KTM-Boss Stefan Pierer zur Autoindustrie: "Bis zu 200.000 Menschen müssen gehen"

KTM-Boss Stefan Pierer prognostiziert für Österreich eine Explosion der Arbeitslosenzahl und schließt Kurzarbeit in seinem Konzern nicht aus.

FORMAT: Herr Pierer, wie reisen Sie zum Autogipfel diese Woche?
Stefan Pierer: Von der Zentrale in Wels nach Wien fahre ich meist mit dem Zug oder mit meinem Auto, einem 6er-BMW.
FORMAT: In den USA rollten die Manager der großen Autokonzerne vor dem Kongress in Elektroautos vor, in deutlich reumütiger und bettelnder Pose. Hier muss um Staatshilfe anscheinend nicht außerordentlich gefleht werden.
Pierer: Die Politiker haben erkannt, dass es ein Problem gibt. Ein Drittel bis ein Viertel der europäischen Industriestruktur basiert auf dem Auto. Die Branche ist mit der Gesamtökonomie extrem stark vernetzt. Die Autokrise betrifft darum nicht nur Autobauer, sondern auch Zulieferer, Händler, Dienstleister.

"Kurzarbeitsmodelle erweitern"
FORMAT: Was halten Sie von den Vorschlägen der Politiker?
Pierer: Das Wichtigste ist, die Kurzarbeitszeitmodelle zu erweitern und eine Arbeitsstiftung zu gründen. Die Industrie muss ihre Überkapazitäten rasch abbauen, auch Stammpersonal. Jeder muss aber aufpassen, sich nicht zu amputieren, denn irgendwann geht es wieder nach oben, und dann brauchen wir die Leute erneut.
FORMAT: Wie viel Geld müsste der Staat dafür springen lassen?
Pierer: Ich schätze, dass zwischen fünf und zehn Prozent aller Arbeitnehmer jetzt gekündigt werden müssen, also bis zu 200.000 Menschen. Übernimmt der Staat ein Drittel des Durchschnittsverdiensts pro Arbeitnehmer und zahlt er diese Summe zehn Monate, müsste er rund eine Milliarde Euro aufwenden.

"Nichts im Vergleich zum Bankenpaket"
FORMAT: Nicht gerade wenig.
Pierer: Im Vergleich zum Hundert-Milliarden-Euro-Bankenpaket, von dem noch nichts wirklich in der Wirtschaft spürbar ist, ist das nichts. Mit dieser einen Milliarde kann kurzfristig Arbeitslosigkeit verhindert werden. Wichtig wäre, dass die Kredite an Unternehmen offen bleiben.
FORMAT: Aber Sie können die Banken nicht zwingen, Kredite zu vergeben.
Pierer: Der Staat hat den Banken einen Schutzmantel gegeben.
FORMAT: Autohändler fordern die Abschaffung der NoVA und eine Verschrottungsprämie. Eine gute Idee?
Pierer: Ich glaube nicht, dass ein kleiner Staat wie Österreich über absatzstimulierende Maßnahmen wie eine Verschrottungsprämie die Nachfrage ankurbeln kann. Vorstellen könnte ich mir höchstens eine NoVA-Bevorzugung für Sprit sparende Autos.

"20 Prozent Überkapazität"
FORMAT: Zuerst Banken, dann Autoindustrie. Welche Branche klopft morgen beim Bundeskanzler an?
Pierer: Wie gesagt, es geht nicht primär um die Autoindustrie, sondern insgesamt um fast alle Industriearbeitsplätze. Wir fordern nur Maßnahmen, die andere Branchen bereits haben. Ähnliche Modelle gibt es schon längst in der Bauindustrie, wo die Arbeiter über die Wintermonate stempeln gehen und im Frühjahr wieder auf der Baustelle stehen. Auch der Tourismus hat Saisonarbeitszeitmodelle.
FORMAT: Wie tief werden die Einschnitte im kommenden Jahr sein?
Pierer: Wir leben über unsere Verhältnisse. Der amerikanische Traum, dass bis zur Zahnbürste alles kreditfinanziert wird und dass das Wachstum unendlich weitergeht, muss wohl zu Grabe getragen werden. Man braucht keine sechs Autos. Daher sehe ich weltweit in der Autoindustrie 20 Prozent Überkapazität.
FORMAT: Auch in Österreich?
Pierer: Wir dürfen uns nichts vormachen. In Österreich werden nicht alle Unternehmen überleben.

Kurzarbeitsmodelle für KTM
FORMAT: Was halten Sie von Finanzspritzen nach amerikanischem Vorbild?
Pierer: Es bringt nichts, Unternehmen am Leben zu erhalten, die nicht lebensfähig sind. Die zwölf Milliarden Euro US-Staatshilfe waren wie eine Infusion für einen Patienten, der schon auf der Intensivstation liegt. Ich bin noch immer für den freien Wettbewerb.
FORMAT: Auch bei KTM wird es Einschnitte geben?
Pierer: Auch wir rechnen mit 15 bis 20 Prozent Rückgang. Allerdings ist KTM durch den schwachen Dollar bereits seit Ostern letzten Jahres auf der Reise nach unten. Die USA sind traditionell ein wichtiger Markt für uns, und dieser ist bereits damals so gut wie zusammengebrochen.
FORMAT: Im November musste KTM bereits 60 Mitarbeiter abbauen. Werden weitere Jobkürzungen folgen?
Pierer: Nein. Aber auch wir müssen uns den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen anpassen und eventuell auf Kurzarbeitsmodelle zurückgreifen.
FORMAT: Wie viele Mitarbeiter sind betroffen?
Pierer: Das ist nicht absehbar.

"Mehrere Prototypen mit Elektroantrieb"
FORMAT: Zu einem Positiv-Thema: Wie weit ist KTM bei alternativen Antrieben?
Pierer: Wir haben mehrere Prototypen für Modelle mit Elektroantrieb laufen. Unser Sportmotorrad mit Hundert-Prozent-Elektromotor kommt in eineinhalb Jahren.
FORMAT: Brauchen Sie zusätzlich Geld für die Forschung?
Pierer: KTM investiert jährlich vier Prozent seines Umsatzes in F & E. Zwischen fünf und zehn Millionen Euro mehr könnten wir aber sicher investieren. Bei den Batterien für die Elektromotoren etwa haben die Europäer die Entwicklung verschlafen. Eine zusätzliche Dotation von staatlichen Fördergeldern ist sicher eine große Hilfe.
FORMAT: Wie verkauft sich der KTM-Sportwagen X-Bow? (Anm.: im Bild)
Pierer: Anfangs gut. Jetzt leider etwas mäßig, weil wir in der gleichen Situation sind wie alle anderen Autobauer. Bis Mitte Februar werden wir 350 Stück produziert haben. Aber ich bin zuversichtlich – der X-Bow ist ein Sommerauto.
FORMAT: Wann kommt der Aufschwung?
Pierer: Die Anpassungen brauchen sicher ein Jahr, ab Mitte 2010 sollte es wieder nach oben gehen.

Interview: Barbara Nothegger

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