Lehmans langer Schatten: Wie sich Österreich durch die Krise veränderte

Zwei Jahre nach der Pleite der US-Bank Lehman Brothers sind die Folgen noch nicht verdaut. FORMAT zeigt, was sich in Österreich änderte.

Sony Kapoor überraschte die Finanzkrise nicht sonderlich. Der gebürtige Inder arbeitete bis 2005 bei der traditionsreichen US-Investmentbank Lehman Brothers, und schon damals stießen ihm Dinge dort übel auf: die großen Summen, die von den Mitarbeitern in Sekunden verschoben wurden. Der Börsenhandel, der rein auf hirnlosen Computerprogrammen und Markttrends basierte. Und die fetten Boni, die man gleich nach einem Geschäftsabschluss kassierte, obwohl der tatsächliche Erfolg oft erst nach zehn Jahren sichtbar würde. „Da lief vieles schief“, resümiert Kapoor heute.

Vor und nach Lehman

Zwei Jahre nach dem größten Finanzdesaster aller Zeiten, der Pleite der Lehman Brothers am 15. September 2008, kämpft die Wirtschaftswelt noch immer mit den Folgen: Österreich ist heute, zwei Jahre „nach Lehman“, anders als „vor Lehman“. Zwar schreiben die Banken wieder einigermaßen ansehnliche Gewinne, die ATX-Kurse fingen sich einigermaßen, die Wirtschaft wächst wieder, und die Arbeitslosigkeit geht zurück. Doch von den Niveaus vor dem vollen Ausbruch der Finanzkrise ist die heimische Wirtschaftswelt weit entfernt. Und Lehman wird auch die nächsten Jahre überschatten.

Bisher galt: Wer keine Aktien und Wertpapiere besaß und nicht arbeitslos wurde, bemerkte die Krise nur am Rande. Demnächst werden wohl alle Bevölkerungsschichten die Auswirkungen am eigenen Leib spüren. Dann nämlich, wenn die geplanten Sparpakete der Regierung in Kraft sind und die Bürger zur Bewältigung der milliardenschweren Krisenkosten zur Kasse gebeten werden. Dazu kommt die Befürchtung vieler Ökonomen, dass die leichte Konjunkturerholung auf tönernen Füßen steht. „Verantwortliche in Politik und Wirtschaft machen weiter wie bisher. Man verabsäumte es, eine gründliche Diagnose der Finanzkrise zu machen. Daher kommt es wieder zu einer Verschärfung der Krise“, ist sich Stephan Schulmeister, Wifo-Ökonom, sicher.

Historische Bankenpleite

Die Lehman-Pleite wird wohl wie der Schwarze Donnerstag an den Börsen 1929 dauerhaft in die Geschichtsbücher eingehen: Nach zähem Ringen über mehrere Tage und Nächte ließ die US-Regierung das bis dahin viertgrößte Investmenthaus der Wall Street fallen. Mit rund 613 Milliarden Dollar und 28.600 Mitarbeitern schlitterte Lehman Brothers im Herbst 2008 in die Pleite. Was für die Politiker nicht in diesem Maße absehbar war: Lehman Brothers riss die Finanzmärkte auf der ganzen Welt mit sich nach unten. Die Story, was danach kam, ist mittlerweile hundertmal erzählt: weltweite Bankenpleiten und milliardenschwere Rettungspakete für Geldinstitute; Kündigungswellen in der Realwirtschaft und dagegen aufgestellte Konjunkturprogramme; Staatsdefizite auf Rekordhoch und nie da gewesene Sparpakete in einigen Staaten.

In Österreich sind die Schäden noch längst nicht beseitigt und an allen Ecken und Enden der Wirtschaft zu besichtigen. Zwei Beispiele.

Fall eins: Rund 700 geschädigte Österreicher, darunter prominente Anleger wie die niederösterreichische Gemeinde Altenmarkt, die Sportunion Niederösterreich, die Zentralanstalt für Meteorologie und das Stift Klosterneuburg, haben im November 2009 in den USA Ansprüche bei einem Forderungsverwalter angemeldet. Die meisten besaßen von Lehman emittierte Wertpapiere. „Seit dem haben wir aus den USA nichts mehr gehört“, erklärt Friedrich Badhofer, Leiter der Wohlfahrtskasse der Ärztekammer Oberösterreich. Die Pensionskasse besaß eine drei Millionen Euro schwere Anleihe. Die meisten Anleger hoffen nun auf 15 bis 20 Prozent Konkursquote.

Fall zwei: Besonders schmerzhaft ist der Fall Lehman für jene 250.000 Kreditnehmer, die einen Fremdwährungskredit abgeschlossen haben. Da fast alle diese Kredite mit einem endfälligen Tilgungsträger wie Aktien, Lebensversicherungen und Fonds unterlegt sind, kämpfen nun viele Kreditnehmer mit einer erheblichen Unterdeckung des Kredits. Dazu kommt die ungünstige Kursentwicklung beim Schweizer Franken, der sich als Fluchtwährung entpuppte. „Das Schlimme ist, dass es dabei um große Summen geht, denn das durchschnittliche Kreditvolumen liegt bei 140.000 Euro“, meint Christian Prantner, Experte bei der Arbeiterkammer (AK). Die AK-Konsumentenschützer bereiten nun eine erste Klage gegen eine heimische Bank wegen Fehlberatung vor.

Zwischen Euphorie und Depression

Heute, zwei Jahre nach der Pleite von Lehman, schwankt die Wirtschaft zwischen Euphorie und Depression: Negative Arbeitsmarktdaten aus den USA, die Angst vor einer Immobilienblase in China und die bevorstehenden, unausweichlich scheinenden Sparpakete in weiten Teilen Europas, die zu einer breiten Konsumzurückhaltung und damit in einen neuerlichen Abschwung führen können, platzen in eine wieder optimistischer gestimmte Realwirtschaft. Immerhin lief das erste Quartal 2010 gut, auch in Österreich. Die Exporte boomen, und die Arbeitsmärkte erholen sich schneller als erwartet. „Wäre die Finanzwirtschaft in Ordnung, wären wir auf dem Weg zur Hochkonjunktur“, so Bernhard Felderer, Chef des Instituts für Höhere Studien (IHS). Problematischster Punkte aus Sicht des Experten: Die Banken-Risiken sind nicht klar auf dem Tisch.

Die unsichere Stimmung spiegelt sich auch auf den Aktienmärkten klar wider. Zwar gab es 2009 einen spektakulären Börsenboom – der war aber tendenziell von großen Investoren und nicht von Kleinanlegern getragen. „Anleger haben die Lehman-Pleite und den darauf folgenden Abschwung noch sehr stark im Kopf“, meint Robert Karas, Aktienchef der Schoellerbank.

Für weite Teile der Bevölkerung ist unverständlich, warum sich Politiker nicht auf strengere Finanzmarktregeln einlassen wollen. Wo sind die anfangs geforderten Vorstöße wie eine Schließung von Steueroasen? Basel III, das wichtigste globale Paket zur Bankenregulierung, wird frühestens Anfang 2013 in Kraft treten. „Basel III ist eine globale Maßnahme. Entscheidungen auf dieser Ebene dauern entsprechend länger“, erklärt Nationalbankdirektor Andreas Ittner. Nachsatz: „Wir wollen bald Regulierungen umsetzen. Je länger die Krise vorbei ist, desto weniger erinnern sich die Leute daran.“

Da könnte Ittner falschliegen: Lehman dürfte wohl noch länger präsent sein.

– Barbara Nothegger

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