bei den „Eingeborenen“. Viele landen allerdings trotzdem in Hilfstätigkeiten. 40 Prozent der Hilfsarbeiter mit Migrationshintergrund sind für ihren Job überqualifiziert. Einige, wie Ossiri Gnaoré aus Elfenbeinküste, machen aus der Not eine Tugend. Der Germanist, der die Diplomatische Akademie in Wien abgeschlossen und in Banken und einer Exportfirma gearbeitet hatte, fand sich plötzlich familiär in Wien gebunden – und als Taxifahrer wieder: Einen anderen Job zu finden war für den Hochqualifizierten unmöglich. Fünf Jahre lang führte er Fahr­gäste durch Wien, bis er den Sprung ins Unternehmertum wagte. Seine Akademie, in denen Migranten für den Deutschtest büffeln, beschäftigt heute 20 Deutschlehrer.

Ethno-Business wichtiger Wirtschaftsfaktor
„Ossiri’s Akademie“ ist ein Beispiel dafür, dass Österreich auch genug Platz bietet für Unternehmen, die sich auf ihre Community konzentrieren: Sie sind keine Randerscheinung, sondern ein wichtiger Wirtschaftsfaktor – und ­tragen zur Integration bei, belegt nun eine Studie über „Ethno-Unternehmer“, die die Stadt Wien in Auftrag gegeben hat. Und auch aus dem schon fast klischeehaften Callshop ums Eck werden immer wieder große Erfolgsgeschichten: Der 29-jährige Murat Koc etwa führte seinen Laden „x-mobile“ von einem Callshop in der Ottakringer Straße in Wien zu einer Firma mit fünf Filialen, die unter die Top-drei-Fachhändler gereiht wird. Er macht seinen türkischen Hintergrund für den Erfolg mitverantwortlich: „Wir sind sanft, einfühlsam und herzlich – wir haben den Umgang mit den Kunden im Blut.“

Weg von der Problemsicht
Solche Erfolgsbeispiele an die Öffentlichkeit zu bringen ist das Ziel des Vereins „Wirtschaft für Integration“, den Georg Kraft-Kinz (Vorstandsdirektor der Raiffeisen Landesbank Niederösterreich-Wien) und sein Freund Ali Rahimi, prominenter Teppichhändler mit Geburtsort Teheran, aus der Taufe gehoben haben. „Es herrscht das negative Bild, dass die Situation mit Zuwanderern schwierig und eingefahren ist. Das ist resignativ und falsch. Es gibt Tausende positive Integrationsbiografien, und es gibt Gestaltungsmöglichkeit“, erklärt Kraft-Kinz die Beweggründe des Vereins, in dessen Vorstand mittlerweile die Crème de la Crème der österreichischen Wirtschaftslandschaft sitzt. Kraft-Kinz läuft dabei wenig Gefahr, in Sozialromantik zu kippen – er sieht das wirtschaftliche Potenzial und die Kaufkraft einer gemischten Gesellschaft. „Es gibt derzeit zwei Positionen: Die eine sagt ,raus mit allen‘, die andere sagt ,alles ist in Ordnung‘. Beides ist falsch. Wir können uns nicht mehr aussuchen, ob wir eine Einwanderungsgesellschaft sind – das ist seit Jahrzehnten ein Fakt. Wir müssen aber die riesigen Chancen sehen, die uns diese Vielfalt bietet.“

Unterstützung durch die WKO
Eine ähnliche Idee steht hinter der Initia­tive der Wirtschaftskammer, die kürzlich ein „Diversity-Referat“ gegründet hat. „Unternehmer mit Migrationshintergrund tragen zu einem differenzierten Angebot bei, das die Qualität unseres Standortes ausmacht“, sagt Brigitte Jank, Präsidentin der Wirtschaftskammer Wien. Da Migranten die Beratungsangebote aber wesentlich weniger in Anspruch nehmen als Österreicher, wurde ein eigenes Referat gegründet, das in verschiedensten Sprachen informiert. „Es ist uns wichtig, dass alle Unternehmer von ihrer Interessenvertretung profitieren: Wiens Wirtschaft spricht alle Sprachen, und darauf können wir stolz sein“, sagt Jank. Auch eine eigene Förderschiene wurde kreiert: Unter dem Titel „mingo migrant enterprises“ fördert der WWFF migrantische Unternehmer.

Erfolg kennt keine Herkunft
Das war auch das einzige Mal, erzählt Meral Akin-Hecke, dass ihre Herkunft aus der Türkei eine Rolle spielte: Sie nahm die Förderung in Anspruch und gründete die Plattform digitalks, die in Sachen Social Media berät – bei Facebook, Twitter und Co sei Österreich eben noch Entwicklungsland. Als Bewohnerin des World Wide Web hat Akin-Hecke – frühere SAP-Beraterin – ansonsten nie sonderlich gespürt, Migrantin zu sein: „Herkunft ist für mich keine Kategorie.“ Doch um anderen jungen Migranten Mut zur Gründung zu machen, erzählt sie ihre Geschichte gerne: „Natürlich muss man besser sein als die anderen, aber das gilt heutzutage für alle. Ich bin auch nicht hier geboren und habe es geschafft. Es sollte sich jeder trauen.“ Denn wenn sich diese Haltung viele zu ­eigen machen, spielt Herkunft vielleicht bald tatsächlich keine Rolle mehr.

Von Corinna Milborn

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