Medici-Affäre: Prominente Wirtschaftsbosse als Opfer des Milliardenkarussells

Die Bank Medici wird von der Nationalbank geprüft. Eigentümerin Sonja Kohn soll mit Madoff jährlich mehr als 50 Millionen verdient haben. Die Investoren verloren 3,5 Milliarden Dollar und wollen nun klagen.

Sonja Kohn erlebt derzeit einen nicht enden wollenden Alptraum. Schuld daran ist ihr langjähriger US-Geschäftspartner Bernard „Bernie“ Madoff. Die Bombe platzte kurz vor Weihnachten: Kohn-Freund „Bernie“ soll über eine Art Pyramidenspiel unfassbare 50 Milliarden Dollar pulverisiert haben. Seither herrscht in der Bank Medici – 25 Prozent plus eine Aktie gehören der Bank Austria (BA), der Rest gehört Kohn – der Ausnahmezustand. Denn rund 3,5 Milliarden Dollar Anlegergeld kamen von Medici, was ihr Geldhaus zu den größten Madoff-Opfern macht.

Sonderprüfung gegen Medici
Doch es kommt noch schlimmer: Die Oesterreichische Nationalbank (OeNB) leitete zu Wochenbeginn eine Sonderprüfung gegen Medici ein. „Die Prüfung hat begonnen“, bestätigt der für die Bankenaufsicht zuständige OeNB-Direktor Andreas Ittner die FORMAT-Recherchen: „Mehr gibt es derzeit nicht zu sagen.“ Der Einmarsch der Notenbanker verheißt jedenfalls nichts Gutes. Zumindest legen das Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit nahe: Bawag, Hypo Alpe-Adria, Meinl oder Constantia Privatbank – am Ende standen immer Strafverfahren. Auf der Suche nach Missständen sind die Bankrevisoren besonders kritisch. Für Kohn gilt selbstverständlich die Unschuldsvermutung.

BA verschwieg Madoff-Verbindung
Die Bankerin, die mit der Florentiner Adelsfamilie Medici nicht verwandt ist, bangt aber nicht nur um ihr Lebenswerk, sondern fürchtet auch den Widerstand ­aufgebrachter Anleger. Viele Investoren fordern ihr Geld zurück, weil sie sich übers Ohr gehauen fühlen: Denn weder Kohn noch Kooperationspartner Bank Austria haben die Madoff-Connection jemals offengelegt. In keinen der FORMAT vorliegenden Verkaufsprospekte für Herald-, Thema- oder Primeo-Fonds ist sein Name zu finden. Weil Madoff sie ge­managt hat, sind sie nun wertlos. Für Kohn waren Herald und Co trotzdem ein gutes Geschäft. Ähnlich wie Julius Meinl bei den börsennotierten Gesellschaften MAI, MEL und MIP oder Karl Petrikovics bei Immofinanz und Immoeast, kassierte auch sie jahrelang viele, viele Provisionsmillionen.

Internationale Geldflüsse
Über die Herald-Fonds wurden rund 2,1 Milliarden Dollar verwaltet. Im Thema-Fonds steckten weitere 1,4 Milliarden Dollar. „Der Investmentmanager hat Anspruch auf Managementgebühren in Höhe von zwei Prozent des an jedem Bewertungstag berechneten Nettoinventarwerts des Fonds“, heißt es in dem Herald-Prospekt vom März 2008. „Der Investmentmanager hat ferner Anspruch auf eine erfolgsabhängige Gebühr, die an die Steigerung des Nettoinventarwerts gekoppelt ist. Diese Performance-Vergütung beträgt zehn Prozent.“ Kohn drehte ein globales Milliardenkarussell: Die Gelder wurden in Irland und Luxemburg eingesammelt und dann via Cayman Islands zu Madoff nach New York geschickt. Die eigenen Provisionen flossen nach Europa. Kohn soll so rund 50 Millionen Dollar ­jährlich an Einnahmen verbucht haben, was sie zu einer der reichsten Frauen Österreichs machen würde.

Verluste für Randa
Nur ein kleiner Teil, rund acht Millionen pro Jahr, erreichte Wien. Der Großteil soll in der Schweiz gelandet sein wie etwa bei der Privatbank Genevalor, Benbasset & Cie. Laut einem Thema-Fund-Prospekt aus dem Jahr 2001 zählt Kohn zu den Eigentümern der Thema Asset Management Ltd. (TAM). Brisantes Detail: TAM baute den Vertrieb von Madoff-Produkten in Europa auf, was sich etwa durch eine Sonderzahlung von 15,9 Millionen Dollar 2007 bemerkbar machte. Auch die Bank Austria verdiente sich eine goldene Nase an Madoff. Der frühere BA-Boss Gerhard Randa ( im Bild ) verschaffte Kohn im Jahr 2003 die Banklizenz, ließ sich von ihr in die New Yorker Finanzwelt einführen und soll zu den ersten Madoff-Inves­toren Österreichs zählen. Mittlerweile soll auch er viel Geld verloren haben.

„Zapo“ war Primeo-Erfinder
Erfunden hat den Primeo-Fonds Randas damaliger Wertpapierchef Stefan Zapotocky gemeinsam mit Kohn. Die Kooperation ­erwies sich rasch als sehr profitabel: Rund 800 Millionen Euro sind die Fonds heute schwer. Der BA-Schwester Pioneer, die als sogenannter Investment Manager ­fungiert, brachten sie im Vorjahr rund 17 Millionen Euro Provisionen. „Der Primeo Select Fonds investiert ausschließlich in einen zugrundeliegenden Fonds mit der Bezeichnung ‚Herald USA‘. (…) Der Primeo Executive Fonds investiert sein Fondsvermögen zu jeweils annähernd 50 Prozent in zwei zugrundeliegende Fonds mit der Bezeichnung Herald bzw. Alpha Prime Equity Hedge Fund. (…) Alle sind zur Gänze in von Madoff verwalteten Einzelkonten investiert“, heißt es in einem Brief des Primeo Funds vom 17. Dezember 2008, der an vermögende BA-Kunden verschickt wurde.

Prominente Geschädigte
Das Brisante daran: Die meisten erfuhren so zum ersten Mal von ihrem Madoff-­Investment. Sie zittern nun um einige Hunderttausend Euro Vermögen. Insgesamt sind rund 740 Personen betroffen, darunter das Who’s who des heimischen Geldadels: Von Ex-BA-General René-Alfons Haiden über Kelly’s-Gründer Herbert Rast bis hin zu Ex-Notenbankpräsident Adolf Wala. Auch Ex-BA-Treasury-Chef Peter Fischer und Ex-GiroCredit-Boss Hans Haumer haben zumindest eine halbe Million Privatgeld verloren. Fischers und Haumers Investmenthaus Anaxo, das etwa die Gemeinde Hartberg in ein fehlgeschlagenes Madoff-Investment gedrängt hat, soll wegen Madoff knapp vor dem Aus stehen. Wala, der im Vorstand der Banken-ÖIAG Fimbag sitzt, ist das Investment sehr unangenehm: „Kein Kommentar zu meinen Privatangelegenheiten.“

Vertrieb für Österreich
„Zapotocky hat den Madoff-Fonds in Österreich vertrieben. Er hat mich mehrmals darauf angesprochen. Zum Glück habe ich abgelehnt“, sagt Ex-Mayr-Melnhof-Chef Michael Gröller. Auch die Fruchtsaft-Familie Rauch soll zu jenen zählen, denen Zapotocky Madoff schmackhaft gemacht hat. „Es kann schon sein, dass jemand aus meiner Familie entweder persönlich oder über eine Stiftung investiert ist“, sagt Clanchef Franz Rauch: „Persönlich bin ich nicht betroffen.“ Schon als Börsenchef war „Zapo“ als Madoff-Vermittler verschrien. Mit Kohn ist er befreundet. Bis vor kurzem war Zapo­tocky im Board des Madoff-Klons Alpha Prime.

Die Klagswelle läuft an
„Wir haben ein gutes ­Dutzend Klienten aus ­Österreich“, sagt der US-Anwalt Robert Schachter von der US-Kanzlei Zwerling, Schachter & Zwerling. „Es geht um einen hohen zweistelligen Euromillionenbetrag.“ Diese Woche wurde vom Hedgefonds Repex Ventures die erste Klage gegen ­Medici und Bank Austria eingebracht. Nun laufe eine 60-Tage-Frist, um Ansprüche anzumel­den, sagt Schachter. Wer das unterlässt, erhält nicht mehr den Status „Lead Plaintiff“ (Kläger erster Klasse), was Nachteile im Schadenersatzprozess bringt. „Bei uns haben sich mehr als hundert Primeo-Kunden gemeldet, die zwischen 50.000 und 700.000 Euro verloren haben“, sagt Franz Kallinger, Chef des Prozessfinanzierers Advofin.

Depotbank ließ Madoff walten
„Es sind nicht nur große, sondern auch kleine Anleger betroffen“, erzählt Matthias Schröder von LSS Leonhardt Spänle Schröder Rechtsanwälte in Frankfurt am Main. In Deutschland fängt die Schadenssumme bei 5.000 Euro an, weil Finanzberater die 50.000-Euro-Mindest­investmentsumme für Herald, Thema und Co stückelten und an Kleinanleger weiterverkauften. Schröder: „Wir prüfen Klagen gegen die Medici und die Depotbank HSBC.“ Letztere habe eindeutig ihre Aufgabe als Custodian nicht erfüllt. So heißt es etwa im Herald-Prospekt: „Die Depotbank (HSBC) ist für die Verwahrung des Fondsvermögens zuständig. Die Depotbank kann Unterverwahrer ernennen. Die Depotbank muss etwaige Unterverwahrer angemessen beaufsichtigen und von Zeit zu Zeit Erkundigungen einholen.“ Auf Letzteres legte die HSBC wenig Wert. Sie ließ Madoff als Sub-Custodian zu und ließ ihn ungeprüft walten. Advokat Schröder: „HSBC hat Fehler gemacht.“

Prospekte nicht aktualisiert
Außerdem war Medici nicht ehrlich zu den Investoren. Schröder: „Aus den Prospekten geht hervor, dass der ­Invest­mentmanager Bank Medici heißt.“ Zwar dürfe der Vermögensverwaltungsauftrag delegiert werden. Jedoch nur mit einer Einschränkung: „Im Falle einer Subdelegation von Befugnissen wird der vorliegende Prospekt entsprechend aktualisiert“ (Herald-Prospekt, März 2008). Das dürfte wohl nie geschehen sein, wie Exfinanzminister Ferdinand Lacina (siehe auch Interview ) und Exwirtschaftsminister Johannes Farnleitner unisono bestätigen. „Für uns waren das HSBC-Fonds“, sagt Lacina. Der Name Madoff sei nie gefallen.

Von Ashwien Sankholkar

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