Max Otte im Interview: „Hoffe auf eine schöne Inflation“

Der deutsche Ökonom und Krisenspezialist Max Otte über die Probleme der Weltwirtschaft und die Macht der Finanzkonzerne.

FORMAT: Die Meldungen zur Weltwirtschaft sind gespalten – Institutionen wie der IWF heben ihre Wachstumsprognosen an, gleichzeitig warnen viele Top-Ökonomen vor einem erneuten Abgleiten in die Rezession. Was prognostizieren Sie: Aufschwung oder Absturz?

Otte: Weder noch. Ich hoffe inständig, dass wir mithilfe der weltweiten Konjunkturprogramme den großen Absturz verhindern können. Meiner Meinung nach liegen zähe Jahre der Stagnation vor uns, wo uns nichts anderes übrig bleibt, als uns durchzuwursteln.

FORMAT: In Ihrem Buch „Der Crash kommt“, in dem Sie die aktuelle Krise vorhergesehen haben, klang Ihre Argumentation noch düsterer …

Otte: Beim Schreiben des Buches habe ich nicht für möglich gehalten, wie umfangreich die Konjunkturprogramme wirklich werden – auch wenn durch viele dieser Maßnahmen die Strukturprobleme der Wirtschaft nicht wirklich gelöst werden. Die massiven Geldspritzen stellen schließlich eine Medizin dar, die mitverantwortlich war am Ausbruch der Krankheit. Aber dadurch bekommen wir – so hoffe ich – eine schöne Inflation. Das ist immer noch besser als ein Deflationsszenario.

FORMAT: Für viele ist eine Inflation eher ein Horrorszenario.

Otte: Stellen Sie sich doch eine Deflation vor: Alle horten Geld, niemand kauft mehr etwas. Unternehmen setzen ihre Produkte nicht mehr ab. Massenentlassungen sind die Folge. Arbeitnehmer sind gezwungen, ihre Arbeitskraft für einen Apfel und ein Ei anzubieten, die Armut steigt. Das war die Situation in den 30er- Jahren. Da sind mir die 70er mit Inflationsraten zwischen fünf und zehn Prozent doch weit lieber. Das ist zwar schlecht für alle Gläubiger und Sparer, aber immer noch besser als eine Depression. Ich rechne insgesamt mit einer Stagflation, also stagnierender Wirtschaft und gleichzeitiger Inflation.

FORMAT: Was sind weltweit die gefährlichsten Krisenherde?

Otte: Die weltweite Nachfrage scheint ja schon wieder anzuziehen, aber es gibt noch eine Menge strukturelle Probleme, die völlig ungelöst sind. Japan hat eine überalterte Bevölkerung und eine Gesamtverschuldung jenseits der 200 Prozent. Derzeit werden dort weit mehr Schulden aufgenommen, als durch Steuern hereinkommen, mehr als 50 Prozent der Neuverschuldung kommen über neue Anleihen herein – ein Riesenproblem.

FORMAT: Auch in China orten viele trotz immensen Wachstums Probleme …

Otte: Der Boom in China ist künstlich erzeugt; wenn die staatlichen Konjunkturprogramme auslaufen, fällt dort die Nachfrage aus. Für die Weltwirtschaft kann sich das durchaus bedrohlich auswirken. Weit schlimmer ist allerdings die Lage in den USA – der Immobilienmarkt schwächelt, die Arbeitslosenzahlen sind hoch, die Verschuldung steigt rapide …

FORMAT: Trotzdem wird dort gerade wieder diskutiert, die Leitzinsen noch lange niedrig zu halten und wieder eigene Staatsanleihen aufzukaufen, kurz: Geld zu drucken …

Otte: Na sicher, Amerika braucht das doch! Die USA müssen ihre Schulden weginflationieren, sonst kommen die aus dieser Situation nicht mehr raus. Die Schulden sind so hoch, dass sie irgendwann den Schnitt machen müssen. Darunter leiden natürlich die Gläubiger, allen voran China.

FORMAT: Auch europäische Staaten kämpfen mit hohen Schulden …

Otte: Verglichen mit diesen Problemen, steht Europa gut dar. Wir könnten uns doch Griechenland, Spanien und sogar Großbritannien leisten. Im Gegenteil: Europa fängt zu früh an zu sparen.

FORMAT: Manche sehen die Gefahr, dass der Euroraum aufgrund der Ungleichgewichte zerbricht …

Otte: Und wenn schon! Derzeit fahren wir ja überall die Schulden hoch, die vormals soliden Nordländer passen sich so den Südländern an. Dabei hätten wir die Südländer aus der Eurozone entlassen sollen. Besser, wir kehren zu Schilling und D-Mark zurück – der Euro hat uns doch ohnehin nichts gebracht.

FORMAT: Wie lassen sich Krisen wie diese künftig vermeiden?

Otte: Eine stabile Marktwirtschaft benötigt Regeln. Die Finanzmärkte produzieren immer wieder solche Krisen, wie wir sie derzeit erleben. Die nötigen Regeln werden derzeit durch die Finanzoligarchie erfolgreich verhindert. Die Politik hat abgedankt – in Wahrheit herrschen die Konzerne.

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