Krise 2.0: Droht ein neuer Absturz? Wirtschafts-Gurus warnen vor Rezession

Obwohl die Weltwirtschaft das Tal der Krise hinter sich zu lassen scheint, warnen Top-Ökonomen vor einer erneuten Rezession. FORMAT hat die Thesen einem Reality-Check unterzogen.

Hartgesottene Krisenjunkies treffen sich Mitte September im Hotel Reisslerhof. Mitten im malerischen steirischen Ennstal lernen Seminarteilnehmer binnen eines Wochenendes, wie sie sich auf den Ernstfall vorbereiten können. „Krisenlager anlegen – wie und warum?“, „Gold und Silber als Vermögenssicherung“, „legale, freie Waffen“ und „Zucht von Kaninchen, Grillen oder Heuschrecken als Eiweißlieferanten“ sind nur einige der Workshops, mittels deren Wissbegierige lernen sollen, im Falle des Systemzusammenbruchs autark und gut versorgt zu leben, verspricht der Veranstalter.

Zusammenbruch?, wird sich da der geneigte Leser der Wirtschaftspresse fragen. Das Lehman-Desaster mit anschließender Weltwirtschaftskrise haben wir doch gerade hinter uns gebracht. Die Industrie fährt längst wieder Sonderschichten. Und der Internationale Währungsfonds hat gerade seine Wachstumsprognose für die Weltwirtschaft von 4,2 auf 4,6 Prozent angehoben.

Wer schon immer mit dem Totalausfall des herrschenden Wirtschafts- und Währungssystems gerechnet hat, wird sich durch solche Meldungen nicht von seinem persönlichen Weltuntergangsszenario abbringen lassen. Doch in den letzten Wochen kommen derartige Prophezeiungen nicht mehr nur aus dem Lager der Profi-Apokalyptiker, sondern zunehmend auch von ernst zu nehmenden Ökonomen. Einer nach dem anderen beginnen sie wieder, auch auf die Brandherde der globalen Wirtschaft hinzuweisen, und oft sind sie dabei nicht gerade zimperlich.

Kommt die größte Krise seit 300 Jahren?

Die größte Freude dürften Zusammenbruchstheoretiker derzeit mit dem US-Analysten Robert Prechter haben. „Der Winter kommt. Kaufen Sie sich einen Mantel“, so der 61-Jährige gegenüber der „New York Times“ zu einer baldigen wirtschaftlichen Kälteperiode. Prechter begründet das mit den sogenannten Elliot-Wellen, einem in den 30er-Jahren vom amerikanischen Buchhalter Ralph Nelson Elliot entwickelten Modell, das lang- und kurzfristige Strömungen von Anlageoptimismus und -pessimismus vorhersagen soll. Demnach steht uns die größte Krise seit 300 Jahren ins Haus, vergleichbar nur mit der „Südseeblase“ des Jahres 1720, die den Aktienmarkt jener Tage für 100 Jahre auf Talfahrt schickte.

Der US-Leitindex Dow Jones, schätzt Prechter, werde sich von jetzt knapp 10.000 Zählern auf ein Niveau von 1.000 einpendeln. Prechter mag zwar Kritiker auf den Plan rufen, hat andererseits aber auch den lang anhaltenden Aufschwung seit den 70er-Jahren wie auch die aktuelle Krise vorhergesagt. Ebenfalls Recht mit seinen Prognosen, wenn auch theoretisch solider fundiert, hatte der amerikanische Yale-Professor Robert Shiller. „Die Wahrscheinlichkeit eines Double-Dip (Anm.: eines erneuten Abtauchens in die Rezession) liegt bei über 50 Prozent“, sagte Shiller kürzlich gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Diese werde jedoch nicht der Großen Depression der 30er-Jahre ähneln, glaubt Nobelpreisträger Paul Krugman, sondern dem langsamen, aber viele Jahre dauernden Dahinsiechen der Depression von 1873.

US-Gesamtverschuldung bei 370% der Wirtschaftsleistung

Vor allem in den USA gibt es eine Reihe von schwerwiegenden Gründen für einen erneuten Absturz. Allen voran die massive Arbeitslosigkeit, die sich selbst nach offiziellen Zahlen bei knapp 10 Prozent bewegt. Da aber Arbeitslose, welche die Suche aufgegeben haben, nicht mehr in der Statistik erscheinen, ist sie inoffiziellen Schätzungen zufolge mindestens doppelt so hoch.

Auch bei der Verteilung von Lebensmittelmarken an Haushalte, die in die Armut abgerutscht sind, gibt es mit über 40 Millionen Beziehern ein Allzeithoch. Jeder 14. Amerikaner kann sich nicht einmal mehr das Nötigste zum Leben leisten. Dies spiegelt sich auch im Verbrauchervertrauen, das auf dem niedrigsten Stand seit Monaten liegt. Auch das Finanzsystem ächzt weiter: Seit Jahresbeginn mussten bereits über 100 US-Banken zusperren, 60 Prozent mehr als vor einem Jahr. Gleichzeitig erklimmt die US-Gesamtverschuldung, die Private, Unternehmen und den Staat zusammenfasst, laufend neue Hochstände. Nach Zahlen der US-Notenbank FED beträgt sie derzeit 370 Prozent der Wirtschaftsleistung und liegt damit noch wesentlich höher als mitten in der Großen Depression der 30er-Jahre.

46 der 50 US-Bundesstaaten sehen sich mit einer Schuldenkrise à la Griechenland konfrontiert, schockte kürzlich die Nachrichtenagentur Bloomberg. Die Folge sind rabiate Sparmaßnahmen. Polizisten, Justiz und Klinikpersonal werden rigoros gekürzt, viele Staatsbeamte müssen künftig mit dem Mindestlohn auskommen. Geht es so weiter, prophezeit der New Yorker Gouverneur David Paterson, „enden wir in einem unvorstellbaren Chaos“.

Die US-Wirtschaft kommt einfach nicht in Schwung

Die derzeitige Lage lässt der US-Regierung allerdings gar keine andere Wahl, als „das ehrgeizigste Sparprogramm seit 60 Jahren und die massivsten Steuererhöhungen seit fünf Jahrzehnten zu beschließen“, schreibt Franck Biancheri , Chef der französischen Denkfabrik LEAP2020, in einem aktuellen Dossier. Mindestens 1.000 Milliarden Dollar in einem Zeitraum von drei bis fünf Jahren würden die USA einsparen müssen, schätzt Biancheri, und: „Im Gegensatz zu den einfachen Menschen in den USA haben die Weltwirtschaft und die internationalen Finanzmärkte überhaupt keine Absicherung, wenn die US-Wirtschaft zu schrumpfen beginnt. Wenn bereits die griechischen und spanischen Sparprogramme einen Anflug von Panik an den Finanzmärkten entstehen lassen, kann man sich leicht vorstellen, wie Ausgabenkürzungen in den USA aufgenommen werden.“

In der FED allerdings, deren Chef Ben Bernanke vor wenigen Tagen ebenfalls das Rezessionsgespenst an die Wand malte, denkt man eher darüber nach, das Quantitative Easing, also den Aufkauf eigener Staatsanleihen, wieder aufzunehmen, kurz: Geld zu drucken. Offenbar reicht es nicht aus, dass die US-Leitzinsen seit anderthalb Jahren auf dem Rekordtief von 0,25 Prozent verharren, die Wirtschaft kommt einfach nicht in Schwung.

Vielen Ökonomen, unter ihnen der deutsche Krisenspezialist Max Otte , sind Geldspritzen wie diese wesentlich lieber als Sparprogramme. Zwar bergen sie die Gefahr einer Inflation. „Aber das ist immer noch besser als ein Deflationsszenario mit Massenarbeitslosigkeit und steigender Armut“, sagt Otte im FORMAT-Interview.

Auch Joseph Stiglitz und Nouriel Roubini warnen vor frühzeitigem Sparen. „Wenn die Forderungen nach härteren Sparmaßnahmen Beachtung finden“, so Nobelpreisträger Stiglitz, „wird dies katastrophale Folgen haben. Das Wachstum wird sich verlangsamen, Europa und/oder Amerika werden womöglich zurück in die Rezession rutschen.“ Seinem Kollegen Roubini zufolge forderten Sparpakete und Marktkorrekturen zusammen mit den höheren Risikozuschlägen bei Staatsanleihen ihren Tribut. Die Folge: Nullwachstum innerhalb der Eurozone.

Gerade die Risikoprämien für Staatsanleihen südeuropäischer Länder wie Griechenland, Portugal und Spanien zeugen von der Unsicherheit der derzeitigen wirtschaftlichen Lage in Europa. Obwohl sich die Ausfallsversicherungen für fünfjährige Papiere wegen des weitgehend positiven Bankenstresstests verringert haben, kostet die Risikoprämie für griechische Papiere immer noch rekordhohe 7,7 Prozent.

Arbeitslosigkeit und Schulden wachsen stetig an

Ein weiterer erschreckender Faktor ist die steigende Zahl der Arbeitslosen. In der Eurozone beträgt die Rate 9,9 Prozent. Noch schlimmer sieht es bei den Jungen aus. In Spanien ist die Jugendarbeitslosenrate bereits auf 40 Prozent gestiegen, in der Slowakei sind es 35 Prozent, in Italien 29 Prozent. Alan Brown, Anlagechef der Fondsgesellschaft Schroders, kritisiert die Planlosigkeit in Europa: „Schaut man auf die Ereignisse in der Eurozone, kommt es einem vor, als verunglücke ein Zug in Zeitlupe. Das Unvermeidbare folgt jedoch ganz einfach dem beharrlichen Sparkurs der Deutschen sowie ihrem fehlenden Willen, eine Stimulierung der eigenen Wirtschaft in Betracht zu ziehen.“

Dazu kommt, dass die Schuldenberge der europäischen Staaten stetig weiter ansteigen. Langfristig führt aber kein Weg am Abtragen der Schulden vorbei, denn sonst kommt es zu Staatspleiten.

Für davon betroffene Staaten käme einzig ein Ausstieg aus der Eurozone infrage, was schon Kenneth Rogoff im Interview mit FORMAT vor einigen Wochen als einzig möglichen Ausweg aus der griechischen Schuldenfalle skizzierte. Der Harvard- Wirtschaftsprofessor warnt schon seit geraumer Zeit, dass ohne geeignete Sparmaßnahmen der nächste globale Crash in spätestens fünf bis zehn Jahren vor der Tür steht. Rogoff: „Es wird katastrophal enden. Das Schlimme ist, dass die Politiker nicht so weit vorausschauen. Die lächeln mich an und sagen, dass sie dann nicht mehr an der Macht sind. Denen ist das egal.“ Ins selbe Horn stößt Schwellenlandfondsmanager Marc Faber , auch Dr. Doom genannt. „Wenn der Zug das nächste Mal stehen bleibt, dann sind die Staaten pleite. Das haben sie durchaus verdient.“

Neuer Wirtschaftsmotor China

Die Hoffnung auf wirtschaftliche Stabilität ruht auf China, dem neuen Motor der Weltwirtschaft. Doch auch dort brodelt es, etwa am überhitzten Immobilienmarkt, der für zehn Prozent der chinesischen Wirtschaftsleistung verantwortlich zeichnet. Zwischen April 2009 und April 2010 stiegen die Hauspreise nach inoffiziellen, aber von der chinesischen Regierung nicht dementierten Zahlen im Schnitt um 50 Prozent.

Der Staat interveniert deshalb massiv gegen ein Platzen der Blase: Käufern, die schon eine Immobilie haben, wird der Erwerb einer weiteren durch immens hohe Abgaben erschwert. Immobilienentwickler müssen spätestens zwei Jahre nach dem Landerwerb zu bauen beginnen, sonst wird der Grund und Boden konfisziert. Außerdem ist der Staat Mehrheitseigentümer der vier größten chinesischen Banken und hat per Dekret die Kreditvergabe drosseln lassen. Wurden 2009 noch 9.000 Milliarden Renminbi (rund 1.000 Milliarden Euro) an teils fragwürdigen Krediten vergeben, so sind für 2010 knapp ein Fünftel weniger vorgesehen.

Die harten Maßnahmen zeigten zwar erste Erfolge, und die Immobilienpreise fielen im Mai und Juni zwischen sieben und acht Prozent. Ob diese nachhaltig sind, entscheiden aber die faulen Kredite in den Büchern der Provinzregierungen. Wenn die Blase platzt und deren Bürgschaften schlagend werden, stehen die Provinzen massiv in der Kreide. Geht es nach Kenneth Rogoff, gibt es schon jetzt deutliche Warnsignale, dass in China der Zusammenbruch des Immobiliensektors bereits begonnen hat. „Die Banken werden dadurch arg in Mitleidenschaft gezogen. Das Wirtschaftswachstum könnte auf zwei Prozent schrumpfen, was in China einer Rezession gleichkäme“, warnt Rogoff.

Marc Faber sieht gerade den langfristigen Erfolg Chinas als Problem: „Es zeichnet sich schon ab, dass China die USA als Supermacht verdrängt – inzwischen gehen mehr Exporte aus Südamerika nach China als in die USA. Das führt zu geopolitischen Spannungen und letztlich zum Kollaps.“

Die trüben Aussichten der Ökonomen wollen nicht so ganz in das Bild der zuletzt veröffentlichten Unternehmensgewinne passen. Beispielsweise liegen die Halbjahresergebnisse von 74 Prozent der US-Unternehmen über den Erwartungen. In Deutschland könnte man meinen, eitel Wonne sei zurückgekehrt. Das wird aber nicht von Dauer sein: Die Einkaufsmanagerindizes rund um den Globus deuten schon wieder auf eine Rezession hin. Auch ein Drittel der 680 vom „Economist“ befragten Führungskräfte fürchtet einen Double-Dip. Harvard-Professor Rogoff: „Der Aufschwung ist eine Illusion. Es wird wie verrückt Geld rausgeschmissen, das kann sich nicht halten. Aus diesem Teufelskreis müssen wir so schnell wie möglich raus.“

– Ingrid Krawarik, Arndt Müller

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