Managergehälter: Wie viel ist zu viel?

Managergehälter: Wie viel ist zu viel?

Ein FORMAT-Report über die Topverdiener und was die Schweizer Abzocker-Initiative hierzulande bringt.

Alle reißen sich um ihn. Günther Jauch, Anne Will, CNN, BBC, das italienische Fernsehen, der "Guardian“, Al Jazeera, sogar das britische Wirtschaftsministerium will ihn konsultieren. Der Schweizer Politiker Thomas Minder ist mit seiner Abzocker-Initiative zum wahren Exportschlager geworden, seitdem sich die Mehrheit der Eidgenossen in einer Volksabstimmung hinter ihn gestellt hat.

Die Schweiz wird nun die Aktionärsrechte in Vergütungsfragen massiv stärken. Und weil zeitgleich innerhalb der EU um geringere Banker-Boni gerungen wird und in Italien Beppe Grillo, der die Gehälter deckeln möchte, die Wahl gewonnen hat, redet ganz Europa über Manager und ihren Verdienst. 91 Prozent der "Bild“-Online-Leser finden, dass nun auch in Deutschland die Gehälter der Bosse gekürzt werden sollen. "Kein Chef soll mehr als 20-mal so viel verdienen wie sein schlechtestbezahlter Angestellter“, tönt es selbst aus dem Mund des Chefs des World Economic Forum in Davos, Klaus Schwab. Auch die österreichische Regierung kann sich Änderungen vorstellen.

"Es ist erstaunlich, was sich da in kürzester Zeit von verschiedenen Seiten tut“, wundert sich selbst Buchautor Christian Felber, Gründer von Attac Österreich. "Vor zwei Jahren bin ich für Ideen als Kommunist beschimpft worden, die jetzt sogar Klaus Schwab vertritt.“ Aber wie viel ist adäquat, wie viel zu viel? Und wer bestimmt das?

Druck auf die Manager

Dass es ein Umdenken gibt, zeigt sich auch daran, dass erstmals Manager auf Bonuszahlungen verzichten. Daniel Vasella, Verwaltungsrat von Novartis in der Schweiz, hätte zuerst knapp 60 Millionen Euro Abfertigung bekommen, damit er nicht zur Konkurrenz wechselt. Er beugte sich aber dem öffentlichen Druck und musste sich mit weniger zufrieden geben. Antony Jenkins, Chef der skandalgeschüttelten Barclays-Bank, lehnte seinen Bonus in Höhe von 3,2 Millionen Euro gar freiwillig ab.

Auch bei Volkswagen nahm der Vorstand von sich aus eine Gehaltskürzung hin. Statt 20 Millionen Euro wird VW-Boss Martin Winterkorn nun 14,5 Millionen Euro bekommen. Der Finanzvorstand, der gebürtige Oberösterreicher Hans Dieter Pötsch, erhält sieben statt acht Millionen Euro. Die Vergütung des Managements sei eine "Frage der Leistung, aber auch der Akzeptanz in der Bevölkerung“, sagt Pötsch in einem Interview. "Es war wichtig für uns, zu zeigen, dass wir da genau hinschauen, genau hinhören und bereit sind, die Konsequenzen zu tragen.“ Ein Großkonzern wie VW, der jedes vierte Auto in Europa verkauft, habe nur Erfolg, wenn das Führungspersonal sympathisch wirke.

Mehr Sensibilität fordert auch Lutz Goebel, Präsident des deutschen Familienunternehmensverbands, ein: "Mit zweistelligen Millionengehältern haben sich in den letzten Jahren leider auch Unternehmen der Realwirtschaft zu stark an der Maßlosigkeit in Teilen der Finanzbranche orientiert.“ Ausgehend von den Banken, haben sich hohe Löhne auch auf andere Wirtschaftsbereiche ausgedehnt. Jetzt könnte es eine Trendwende geben. Überproportionales Wachstum der Managergehälter im Vergleich zum Durchschnittsverdienst werde es künftig nicht mehr geben, glaubt der Vergütungsexperte Michael H. Kramarsch. "Durch zwei Effekte: den Druck der Öffentlichkeit und die neuen Governance-Vorschriften.“

Aber noch ist dieser Wandel kein allgemeines Phänomen. Vor kurzem wurde bekannt, dass der frühere Chefhändler der Deutschen Bank, Christian Bittar, einen Bonus von insgesamt 80 Millionen Euro bewilligt bekam. Viele Manager sehen sich im Recht: Sie haben Verantwortung für viele Menschen, einen stressigen Beruf, müssen für Fehler haften und oft unangenehme Entscheidungen treffen, daher stehe ihnen ihr Gehalt zu. "Das Gehalt eines Topmanagers wird entscheidend von der Größe seines Verantwortungsbereichs beeinflusst“, erklärt Conrad Pramböck, Gehaltsexperte bei Pedersen & Partners.

Ein offizielles Ranking der Topverdiener der Welt gibt es nicht. Laut "Forbes“ liegt John H. Hammergren vom US-Pharmakonzern McKesson 2012 mit einem Salär von umgerechnet 100 Millionen Euro an der Spitze. In Österreich war Voest-Boss Wolfgang Eder mit vergleichsweise bescheidenen 2,9 Millionen Euro der Topverdiener.

Wer bestimmt die Höhe? Aber wann ist ein Manager so viel Geld wert? Wenn er den Gewinn seines Unternehmens deutlich steigern kann? Wenn er den Aktionären satte Kurssprünge verschafft? Wenn der Markt es hergibt? Gar nie, meint Felber. "Es gibt keine objektiven Kriterien für Gehälter, nur ethische und demokratische.“ Insofern wäre es am besten, wenn man durch Volksentscheide Mindest- und Höchstlöhne festlegte, wobei maximal zum Beispiel das 20- oder das 40fache der Mindestsumme verdient werden könnte.

Felber: "Eine Lösung, wo alle zufrieden sind, wird es nicht geben. Aber man kann die ermitteln, die größtmögliche Zufriedenheit bringt.“ Denn niemand bekomme 10 oder 100 Millionen Euro pro Jahr wegen seiner Leistung. "Das hat nur mit Gier und Macht zu tun“, meint Felber.

Arbeiterkammer-Chef Herbert Tumpel schlägt - wenig überraschend - in dieselbe Kerbe: "Die Managergehälter sind in nur zehn Jahren vom 20fachen auf das 48fache eines Durchschnittsverdiensts hochgeschnellt. Das hat mit Leistung nichts mehr zu tun.“ Es müsse mehr getan werden, um "wieder ein faires Verhältnis zwischen Managergagen und Durchschnittsverdienst zu bekommen“. Der für fast 30.000 Mitarbeiter verantwortliche OMV-Chef bezieht etwa das 106fache des Mindestlohns in der Mineralölbranche.

Dass per demokratische Wahl die Gehälter gedeckelt werden, wirkt derzeit wenig realistisch. Eine einfachere Variante wäre die per Gesetzesbeschluss. Die SPÖ denkt darüber nach, die steuerliche Absetzbarkeit von Bezügen über 500.000 Euro abzuschaffen. Strabag-Boss Hans Peter Haselsteiner geht da noch weiter und fordert: "Unvernünftig hohe Gehälter gehören unvernünftig hoch besteuert.“ Wirtschaftsethik-Experte Michael Litschka von der FH St. Pölten hält das jedoch für keine gute Idee. "Wenn die Manager das Gefühl haben, dass sie für gute Mehrarbeit 75 Prozent oder mehr Steuern zahlen müssen, ist das nicht sehr anreizfördernd.“

Wenn man Ungleichheiten beseitigen möchte, könnte man, der Theorie des US-Philosophen John Rawls folgend, diejenigen, die in einem Unternehmen am schlechtesten gestellt sind, am meisten profitieren lassen. "Das hieße, dass Manager zwar mehr verdienen könnten, aber nur, wenn die Mindestlohnempfänger einen prozentuell höheren Sprung machen dürfen“, sagt Litschka.

Die dritte Möglichkeit, die derzeit am meisten Zuspruch erhält, ist die Stärkung der Rechte der Aktionäre: Sie und auch die Öffentlichkeit sollten umfassend über Bezüge, Abfertigungen und Boni informiert werden und mitbestimmen. Für Litschka und auch Felber geht das aber nicht weit genug: Denn ein Unternehmen sei nicht allein Sache der Aktionäre, sondern auch der Mitarbeiter, Kunden, Anrainer usw.

Transparenz fehlt

Ein weiteres Problem in der ganzen Debatte: Die Gehälter in Europa sind außer in Skandinavien nicht transparent, sondern meist ein großes Geheimnis. Dass Erste-Chef Andreas Treichl mit seinen 2,1 Millionen Euro oft als bestverdienender Banker Österreichs bezeichnet wird, liegt auch daran, dass sein Institut seit zehn Jahren das einzige im Finanzbereich ist, das die Bezüge einzeln im Geschäftsbericht ausweist.

Das Image der Chefs hat unter den vielen Skandalen, den Pleiten von Banken und der Wirtschaftskrise gelitten. Viele Ansätze der Ökonomie haben sich in den vergangenen Jahren als falsch herausgestellt, man weiß nun: Der Markt regelt doch nicht alles von allein. Daher nimmt man auch den Managern weniger ab, dass sie wissen, was sie tun.

Dass sie dafür so viel Geld bekommen, während normale Angestellte und der Staat mit dem Budget zu kämpfen haben, sorgt für Empörung. Bei Sportlern und Künstlern sind die Millionenverdienste indes weniger Neid-Thema in der breiten Bevölkerung. Zum einen, weil klar ist, dass diese Erfolge nur von kurzer Dauer sind, und zum anderen, weil man sich gerne mit den Stars identifiziert. Man bewundert sie und sehnt sich im Geheimen danach, genauso zu sein. Das berechtigt die Idole auch zu Spitzenverdiensten. "Aber was die übermenschlichen Leistungen der Manager sein sollten, das steht für viele in den Sternen“, so Litschka.

Der begehrte Schweizer Thomas Minder hat indes Günther Jauch sein Kommen bei der sonntäglichen Diskussionssendung zugesagt. Da wird er seine Abzocker-Initiative und die neuen Schweizer Aktionärsrechte erklären. Um eine Deckelung der Gehälter ging es ihm nämlich nie. Dass die halbe Welt dennoch berichtet, die Schweiz wolle die Managergagen kürzen, regt ihn mittlerweile nicht mehr auf. Er findet das große Interesse an seiner Person "lässig“.

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