Leck im Tanker OMV: So will Ruttenstorfer das verflixte achte Konzern-Jahr meistern

OMV-Chef Wolfgang Ruttenstorfer eilte von Rekord zu Rekord. Ausgerechnet gegen Ende seiner Ära geht es mit dem Ölkonzern rapide bergab. Und auch persönlich muss er Angriffe abwehren.

Gute zwei Monate nur musste Wolfgang Ruttenstorfer damals warten: Ende Oktober 2001 einigte sich der Aufsichtsrat der OMV einstimmig auf ihn als neuen Konzernherrn. Ab Jahresbeginn 2002 durfte der ehemalige SP-Finanzstaatssekretär dann an der Spitze von Österreichs größtem Konzern Platz nehmen. Er trat an mit dem Ziel, den Umsatz des Tankers OMV binnen fünf Jahren zu verdoppeln. Was ihm gelang, vor allem dank der Übernahme des Raffineriebereichs der deutschen Preussag und des Kaufs der rumänischen Petrom 2004. Gerhard Roiss, 57, muss sich auf jeden Fall länger gedulden. Seit März ist zwar klar, dass er dem zwei Jahre älteren Wolfgang Ruttenstorfer nachfolgen und vom Stellvertreter zum Kapitän der OMV aufsteigen wird. Der Wechsel soll aber erst mit April 2011 vonstatten gehen.

Gerüchte über vorzeitigen Abgang
Wie lange Roiss tatsächlich im Warteraum verbringt, diese Frage taucht derzeit immer wieder auf. In OMV-Kreisen kursieren Gerüchte, wonach Ruttenstorfer den Posten des Generaldirektors schon früher abgeben könnte. Teils sind die Munkeleien politisch motiviert. In der ÖVP wird der Topmanager geschätzt, aber nicht geliebt. Und in der SPÖ haben Ruttenstorfers Seilschaften, etwa Exminister Rudolf Scholten, stark an Einfluss verloren. Die Rücktrittsspekulationen werden aber auch von einer Insideraffäre genährt. Die Finanzmarktaufsicht verdächtigt Ruttenstorfer, heuer im Frühjahr mit dem Kauf von OMV-Aktien gegen Insidergesetze verstoßen zu haben, und zeigte an. „Die Ermittlungen werden Wochen bis Monate dauern“, sagt Gerhard Jarosch, der Sprecher der Staatsanwaltschaft Wien. Wegen des rüden Vorgehens der FMA vermuten auch OMV-Aufsichtsräte, dass im Hintergrund eine gezielte Intrige gegen den General im Gange ist oder war.

Es läuft nicht mehr wie geschmiert
Ruttenstorfer selbst hat „absolut nicht“ das Gefühl, dass an seinem Sessel gesägt wird, wie er sagt ( siehe Interview ) . Und er versichert, keinesfalls früher zu gehen. Auch Aufsichtsratschef Peter Michaelis macht ihm demonstrativ die Mauer: „Ruttenstorfer wird bis 2011 die OMV leiten.“ Der ÖIAG-Boss vertritt 31,5 Prozent des OMV-Kapitals. Zweitwichtigster Aktionär ist die IPIC aus Abu Dhabi (19,2 Prozent). Ein verflixtes Jahr ist es für Ruttenstorfer trotzdem: Ausgerechnet gegen Ende seiner Ära geht es mit der OMV bergab.Jahr für Jahr konnte er Rekordgewinne vermelden: 2008 wurde bei einem Umsatz von 25,5 Milliarden Euro ein Betriebsergebnis von 3,1 Mrd. Euro erzielt. Damit ist es gründlich vorbei. Die Krise hat auch am Flaggschiff OMV ein paar Lecks geschlagen. In den ersten sechs Monaten 2009 ging der Umsatz vor allem aufgrund des viel niedrigeren Ölpreises um 35 Prozent auf 8,4 Milliarden Euro zurück. Der Nettogewinn brach gar um Schwindel erregende 84 Prozent ein. Ruttenstorfer, der gewohnt war, mit vollen Kassen auf Expansionskurs zu fahren, muss in seinen letzten eineinhalb Jahren plötzlich die Kosten senken und Strukturen straffen.

Keine Kündigungen in Österreich
Der Aufsichtsrat erhöht den Druck, auch wenn das Betriebsergebnis immer noch 500 Millionen Euro beträgt. „Erst bei Ebbe treten gefährliche Klippen auf der Fahrstrecke zutage, die man bei Flut nicht sieht“, deutet Michaelis die Forderung an den Vorstand an, die Prozesse zu optimieren. Bei einem großen und erfolgsverwöhnten Tanker ist so ein Richtungswechsel aber gar nicht so leicht. Eines der Vorhaben: die OMV vom Schwerpunkt Öl mehr Richtung Gas und Strom zu trimmen. Um zehn Prozent, insgesamt um 300 Millionen Euro, sollen die Kosten bei der OMV reduziert werden. Mit Zulieferern werden billigere Preise verhandelt. Weil das Tankstellennetz generell wenig verdient und in Österreich sogar Verluste verursacht, werden Zapf-Filialen verkauft oder zugesperrt, Verträge mit Pächtern neu verhandelt. Ein paar Millionen bringt auch die Zusammenlegung der bisher auf fünf Standorte verteilten OMV-Verwaltungsgesellschaften in ein schickes, neues Glashochhaus im zweiten Wiener Bezirk, in dem nun 1.700 Mitarbeiter beschäftigt sind. So richtig brutal ist der Sparkurs nicht. „Wir haben im neuen Gebäude weniger Drucker je Stockwerk und sind auch bei den Dienstreisen sparsamer, aber das sind lauter Nebenfronten“, meint Ruttenstorfer, der im Vorjahr knapp 2,5 Millionen Euro verdiente und heuer wohl auch auf ein paar Hunderttausend an Prämien verzichten muss. Durch die neue Zentrale können einige Mehrfachstrukturen, etwa in Stabsabteilungen, beseitigt werden. Kündigungswellen gibt es aber keine, auch Lohnkürzungen sind kein Thema, wie Betriebsratschef Leopold Abraham betont. Auch die Analysten haben an der Produktivität der OMV nicht viel auszusetzen.

Expansion mit Tücken
Härter geht es bei der Petrom in Rumänien zur Sache. Dort stehen zwei Raffinerien zur Modernisierung an, allerdings werden dafür deutlich weniger als die vorgesehenen 1,5 Milliarden Euro investiert. Nachdem schon fast 5.000 Jobs bei der Petrom gestrichen wurden, geht der Personalabbau dort ungebrochen weiter. Insgesamt hat der OMV-Konzern gut 37.000 Beschäftigte. Ausweiten will Ruttenstorfer hingegen das Geschäft in der Türkei, wo er sich das größte Wachstum erhofft. Im Moment prüft die OMV, den Anteil am börsennotierten türkischen Mineralölvertrieb Petrol Ofisi aufzustocken. Derzeit halten die Österreicher 41,58 Prozent an der Gesellschaft, die über ein Netz von 3.200 Tankstellen in der Türkei verfügt. In den kommenden Wochen soll klar sein, ob und zu welchem Preis weitere Aktien gekauft werden. Rund eine Milliarde Euro würden die restlichen Anteile kosten. Auch wenn die OMV über Cash-Reserven von 1,4 Milliarden Euro verfügt, soll die Übernahme durch eine Kapitalerhöhung (rund 800 Millionen Euro) finanziert werden.

Türkei oder Rumänien?
Manche Experten sehen diese Pläne kritisch und meinen, besser wäre, jetzt einmal in die rumänische Tochter Petrom zu investieren. Auch dass die OMV in Westeuropa Tankstellen schließt und in Südeuropa neue kauft, beurteilen einige Beobachter skeptisch. „Die vollständige Übernahme der Tankstellenkette Petrol Ofisi macht eher Sinn, wenn es Zusatzvereinbarungen etwa über den Bau einer Raffinerie in der Türkei gäbe. Denn Tankstellen alleine sind kein besonders profitables Geschäft“, sagt Philipp Chladek, Analyst der Raiffeisen Centro Bank. Doch Ruttenstorfer sieht die Türkei strategisch. Istanbul soll neben Wien und Bukarest zum dritten Hub der OMV werden. Die Türkei sei als Transitland wichtig, sie ermögliche auch den Zugang zu Gas aus der autonomen Kurdenprovinz im Nordirak, wo die OMV jüngst um 350 Millionen Dollar bei der Pearl Petroleum Company eingestiegen ist. Außerdem plant die OMV in der Türkei ein neues Gaskraftwerk. Überhaupt soll Gas bei der OMV künftig eine wichtigere Rolle spielen als Benzin. Heuer war der Sektor Gas und Power (G&P) der einzige, der im Halbjahr ein geringfügig besseres Ergebnis als 2008 erzielte. Mit ihrem Gas will die ehemalige Mineralölverwaltung auch Strom erzeugen. Drei Kraftwerke will die OMV errichten: eines am Schwarzen Meer in der Türkei, eines in Deutschland und eines in Rumänien. Letzteres soll schon 2011 ans Netz gehen.

Roiss gibt Gas
Die Eröffnung dieses Kraftwerks wird dann Gerhard Roiss übernehmen. Der gebürtige Oberösterreicher, der dem schwarzen Lager zugerechnet wird, ist seit 2002 die Nummer zwei im Konzern. Er gibt sich offener als Ruttenstorfer und pflegt gute Kontakte in Richtung des Großaktionärs in Abu Dhabi. „Dort hat er sich enorm beliebt gemacht“, weiß man in der OMV, wo auch erzählt wird: Warten sei nicht die Lieblingsbeschäftigung des Marathonläufers und Energiebündels. Noch will ihn Ruttenstorfer aber die krisenbedingten Lecks in der OMV nicht alleine stopfen lassen.

Von Miriam Koch

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