"Leiden auf hohem Niveau"

"Leiden auf hohem Niveau"

FORMAT: Herr Hesoun, eine aktuelle Studie des Karmasin-Instituts sieht den Industriestandort Wien gefährdet: zu hohe Gebühren, Betriebskosten und Grundstückspreise, zu viel Bürokratie, zu wenige Facharbeiter …

Wolfgang Hesoun: Diese Studie der Wirtschaftskammer Wien kommentiere ich nicht, weil mir die Herkunft dieser Daten nicht klar ist. Außerdem hat man viele Aspekte nicht ausreichend berücksichtigt. Aber dass es in Standortfragen Optimierungsbedarf gibt - etwa bei den Abgaben -, ist unbestritten. Doch ein viel wesentlicherer Punkt ist eine große Strukturreform.

Woran denken Sie im Detail?

Hesoun: Zum Beispiel habe ich außer der Zusammenlegung der IT-Dienstleistungsvergaben im Bundesrechenzentrum keinen einzigen Schritt in Richtung Optimierung unserer Bürokratie gesehen. Wir haben noch immer vier Ebenen der Legislative und Doppelgleisigkeiten. Seit 30 Jahren werden Reformen angekündigt. Und es hat sich noch immer nichts bewegt. In einer Hochkonjunktur kann man sich solche Mehraufwendungen vielleicht leisten. Aber nicht in einer derart schwierigen Wirtschaftslage wie im Moment. Und wenn man dann eine Verwaltungsebene mehr hat, die EU, und unten keine wegnimmt, entsteht eine Situation, die man in der Statik Überbestimmtheit nennt.

Welche dieser Ebenen ist zu viel?

Hesoun: Wo diese Einsparungen stattfinden sollten, werde ich hier nicht postulieren, aber sie sollten effizient sein. Und mit diesem Geld, das wir in der Verwaltung einsparen könnten, müssen wir den Wirtschafts- und Industriestandort stärken.

In etlichen Infrastruktur-Rankings fällt Österreich zurück. Wo wollen Sie ansetzen?

Hesoun: Wir leiden auch auf hohem Niveau, aber nur wenn die öffentliche Hand es schafft, ihre Ausgaben in den Griff zu bekommen, können wir die Infrastruktur verbessern und die Basis unserer Wirtschaft, die Ausbildung, wieder stärken.

Warum fällt Österreich in den meisten Bildungsstudien zurück?

Hesoun: Das liegt nicht nur an den Schulen, sondern auch daran, dass die Bildungsmöglichkeiten nicht mehr ausreichend gleich verteilt sind. Der soziale Zugang zur Bildung ist nicht mehr so hundertprozentig gegeben wie früher. Hier müssen wir jenes Geld investieren, das wir durch eine Verwaltungsreform einsparen. Nur mit gut ausgebildeten Fachkräften ist die Produktivität trotz der verhältnismäßig hohen Lohnkosten zu halten.

Hat es die Industrie nicht auch verabsäumt, sich jungen Menschen attraktiver zu präsentieren?

Hesoun: Die Industriellenvereinigung versucht, dem entgegenzuwirken. Die jüngste Initiative mit der Stadt Wien findet in fünf Schulen statt. Dort bieten wir Klassen Exkursionen in Betriebe an und wollen den Schülern den Weg in die für viele verschlossene Welt der Wirtschaft eröffnen. Und wir hoffen, sie dadurch motivieren zu können, sich frühzeitig für technisch-naturwissenschaftliche Fächer zu interessieren.

Halten Sie das für ausreichend?

Hesoun: Es ist schon was dran, wenn der schlechte Ausbildungsstand von Lehrlingen beklagt wird. Es liegt in unserer Verantwortung, diese Defizite auszugleichen. Aber wir haben leider auch zunehmend bildungsferne Bevölkerungsschichten. So viele junge Menschen, die sich bereits vor dem Pflichtschulende aus dem Bildungsprozess ausklinken, hat es vor 15 Jahren nicht gegeben. Die umzudrehen ist sehr schwer. Da kann die Wirtschaft nur versuchen, ein besseres Bewusstsein zu schaffen. Natürlich ist es auch für viele Lehrer nicht einfach, den Schülern eine Welt näherzubringen, die sie selbst kaum kennen. Deswegen unterstützen wir auch Lehrerseminare, die Basiswissen über wirtschaftliche Zusammenhänge vermitteln.

Die Lehrer bereiten ihre Schüler nicht ausreichend auf das Berufsleben vor?

Hesoun: Ich selbst war auf der HTL Mödling, und meinen ersten Zugang zum Berufsleben hatte ich nicht so sehr von unseren Lehrern, weil die sich halt sehr früh aus dem eigentlichen Prozess der Wirtschaft ausgeklammert hatten.

Hat das nicht auch damit zu tun, dass der Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft zum Credo wurde?

Hesoun: Da ist was dran. Wir haben zunehmend geglaubt, es geht auch ohne Industrie. Zum Glück sind die Strukturen am Standort Österreich noch so weit intakt, dass wir am Weltmarkt sehr wohl reüssieren können. Sonst wäre uns diese Entwicklung längst auf den Kopf gefallen. In Großbritannien sieht man ja, wie gefährlich es ist, die Industrie veralten zu lassen oder zu vernachlässigen. Darum wird jetzt in der Krise auch überall der Ruf nach einer Re-Industrialisierung laut.

Zur Person: Wolfgang Hesoun, 52, war vor seinem Wechsel zu Siemens Vize-General des Baukonzerns Porr.

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