Letztes Aufgebot für Griechenland

Innerhalb der Europäischen Union mehren sich Stimmen für eine Insolvenz Griechenlands. FORMAT hat Ökonomen gefragt, wie das zu bewerkstelligen wäre.

Manchmal muss man ein bitteres Medikament nehmen, um schwere Krankheiten wie Krebs zu bekämpfen“ – ungeschminkter als die US-Außenministerin Hillary Clinton während ihres Athen-Besuchs am vergangenen Dienstag lässt sich die Dramatik der griechischen Finanzlage kaum beschreiben. Hier geht es nicht um Wehwehchen, hier liegt ein Patient in den letzten Zügen. Bisherige Heilmittel haben versagt, jetzt bedarf es härterer Dosierungen.

Langsam, aber sicher, scheinen sich auch Europas Spitzenpolitiker mit der Sicht der amerikanischen Chefdiplomatin anzufreunden. Bundeskanzler Faymann nennt das „Notoperation“, seine deutsche Amtskollegin Angela Merkel schließt eine Umschuldung des Pleitestaats zumindest nicht mehr aus. Hierzulande bezweifelt OeNB-Chef Ewald Nowotny öffentlich, dass ein Schuldenausfall wirklich schwerwiegende Folgen hätte – und stellt sich damit gegen Europas obersten Notenbanker Jean-Claude Trichet.

Bis Redaktionsschluss Mittwochabend galt als unwahrscheinlich, dass sich die europäische Polit-Elite auf dem Sondergipfel am Donnerstag auf eine derart weitgehende Lösung einigt. Doch die Fakten sprechen für sich: 330 Milliarden Euro Miese, 18-prozentige Rekordzinsen auf 10-jährige Staatsanleihen und eine BIP-Prognose von minus drei Prozent für 2011 – nicht nur Wirtschaftsexperten ist angesichts dessen klar, dass Athen um eine „geordnete“ Insolvenz nicht herumkommt.

Nach verzweifelten Sondergipfeln, milliardenschweren Hilfspaketen und beinharten Sparprogrammen, die das Hellas-Drama nicht entschärft haben, fordern sie deshalb vehement einen „Plan B“. FORMAT hat Top-Ökonomen gebeten, eine Art Blaupause für eine solche Radikalkur zu entwerfen. Ein solcher Insolvenzplan müsste demnach folgende Eckpunkte beinhalten: Private Gläubiger müssen gerecht beteiligt, der Euro-Rettungsschirm deutlich erweitert und die Finanzbranche zunächst gestützt und endlich wetterfest gemacht werden.

Bankenabgabe ungerecht

„Bizarr an dieser Diskussion ist ja, ob und wie sehr private Gläubiger in die Pflicht genommen werden sollen“, ärgert sich Kai Carstensen, Chefvolkswirt des Münchner ifo-Instituts, „die Frage müsste lauten, wie sehr die Öffentlichkeit damit belastet werden darf.“ Wer hohe Zinsen aus riskanten griechischen Staatsanleihen lukriert, muss auch das entsprechende Risiko tragen, heißt das. Genau aus diesem Grund lehnt der ifo-Experte eine allgemeine Bankenabgabe, die im Vorfeld des Gipfels diskutiert wurde, ab: Damit kämen alle Institute zum Handkuss, auch jene ohne Griechen-Risiko in ihren Bilanzen.

Carstensen plädiert dafür, dass entweder Griechenland oder der Euro-Rettungsschirm EFSF („Europäische Finanzmarkt-Stabilitäts-Fazilität“) den Investoren die Anleihen mit einem fixen Abschlag – etwa zum durchschnittlichen Marktwert der vergangenen Monate – abkauft. So würden private Gläubiger in die Pflicht genommen, hätten aber gleichzeitig die Sicherheit eines kalkulierbaren Maximalverlustes. Und: „Der Preis, zu dem aufgekauft wird, muss fixiert sein, weil sonst wegen des Aufkaufprogramms sofort der Kurs der Anleihen in die Höhe geht und der Ankauf damit zu teuer wird“, spricht sich auch Clemens Fuest, Professor an der Uni Oxford und Berater der deutschen Bundesregierung, für ein solches Modell aus. Als Alternative schlägt Fuest vor, dass Athen Altanleihen nicht mehr bedient, den Investoren dafür aber neue Bonds mit einem entsprechend niedrigeren Wert anbietet.

Ein 50-prozentiger Abschlag auf ausstehende Anleihen würde die Schuldenlast Griechenlands von 160 auf 106 Prozent sinken lassen – und von den Ratingagenturen als Zahlungsausfall gewertet werden. Um zu verhindern, dass Gläubiger fluchtartig ihre Hellas-Papiere abstoßen, müsste die EFSF daher mit Garantien einspringen.

Überhaupt mehren sich die Stimmen, die eine deutliche Ausweitung des 750 Milliarden Euro schweren Rettungsschirms fordern, vor allem, um ein klares Signal an die Märkte zu senden, dass nicht nur Griechenland, Irland und Portugal, sondern auch die Schulden-Schwergewichte Italien und Spanien geschützt sind. Fuest zufolge könnte eine Verdopplung gerade genügen, sein Kollege Christian Helmenstein von der Industriellenvereinigung ist der Meinung, der Schirm hätte gleich ein Volumen von zwei Billionen Euro umfassen müssen. „Die bisherigen EU-Maßnahmen kamen zu zögerlich und waren zu gering dimensioniert“, urteilt der IV-Chefökonom.

Bankenrettung unumgänglich

Nicht nur für einen erweiterten Rettungsschirm müsste die Union aber Geld respektive Garantien bereitstellen, sondern auch für einen Schutz des Finanzsektors. Nach wie vor haben Europas Banken hohe Außenstände in den Krisenländern. Die griechischen Institute müssten von der EU gestützt werden, alle andere sollten von ihren jeweiligen Sitzländern aufgefangen werden, schlägt Fuest vor. „Idealerweise sollte der Finanzsektor solche Krisen aushalten“, sagt er, „Basel III genügt deshalb auf Dauer nicht.“ Dem schließt sich der deutsche Bankenexperte Wolfgang Gerke an: „Die Institute benötigen wesentlich mehr Haftkapital. Im Schnitt sollte die Quote jenseits der 10-Prozent-Marke liegen – je systemrelevanter, desto höher.“

Auch für Gerke ist eine Insolvenz Griechenlands unerlässlich, er plädiert aber dafür, dass der Mittelmeerstaat dazu die Eurozone verlassen muss. Mit dieser Forderung hatte am Dienstag auch Othmar Issing, ehemaliger Chefökonom der EZB, aufhorchen lassen. Bliebe Athen Teil des Euroverbunds, hätte das fatale Signalwirkungen auch auf die anderen Pleitestaaten, die statt auf Reformprogramme dann auf eine Insolvenz spekulieren würden. „Damit wäre das Ende der Währungsunion eingeläutet“, fürchtet Issing.

Stimmt das? Experten wie Oxford-Forscher Fuest sehen es genau umgekehrt: „Die drastischen Konsequenzen einer Insolvenz wird kein Staat freiwillig anstreben. Außerdem: Träte Griechenland aus, gingen sofort die Spekulationen los, was mit Portugal und Irland ist – und genau daran könnte die Eurozone schließlich zerbrechen.“

– Arndt Müller

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