Libro erfindet sich neu

Trotz seines fortgeschrittenen Alters ist Taus, der immerhin auf seinen 80. Geburtstag zusteuert, noch voller Tatendrang.

Das Angebot klingt gar nicht einmal so übel: Zwischen 21. und 30. September lädt Libro zur Ballonfahrt nach Kirchberg in Tirol. 139 Euro kosten zwei Nächte pro Person im Doppelzimmer eines Viersternehotels – inklusive Verpflegung. Bei zwei Vollzahlern dürfen Kids gratis mit, erst ab elf Jahren wird ein Aufpreis verlangt. Allerdings ist die angepriesene Ballonfahrt teuer: 320 Euro kosten 90 Minuten in luftiger Höh’, auch für Kinder ist keine Ermäßigung drin.

Es sind Aktionen wie diese, die zeigen, dass bei Libro ein frischer Wind weht. In der Branche heißt es sogar, die Handelskette würde zu einer Lifestyle-Company mutieren, Modeschmuck und trendige Accessoires verkaufen und sich immer mehr aus dem Buch- und Musikgeschäft zurückziehen.

Ist der einstige Buchriese ein Trendsetter geworden? Geht es nach Libro-Miteigentümer Josef Taus und seinem Schwiegersohn Martin Waldhäusl, Chef von Libro, ist man am Weg dorthin. „Wir müssen uns wirtschaftlich bewegen“, sagt Taus.

Neuausrichtung

Derzeit entfallen noch fünfzig Prozent des Gesamtumsatzes auf den Entertainmentbereich (Film, Musik, Buch). Hier soll es zu einer Verlagerung kommen. „Wir werden weiterhin Bücher führen, aber in geringerem Ausmaß. Vor allem junge Menschen lesen Bücher im Internet, für den stationären Buchhandel ist das schwierig. Wir konzentrieren uns daher auf Bestseller und Kinderbücher“, sagt Waldhäusl. Ähnlich sieht es im Musikbusiness aus: „Auch hier reduzieren wir. Erfolgreiche Sparten wie den deutschen Schlager führen wir weiter.“ Das einst für Libro so wichtige Buch- und Musikgeschäft verliert damit an Bedeutung.

Davon sollen die Schul- und die Papiersparte profitieren, die gemeinsam mit dem Lifestyle-Bereich ausgebaut werden. Zu Letzterem zählt die Libro-Eigenmarke „Must Have“ (u. a. Armbänder, Schals, Ohrringe). Auch trendige Schuhe von Converse dürfen laut Waldhäusl nicht fehlen, und für Schulkinder gibt es bunte, modische Rucksäcke. Im Bereich Spielwaren sollen neuartige Videospiele eingeführt werden, um „technologischen Trends Rechnung zu tragen“.

Für den Strategiewechsel haben sich Taus und Waldhäusl Verstärkung geholt: den früheren Rewe-Manager Stefan Juhls, der sich künftig um Einkauf und Marketing kümmert. Der Deutsche managt für den Industriellen Taus auch noch eine Reihe anderer Firmen der MTH Retail Group.

Gute Zahlen

Von Imageschäden und Altlasten infolge der Libro-Pleite 2002 wollen Taus und Waldhäusl nichts wissen. Tatsächlich scheint es keine zu geben: Mehr als 1.600 Mitarbeiter und 240 Filialen brachten im Geschäftsjahr 2010/11 268 Millionen Euro Nettoumsatz, das operative Ergebnis lag bei knapp 16 Millionen. Mit Stolz wird auf der Homepage darauf verwiesen, dass täglich 70.000 Kunden bei „Österreichs Komplettanbieter für Papier, Büro und Schule“ einkaufen.

Seit vergangenen Dienstag steht fest, dass Ex-Libro-Chef André Rettberg, der die Firma gegen die Wand gefahren hat, eine achtmonatige Freiheitsstrafe wegen Untreue und Bilanzfälschung absitzen muss. Sein Antrag auf eine Fußfessel wurde abgelehnt. „Ach, der hat mit uns doch gar nichts zu tun“, betont Ex-ÖVP-Obmann Taus, „wir sind die Sanierer.“

Trotz seines fortgeschrittenen Alters ist Taus, der immerhin auf seinen 80. Geburtstag zusteuert, noch voller Tatendrang. Der mächtige Unternehmer sieht die Zukunft seines verzweigten Firmenreichs im Papiergeschäft. Lifestyle und Plakate, die leicht bekleidete Mädchen zeigen, gehören offenbar dazu – so wie Ballonfahrten für Familien über Kirchberg in Tirol.

– Silvia Jelincic

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