„Match mit Bayern abpfeifen“ - Johannes Ditz, Hypo-Aufsichtsratschef im Interview

Johannes Ditz, Aufsichtsratschef der Hypo Alpe Adria, über die Mühen der Sanierung und fehlende Perspektiven der Politik.

FORMAT: Herr Ditz, wie zufrieden sind Sie als Aufsichtsratspräsident der Hypo Alpe Adria mit der Sanierung?

Ditz: Die Sanierung läuft auf vollen Touren. Der Vorstand ist erst seit Juni komplett, in dieser kurzen Zeit wurde sehr viel erreicht. Ich bin mit der Entwicklung des operativen Geschäftes zufrieden, das Ergebnis 2010 wird positiv sein. Das ist ein erster Hoffnungsstrahl.

FORMAT: Womit sind Sie unzufrieden?

Ditz: Nicht zufrieden bin ich mit der generellen Situation des Unternehmens. Speziell die Immobilienmärkte in Südosteuropa sind noch immer sehr gedrückt. Dort gibt es nur ganz, ganz zarte Aufschwungtendenzen, was für unsere Immobilienengagements nicht sehr vorteilhaft ist. Der daraus resultierende Abwertungsbedarf und steigende Risikovorsorgen werden auch 2010 in der Gesamtsicht zu einem Verlust führen.

FORMAT: Was sind die aktuell größten Probleme der Bank?

Ditz: Die ganzen Instrumentarien zur Risikobeurteilung waren nicht vorhanden, man war praktisch ohne Kompass unterwegs. Es gibt eine Vielzahl von Leasinggeschäften, die völlig schiefgelaufen sind. Es mussten neue Strukturen aufgebaut werden, um aus diesen Engagements mit möglichst wenig Schaden herauszukommen, was gerade am Balkan nicht so einfach ist. Zudem gibt es Probleme bei der Bewertung von Sicherheiten. Zum Teil fehlt die Bewertung gänzlich, zum Teil stammen die Werte aus den Neunzigerjahren. Das ist ein Problem, das im Zuge der Bilanz 2010 gelöst werden muss.

FORMAT: Zuletzt war von faulen Krediten in Höhe von 8,3 Milliarden Euro die Rede. Wird es dabei bleiben?

Ditz: Diese „Non-Performing-Loans“ haben eine Dimension erreicht, die uns große Sorge macht. Wenn die Konjunktur sich nicht völlig in die andere Richtung entwickelt, werden wir Ende des Jahres die Spitze des Wertberichtigungsbedarfes erreicht haben.

FORMAT: Kann das auch ein zweistelliger Milliardenbetrag werden?

Ditz: Der Betrag kann sich eventuell noch ein wenig nach oben bewegen, aber zweistellig, das glaube ich nicht.

FORMAT: Wird die Hypo Alpe Adria weitere Staatshilfe benötigen?

Ditz: Das heurige Jahr wird das schwierigste. Wir werden alles unternehmen, um ohne weiteren Kapitalzuschuss auszukommen, absolut ausschließen kann man die Haftungsfrage aus heutiger Sicht allerdings nicht.

FORMAT: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass weitere Haftungen des Bundes notwendig sind?

Ditz: Wir haben eine Offensivstrategie, möglichst schnell von den Kreditrisiken herunterzukommen. Nur ist ein Verkauf in schwachen Märkten nicht einfach. Ich habe daher das Management gebeten, zusätzlich für ein Worst-Case-Szenario Lösungsvorschläge zu entwickeln. Wenn wir sehen, es ist notwendig, werden wir um diese ansuchen. Derzeit ist es nicht geplant.

FORMAT: Wie sehr fürchten Sie eine Klage Bayerns?

Ditz: Beide Seiten wollten den Verkaufsprozess damals schnell durchziehen. Es hat sicher Hinweise gegeben, sich das Kreditrisiko anzuschauen, was offensichtlich nicht geschehen ist. Das liegt in der Schuld dessen, der kauft. Ich will die Frage des Eigenkapitals in einer Tochtergesellschaft nicht gering schätzen, aber im Verhältnis zum Gesamtkaufpreis spielt das eine verschwindend geringe Rolle. Außerdem steht Aussage gegen Aussage, wer worüber wann informiert wurde oder nicht. Ich sehe keine Chancen für eine Klage. Das Länderspiel Bayern gegen Kärnten könnte man getrost abpfeifen.

FORMAT: Milliardenverluste, überforderte Manager: Erinnert Sie manches an Ihre frühere Tätigkeit als ÖIAG-Chef?

Ditz: Es macht mir Sorgen, dass man bei der Hypo Alpe Adria, was die Größenordnung der Staatshilfe betrifft, langsam in Dimensionen der Sanierung der Verstaatlichten in den Achtzigerjahren kommt – und das bei einer regionalen Bank.

FORMAT: Was waren die Fehler?

Ditz: Dem Management sind die Relationen und Risikodimensionen verloren gegangen. Als die Probleme deutlich geworden sind, hat man sich, statt zu konsolidieren, für die Flucht nach vorne entschieden und ist weitere, sehr riskante Kreditengagements eingegangen, um Wachstum um jeden Preis zu erzeugen.

FORMAT: Kommen wir zur aktuellen Politik. Teilen Sie unsere Einschätzung, dass beim Budgetentwurf der Regierung nur Flickwerk herausgekommen ist?

Ditz: Nein, das greift zu kurz. Es wäre in der jetzigen Phase wahnsinnig wichtig, für Österreich eine Stärken-Schwächen- Analyse durchzuführen. Dabei würde sich zeigen, dass unsere Industrie und auch die Mittelbetriebe wesentlich wettbewerbsfähiger sind als noch vor 20 Jahren. Gleichzeitig – das ist einer der Schwachpunkte – gibt es einen großen öffentlichen Sektor, der sich jeder Veränderung widersetzt, auch mit dem Hinweis auf wohlerworbene Rechte. Hier liegt ein Kernproblem.

FORMAT: Also fehlt der große Wurf?

Ditz: Was jetzt präsentiert wurde, darf man als Kraftanstrengung nicht zu gering schätzen. Aber es mangelt daran, die sozialpolitische Diskussion in neue Bahnen zu bringen. Beispiel 13. Familienbeihilfe: Wenn jetzt alle Sozialpolitiker sagen, das ist ein Sozialabbau, dann ist das falsch. Diese zusätzliche Beihilfe war gedacht als Ausgleich für eine befürchtete hohe Inflation. Die Inflation ist nicht gekommen, die Beihilfe geblieben. Sinnvoll ist, den Studenten über das 24. Lebensjahr hinaus die Familienbeihilfe zu lassen, Und dann gibt es Unsinnigkeiten wie den Koralmtunnel, den braucht wirklich niemand.

FORMAT: Warum gelingen der Politik keine großen Reformen?

Ditz: Ein Problem ist, dass es kein sogenanntes „Sunset-Budgeting“ gibt, wo Entscheidungen nach einer gewissen Zeit auf ihre Sinnhaftigkeit und Effizienz überprüft werden, um Mittel für neue Auf gaben freizubekommen. Bei Familienförderungen von insgesamt rund acht Milliarden Euro ist nicht alles sinnvoll.

FORMAT: Nochmals die Frage: Warum gelingen keine große Reformen?

Ditz: Das ist eine politische Machtfrage. Österreich braucht eine Neuordnung der Finanzverfassung, wo man klar die Aufgaben der Gebietskörperschaften festlegt und entsprechend auch die Finanzmittel zuordnet. Jetzt werden 26 Milliarden Euro hin und her geschoben, das führt zu einer Überbürokratisierung, die Österreich zunehmend belastet. Beispiel Gesundheitsbereich: Entweder schafft man das Gesundheitsministerium ab – oder man gibt dem Minister echte Kompetenzen. In der jetzigen Form ist das sinnlos.

FORMAT: Ist das ein Appell an die eigene Partei?

Ditz: Das ist ein Appell an alle. Wir brauchen eine Grundsatzdiskussion, was kreative Sozialpolitik bedeutet: einen Wohlfahrtsstaat, der den Bürger von vorne bis hinten umsorgt, oder eine soziale Marktwirtschaft, wo die Gesellschaft auch gewisse Dinge übernehmen muss. Ich bin überzeugt, dass das zweite Modell richtig ist. Doch dafür müssen wir das noch aus der Kreisky-Zeit stammende Versorgungsdenken überwinden.

FORMAT: Die Mängel sind seit Jahren bekannt, es gibt Reformkonzepte. Warum werden sie nicht umgesetzt?

Ditz: Ich bin nicht sicher, ob die beiden großen Parteien mit ihren divergierenden Interessen das derzeit schaffen können. Die SPÖ knüpft an die Nostalgie der Kreisky-Jahre an, das macht eine Zusammenarbeit für die ÖVP schwierig. Und in der ÖVP gibt es natürlich auch Bewahrungstendenzen, das muss man offen sagen. Wir brauchen ein Mehrheitswahlrecht mit klaren Verantwortlichkeiten, sonst wird sich in Österreich nicht genug bewegen.

FORMAT: Ist das durchsetzbar?

Ditz: Wir werden es schaffen müssen, sonst wird die Kluft zwischen dem exponierten Sektor und dem geschützten Sektor immer größer – und das wäre dann ein echtes Problem für Österreich, wenn wir unseren Wohlstand erhalten und zukünftige Chancen nutzen wollen.

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