Magna-Opel: Nach dem Closing fängt die Arbeit für Wolf und Stronach erst richtig an

Magna ändert mit dem Opel-Einstieg das Geschäftsmodell und muss sich nun neue Strukturen verpassen. Die Sanierung von Opel wird hart. Ein Scheitern wäre katastrophal, nicht nur aus Prestigegründen.

Mittwoch früh präsentierte sich Magna-Frontman Siegfried Wolf erstmals der Opel-Belegschaft im Stammwerk in Rüsselsheim. 9.000 Mitarbeiter hörten ihm live zu – und spendeten mehrmals Szenen­applaus. Sehr verwöhnt dürfte die Opel-Crew nicht sein. Wolf brauchte gar keine Prämien zu versprechen. Schon Phrasen wie „gemeinsame Verantwortung“ oder „an einem Strang ziehen“ lösten gute Stimmung aus. Als der Steirer verkündete, er werde den Besucherpass, der zum Betreten des Werks berechtigt, gleich behalten, erntete er ­Begeisterung.

Hoffnung ruht auf Magna
Die Opelaner haben neue Hoffnung geschöpft, und die ruhen auf Magna. Doch mit der Einigung auf eine Absichtserklärung für den Opel-Einstieg ist gerade ein erster Schritt getan. Bis zum Closing des Deals in rund zwei Monaten sind Hunderte Details abzuarbeiten. Erst am Pfingstmontag mussten wieder ungeplante Verhandlungen eingeschoben werden. Die deutsche Regierung verzichtete überraschend auf die vereinbarten 300 Millionen Euro Soforthilfe für Opel, die Magna ­zugesagt hatte. Magna wollte vermeiden, dass es so aussieht, als ob die Summe nicht hätte aufgebracht werden können. Vom langen Wochenende blieb Wolf nur der Sonntag zur Entspannung.

Gewaltige Herausforderungen
Auch ein Scheitern des Übernahme, gefolgt von einer Opel-Insolvenz, ist theoretisch noch immer möglich. Nach der Abspaltung des Autobauers von General Motors (GM) muss nun unter anderem die Übertragung der Marken- und Patentrechte geklärt werden. Und nach dem Closing fängt die Arbeit für Siegfried Wolf und den Magna-Haupteigentümer Frank Stronach erst so richtig an. Sie müssen ganz neue Strukturen für ihren Autozulieferkonzern schaffen, eine endgültige Lösung mit den russischen Partnern finden und Opel fit für die Zukunft machen. „Wir stehen bei Opel vor großen Restrukturierungs-Herausforderungen“, sagt Wolf im FORMAT-Interview . Die wichtigsten Vermögensbestandteile von Opel und der Schwestergesellschaft Vauxhall wurden bereits in der Adam Opel GmbH zusammengefasst. Formeller Eigentümer bis zum Einstieg Magnas ist eine Treuhandgesellschaft in Deutschland.

Finale Einigung mit Russen fehlt
In der Zwischenzeit bastelt Wolf auch an der finalen Konstruktion mit den russischen Partnern. Bislang wurde nur kommuniziert, dass die staatliche Sberbank eine tragende Rolle im Konsortium spielt. Dies aber nur deshalb, weil Oleg Deripaskas Fahrzeuggruppe Gaz finanziell angeschlagen ist. Die abgeschlossenen Verträge ­stellen zwar sicher, dass beim Closing die Russen an Bord sind. Wie genau, ließ der russische Ministerpräsident und Eigen­tümervertreter der Sberbank, Wladimir Putin, aber anscheinend offen. Wolf: „Möglicherweise bietet uns die russische Regierung noch eine industrielle Lösung an.“Beim GM-Konzern, der mit 35 Prozent an Opel beteiligt bleibt, mischt nach dessen Insolvenz die US-Regierung mit. ­„Barack Obama und Putin sitzen bei Opel im Prinzip an einem Tisch. Das birgt ein gewisses Sprengpotenzial“, meint Stefan Lippautz, Autoexperte bei Arthur D. Little.

Zulieferung von Opel trennen
Eine der größten Herausforderungen für Stronach und Wolf: Sie müssen eine Struktur schaffen, welche die Kunden, die Magna beliefert, beruhigt. Etwa VW. Von dort kam bereits Kritik, dass der Zulieferer mit seinem Opel-Engagement in Interessen­konflikte gerate. Deshalb will Magna das Zuliefer- strikt vom (künftigen) Autogeschäft trennen. Ähnlich wie bei Banken, die zwischen der Kredit- und der Investmentabteilung so genannte „Chinese Walls“ eingezogen haben, darf kein Know-how der Kunden an Opel fließen. „Dies wird nicht geschehen“, verspricht Wolf. „In der Außenwirkung soll Magna möglichst wenig mit Opel in Zusammenhang gebracht werden“, erwartet Stefan Lippautz. Dennoch stellt Wolf klar, dass Magna die industrielle Führung innehaben wird. In den nächsten vier Wochen soll die Managementstruktur stehen. Der bisherige GM-Europe-Chef Carl-Peter Forster wird an der Spitze des Restrukturierungsteams der neuen Opel AG stehen.

Ernsthaftes Markenproblem
Das über viele Jahre beschädigte Image der Marke Opel wird nicht einfach wieder aufzupolieren sein. Die Werbung der Rüsselsheimer gehörte in den vergangenen Jahren zu den erfolglosesten Auftritten aller Automobilhersteller. Millionen Euro wurden verpulvert, und Opel schaffte es nicht, aus dem Schatten von VW herauszutreten. „Wichtig ist, dass eine klare Positionierung stattfindet“, meint der Markenexperte Michael Brandtner. „Wenn es nicht gelingt, dann wird das Unternehmen immer in der dritten oder vierten Reihe stehen.“ Ebenso schwierig wird sein, die Unternehmenskultur von Magna bei Opel zu implantieren. In der Stronach-Firmengruppe ist zwar viel von Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern die Rede. Aber Betriebsräte stehen nicht sehr hoch im Kurs. Ganz anders in der deutschen Autoindustrie, wo die gewerkschaftliche Mitbestimmung eine zentrale Rolle spielt. Das birgt Konfliktpotenzial, auch wenn Opel-Betriebsratschef Klaus Franz voll des Lobes ist: „Magna hat eine sehr interessante Unternehmenskultur.“

Finanzielles Risiko gering
Magna-Gründer Stronach zeigte sich in den letzten Tagen gewohnt optimistisch. Of­fenherzig sprach er von einer „Win-win-Situation“ und davon, dass er Opel bereits in vier Jahren wieder in der Gewinnzone sieht. Topmanager Wolf hingegen ist weitaus vorsichtiger. Er meint: „Wir dürfen jetzt nicht in Euphorie verfallen und nicht unsere Kritikfähigkeit verlieren.“
Das finanzielle Risiko für Magna ist nicht allzu hoch – der Grund, warum manche deutsche Politiker den Deal kritisieren. Schrittweise wird Magna in den nächsten vier Jahren 500 Millionen Euro Eigenkapital und 200 Millionen Euro Darlehen bei Opel einbringen. 4,5 Milliarden Euro werden über Bankkredite aufgenommen, für die der deutsche Staat bürgt.

Neues Magna-Geschäftsmodell
Doch ein Scheitern wäre aus anderen Gründen katastrophal. Es ist nicht nur eine Prestigesache. Stronach und Wolf wollen beweisen, dass sie eine Automarke führen können. Der Opel-Einstieg markiert auch eine grundlegende Änderung des Magna-Geschäftsmodells. 40 Prozent des Umsatzes kommen noch immer von den „Big Three“ der USA: GM, Chrysler und Ford. Aber die brechen nach der Reihe ein. ­Magna braucht eine neue Perspektive, um die Verluste zu kompensieren: einen Erfolg mit Opel, vor allem in Russland. Zumindest die Deutschen haben sich mit einem austrokanadischen Eigentümer für eine ihrer Automarken schon abge­funden. Die Punkrocker Die Toten Hosen sangen diese Woche bei ihrem Auftritt im Burgtheater inbrünstig: „Wir waren die Jungs von der Opel-Gang, jetzt hat uns Magna abgehängt.“ Trotzdem ist es noch ein steiniger Weg, bis Siegfried Wolf auch ohne Besucher­ausweis die Opel-Werke betreten darf.

Barbara Nothegger

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