Kredit-Klemme: Unternehmer kämpfen mit hohen Zinsen und unmöglichen Sicherheiten

Die globale Finanzkrise schlägt auch auf Österreichs Realwirtschaft durch. Zumindest bis Jahresende knausern die Banken bei Krediten. Für viele Betriebe wird es eng, Hilfseinrichtungen sind gefragt.

Auch ein Friseur hat’s schwer: Zuerst steht „Waschen, Schneiden, Legen“ am Programm und dann wieder ein Besuch bei der Bank. 10.000 Euro hätte die Wiener Unternehmerin gebraucht, doch ihr Ansuchen wurde von den Geldinstituten ohne Begründung abgelehnt. Auch der Inhaber einer Fuß­bodenversiegelungsfirma, der eine Ausweitung des Kreditrahmens wünschte, um Auto und Werkzeug zu kaufen, hatte keine Chance. Selbst die Vorfinanzierung von 40.000 Euro für Spezialmikroskope, die eine Wiener Import-Export-Firma dringend benötigte, scheiterte. Das sind drei von 180 Fällen, die die „Ombudsstelle für abgelehnte Kredite“ der Wirtschaftskammer Wien in der ersten Woche ihres Bestehens bearbeitete. Kammer-Präsidentin Brigitte Jank: „Wir wollen zwischen Unternehmern und Banken vermitteln, um Finanzierungen zustande zu bringen.“ Derzeit ein Ding der Unmöglichkeit.

Kredite sind Luxus
Zehn Wochen nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers hat die globale Finanzkrise auch Österreichs kleine und mittlere Unternehmen (KMUs) erreicht. ­Betroffen ist jede Branche. Ob Autohändler, Baumeister oder Hotelier – alle müssen nach einem Besuch bei der Hausbank zur Kenntnis nehmen: Kredite sind Luxus. Und das, obwohl die heimische Regierung ein hundert Milliarden Euro schweres Hilfspaket für Banken geschnürt hat. „Die Kreditlinien wurden bei vielen unserer Franchise-Partner radikal gestrichen“, sagt Wolf-Dieter Hellmaier, Chef des Kfz-Importeurs Porsche Holding. Nachdem Autohändler ohnehin an mehreren Fronten kämpfen – sinkende Nachfrage, Preissprünge bei Treibstoffen und geringe Margen –, kommt das derzeitige Verhalten der Kreditinstitute bei manchen einem Todesstoß gleich. Bis zum Jahresende ist ­keine Entspannung in Sicht, befürchtet Hellmaier: „Die Banken schauen, dass sie ihre Bilanzen in Ordnung bringen. Darum agieren sie besonders restriktiv.“

Hilfspakete wirken nicht
Der Kreditschutzverband von 1870 (KSV) hat ebenfalls festgestellt, dass die Banken deutlich vorsichtiger geworden sind. Im Oktober kamen in Österreich um 11,3 Prozent weniger Privatkreditverträge zustande als im Oktober 2007. Und dies, obwohl die Nachfrage nach Krediten insgesamt konstant blieb. Für den November rechnet man mit einer ähnlichen Entwicklung. Auch Nationalbank-Gouverneur Ewald Nowotny beklagt, dass das Geld nicht unters Volk gebracht werde: „Die Banken horten aus Unsicherheit Liquidität. Bis jetzt haben die staatlichen Bankenhilfspakete nichts erreicht.“ Das liegt auch daran, dass bis dato noch kein einziges Paket bis ins Detail vereinbart ist. Derzeit spießt es sich nicht nur an der Höhe der Verzinsung, die der Staat erhält, sondern auch an Formulierungen über Beschränkung der ­Managergagen und Informationspflichten der subventionierten Banken. „Es sind Verpflichtungen einzufordern, die eine Kreditvergabe vorschreiben“, fordert Nowotny. „Kredite an KMUs sind die wirksamste Form der Rezessionsbekämpfung.“

Sicherheiten und Zinsen
Ähnlich verärgert ist WIFO-Chef Karl ­Aiginger: „Den Banken wird geholfen, und die kürzen die Kreditlinien. Das kann’s doch nicht sein.“ In der Vergangenheit sei es so gewesen, dass die Banken in wirtschaftlich schlechten Zeiten den ­Kunden nachgerannt sind, um Kredite zu verkaufen. „Jetzt machen sie das Gegenteil: Sie verlangen unwahrscheinliche ­Sicherstellungen.“ Und hohe Zinsen. Tatsächlich sind die Konsumkreditzinsen in Österreich bis Ende September ge­stiegen. Der von Österreichs Banken vergebene Durchschnittskreditzinssatz kletterte laut Nationalbankstatistik im Vergleich zum Vorjahr um 0,64 Prozentpunkte auf 7,18 Prozent. Seither ging es nur weiter bergauf. Um die Krise abzufedern, führte die Europäische Zentralbank (EZB) im ­Oktober und November massive Zinssenkungen durch. Beim Endkunden sind diese Schritte bis dato nicht angekommen.

Kein Handlungsbedarf
Die Banken hingegen verstehen die Aufregung nicht. „Natürlich vergeben wir noch Kredite. Aber wir schauen genauer auf die Bonität“, sagt Helmut Bernkopf, Firmenkunden-Vorstand der Bank Austria, gebetsmühlenartig. Seit Jahresbeginn gilt in Österreich das Regelwerk Basel II, das Kredite an eine strengere Risikoprüfung knüpft. Zudem verschärft die Krisenstimmung in der Immobilienbranche die aktuelle Kredit-Klemme. Bei der Immofinanz-Gruppe zittern etwa Bank Austria, RZB und Erste Bank um gemeinsam 1,6 Milliarden Euro. Während für die Allgemeinheit Darlehen kaum verfügbar sind, werden jedoch zur Sanierung der ­eigenen Bilanz Hunderte Millionen auf­gestellt. So will die Bank Austria noch vor Jahresende ihre Genussrechte an der B & C Privatstiftung mit allen Mitteln versilbern, was der Bank einen vorweihnachtlichen Buchgewinn von rund 100 Millionen Euro bescheren könnte (siehe Billige Milliarden trotz Krise ).

Hilferuf an den Staat
„Investoren von Bürobauten, aber auch Wohnbauträger kämpfen zurzeit mit höheren Finanzierungsrestriktionen und steigenden Fremdkapitalzinsen“, sagt Wolfgang Hesoun. Was sich der Chef des Baukonzerns Porr wünscht: „Die öffentliche Hand soll ihre Haftungsgarantien nicht nur auf Banken und Versicherungen beschränken, sondern auch der Realwirtschaft zuteil werden lassen, wie etwa bei Vorfinanzierungen von öffentlichen Bauaufträgen.“ Hochkonjunktur haben auch die Hilfs­einrichtungen für Unternehmen. Zeitweise sind es fünf Fälle in der Stunde, die die Wiener Kammer-Ombudsstelle erreichen. Und wie kann dort geholfen werden? Die Friseurin bekam eine Vertrauensperson zur Seite gestellt, die herausfinden soll, warum die Bank das Kreditgesuch abgelehnt hat. Dem Fußbodenversiegler half ein Unternehmensberater des WIFI bei der Erstellung der Unterlagen für die Bank. Und beim Mikroskop-Importeuer wurde die Einbindung der Wiener Kreditbürgschaftsgesellschaft als Haftungsträger angeregt. Doch an frisches Geld zu kommen bleibt auch mit Hilfe schwierig.

Rat für Unternehmer
Hotline WK Wien 01/514 50-1020
WKNÖ-Helpline 0 27 42/851-180 18
Hotline WK Stmk. 0316/601-601

Von Miriam Koch, Ashwien Sankholkar

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