Macht Reichtum kaputt? Diese These vertritt der Münchner Autor W. Schmidbauer

Die Macht des Geldes reduziert die menschlichen Gefühle auf Angst und Gier und zerstört unsere Beziehungen – diese provokante These vertritt der Münchner Analytiker und Autor Wolfgang Schmidbauer.

„Geld macht nicht glücklich“, „Wer nichts hat, kann alles geben“ – nur wenige haben solch abgedroschene Aphorismen so konsequent umgesetzt wie Karl Rabeder. Der Endvierziger aus Linz musste mit seinem Kunsthandwerkshandel erst Millionen machen, um zu merken, dass ihm sein ganzer Besitz nicht nur nichts bedeutete, sondern dass er ihn sogar belastete. Kurzerhand verscheuerte Rabeder seine Firma, seine Segelflugzeuge und Luxusschlitten, das ausgedehnte Tiroler Anwesen musste einer kleinen Wohnung in Innsbruck weichen. Die Erlöse flossen in Gemeinnütziges, daneben tourt der Ex-Multimillionär vortragend durch die Lande. „Meine Idee ist es, nichts mehr zu haben“, sagte Rabeder dem britischen „Telegraph“, „wirklich nichts mehr. Geld ist kontraproduktiv. Es verhindert, dass man glücklich wird.“

Gefühlsräuber Geldsystem

Ausnahmemenschen wie Karl Rabeder scheinen die provokante These des deutschen Bestsellerautors und Psychoanalytikers Wolfgang Schmidbauer zu bestätigen. Der Kapitalismus und seine Fixierung auf Geld zerstören nicht nur unseren Planeten, argumentiert Schmidbauer in seinem neuen Buch „Das kalte Herz“, sondern verwüsten auch unser Innenleben und berauben uns jeglichen Mitgefühls. „Das Diktat des Kapitalismus macht die Menschen todunglücklich“, sagt Schmidbauer.

In den 70er-Jahren hatte der Münchner Analytiker mit seinem kernigen Konstrukt vom „Helfersyndrom“ noch die eigene Profession hinterfragt, nun knöpft er sich also das herrschende Wirtschaftssystem vor. Mit Recht?

Empirische Studien, die sich mit Geld und Glück befassen, weisen nicht zwingend in Schmidbauers Richtung. Da wäre etwa die Frage, ob Geld nicht doch glücklich macht. Bis zu einer gewissen Grenze (in dem Fall 75.000 Dollar) macht es zumindest zufriedener, haben etwa die amerikanischen Forscher Daniel Kahneman und Angus Deaton herausgefunden. Wirklich glücklicher, so legten ihre Ergebnisse nahe, waren die Wohlhabenden jedoch nicht.

Britische Psychologen haben nachgewiesen, dass Geld nur jenen zu Glück verhilft, die merkbar mehr als andere haben. Das wiederum könnte Studien erklären, die in der japanischen Bevölkerung binnen zwei Jahrzehnten keine Steigerung des Glücksniveaus nachwiesen, und das trotz Verfünffachung der Wirtschaftsleistung. Auch für die Österreicher ist Reichtum nichts, was sie zwingend mit Glück verbinden. Bei einer groß angelegten Umfrage zum Thema Glücklichmacher landete Reichtum auf einem der letzten Plätze. Ausfüllende Tätigkeiten, langjährige Beziehungen, Freunde, selbst Sport bedeuten den Menschen hierzulande mehr als der schnöde Mammon. Doch wenn viel Geld nicht wirklich glücklich macht, muss es deswegen gleich unglücklich, ängstlich und gefühlskalt machen, wie Schmidbauer behauptet?

Todesursache Depression

Der bayrische Analytiker verlässt sich jedoch nicht auf empirische Studien wie diese, sondern seine 30-jährige Erfahrung mit eigenen Klienten – und den stetig steigenden Depressionsgrad in den Industriegesellschaften. Derzeit gelten Depressionskrankheiten als dritthäufigste Todesursache. „Geht die Entwicklung so weiter“, so Schmidbauer düster, „wird sie in fünfzig Jahren an die erste Stelle gerückt sein“ (siehe Interview ). Und eine der Hauptursachen, so der Endsechziger, sei die zunehmende Fixierung auf Geld. Gerade die Fähigkeit des Geldes, zu abstrahieren, jedem Ding und jeder menschlichen Fähigkeit einen Wert zuzuordnen, wirkt wie ein seelischer Filter, der „jene Aspekte der Emotionen begünstigt, die zu den Kapitalinteressen passen“.

Der Mensch, zunehmend verwirrt von den Herausforderungen der Globalisierung, setzt nun hauptsächlich auf Geld, um sich sicherer zu fühlen. Je komplexer die Umwelt, desto simpler das Gegenmittel. Eine trügerische Sicherheit mit bösen Folgen: „Gefühle, Beziehungen, Empathie werden bedeutungslos. Es geht allein um den Kick des zum Suchtmittel gewordenen Geldes“, schreibt Schmidbauer und begründet das vor allem mit Fallbeispielen aus seiner Praxis. So wie jenem des

Hartherzigen Fabrikbesitzers

Dieser zwang seinen Sohn dazu, in den Schulferien konsequent am Fließband zu arbeiten. Während andere Väter mit ihren Kindern zelten gingen, blieb gerade jener, der es sich hätte leisten können, hart. Ziel dieser Erziehungsmaßnahme war, den Jungen nicht zu verwöhnen, schließlich sollte er später das Familienvermögen nicht verplempern. Reichtum, so das Fazit Schmidbauers, wirkt in solchen Fällen wie Gift auf familiäre Beziehungen. Noch krasser ist der Fall der

Leugnenden Millionenerbin

Diese 40-jährige Klientin leugnete komplett, dass sie ein Erbe von vielen Millionen zu erwarten hatte. Sie wohnte in einer kleinen Wohnung mit von ihren Eltern ausgemusterten Möbeln, Bekannten erzählte sie, sie arbeite als einfache Angestellte. Eine richtige Beziehung hatte sie seit zehn Jahren nicht mehr. Auch hier schließt der Psychoanalytiker seiner Profession entsprechend auf die Eltern als Ursache. Der Reichtum habe im Vater seinen Kindern gegenüber Misstrauen entstehen lassen, das letztlich so stark wurde, dass seine Tochter ihn völlig verleugnete. Das Misstrauen ist überhaupt eines der größten Probleme, mit denen Reiche sich herumzuschlagen haben. Wie wollen sie sicher sein, dass alle anderen nicht nur hinter ihrem Geld her sind? Kinder reicher Eltern sind deshalb besonders gefährdet, werden sie doch von frühester Kindheit an auf Argwohn getrimmt. So wie die

Näheängstliche Frau A.

Frustriert darüber, ihr Vermögen nicht vermehrt zu haben, stellten ihre Eltern höchste Anforderungen, gepaart mit ständigen Ängsten der Mutter, ob aus ihrer Tochter auch ja was Rechtes werde. Dermaßen befrachtet, entwickelte A. eine narzisstische Störung, die sie beziehungsunfähig machte. Die Angst der Eltern, ihre Kinder könnten das Erbe nicht zusammenhalten, vermittelt diesen, wie gefährlich es sein kann, Entscheidungen leichtherzig zu treffen. So verzogen, werden sie Schmidbauer zufolge „unsicher über ihre eigenen Wünsche und Gefühle. Sie lernen vor allem, sich nicht auf ihre Gefühle zu verlassen.“

Und die Quintessenz? Wenn der Kapitalismus wirklich „todunglücklich“ macht, sollten wir dann nicht versuchen, auf ihn zu verzichten? „Ist nicht meine Profession“, wehrt sich Schmidbauer, „ich kann nur aus psychotherapeutischer Sicht sagen, dass etwas mit uns nicht stimmt.“ Trotzdem solle man hin und wieder überprüfen, ob man bereits süchtig nach Zaster sei, ob einen das Geld auch über Nacht beschäftige. Statt schnödem Konsumieren sei öfter einmal edles Reparieren angesagt. Kurz: Weniger ist mehr.

– Arndt Müller

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