Konjunkturprognose: Österreichs Wirtschaft erlebt einen Absturz ins Ungewisse

Die neuesten Prognosen der Konjunkturforscher sind dramatisch. Die österreichische Wirtschaft wird 2009 um mehr als zwei Prozent schrumpfen – so viel wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr.

Selbst für den langjährigen Chef des Instituts für Höhere Studien (IHS), Bernhard Felderer, müssen die neuesten Berechnungen aus seinem Haus ein Schock gewesen sein. „Bei unseren letzten Prognosen im Dezember hatten wir keine Ahnung, wie stark das vierte Quartal eingebrochen ist.“ Damals schätzte der gestandene Konjunkturforscher, dass Österreichs Wirtschaft 2009 lediglich um 0,1 Prozent schrumpfen würde. Sein Kollege Karl Aiginger, Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo), ging noch von 0,5 Prozent Minus aus. Jetzt müssen die beiden Experten die Zahlen merklich nach unten schrauben: Im besten Fall bricht das Bruttoinlandsprodukt (BIP) heuer um rund zwei Prozent ein. Damit schlittert Österreich in die schlimmste Rezession seit Ende des Zweiten Weltkriegs. „Wir müssen froh sein, wenn die neuen Prognosen bis Jahresende halten und nicht noch stärker nach unten revidiert werden müssen“, meint Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner.

Schreckensmeldungen allerorts
Das, was derzeit passiert, ist ein Absturz ins Ungewisse. Denn die Hiobsbotschaften häufen sich, ein Ende der Talfahrt ist derzeit nicht in Sicht. In Deutschland rechnet die Commerzbank mittlerweile mit einem Minus von sieben Prozent des BIP, offiziell geht man von einem Rückgang in der Höhe von 4,5 Prozent aus. „Wir sind ähnlich industrielastig wie Deutschland“, erklärt der langjährige Wirtschaftsminister Martin Bartenstein. Daher könnte der Abschwung in Österreich ähnlich stark wie der deutsche ausfallen. Denn Osteuropa, von dem Österreich in der Vergangenheit stark profitierte, ist heute kein Vorteil mehr. Für viele der osteuropäischen Staaten wird ebenfalls ein kräftiger BIP-Einbruch erwartet, auch bei wichtigen Handelspartnern Österreichs, Ungarn und Rumänien. Seit Ausbruch der Finanzkrise Mitte September 2008 gab es in der Region Währungsabwertungen und Produktionsrückgänge. Vor allem die Autoindustrie – für Länder wie Tschechien und die Slowakei der wichtigste Wirtschaftszweig – traf es hart.

Minus 5,5 Prozent für Maschinenbauer
In Österreich ist es die teilweise stark exportorientierte Industrie, die am meisten leidet: Jänner und Februar fielen katastrophal aus, weil die Kunden aus Angst kaum bestellten und ihr Geld lieber horteten. Insgesamt soll heuer die Produktion der Maschinenbauer, Papierhersteller und Autozulieferer um satte 5,5 Prozent sinken. Auch im Tourismus könnte dieses Jahr – nach den Rekord-Ergebnissen 2008 – die Bilanz tiefrot sein. Gut vier Prozent Umsatzminus müssen heimische Hoteliers und Reiseveranstalter hinnehmen. Wobei Anbieter für Geschäftsreisen noch stärker zu kämpfen haben. „Aus unserer Sicht ist der Sommer noch gut gebucht“, zeigt sich Hans Schenner, Tourismus-Obmann der Wirtschaftskammer, dennoch optimistisch. „Wir rechnen frühestens in der kommenden Wintersaison mit einem Rückgang.“

Handel noch ungeschoren
Weil die Privathaushalte ihren Konsum noch nicht dramatisch einschränken, geht es dem Handel derzeit gut. Die Branche profitiert von der niedrigen Inflation und höheren verfügbaren Einkommen. Außerdem halten Diskonter ihre Kunden mit Billigangeboten in Kauflaune. Spätestens für Herbst rechnen Supermarktbetreiber aber mit einem Einbruch. Auch in der Bauindustrie sind die Auftragsbücher trotz Krise voll – nur ein leichter Rückgang im Hochbau ist spürbar. „Ich hoffe, dass die vom Staat angekündigten Konjunkturbelebungsmaßnahmen tatsächlich umgesetzt werden“, meint Porr-Generaldirektor Wolfgang Hesoun. 2010, so die Hoffnung der Wirtschaftsforscher, sollte das BIP wieder ein hauchdünnes Plus vorweisen. Bereits während des zweiten Halbjahrs 2009 könnte sich die Konjunktur stabilisieren. „Der gewaltige Einbruch ist dann vorbei. In Zeiten wie diesen gilt das schon als Erholung“, sagt Stefan Bruckbauer, Ökonom der Bank Austria.

Heuer 64.000 neue Jobsuchende
Am Arbeitsmarkt wird der Aufschwung länger auf sich warten lassen. Bis über das vierte Quartal 2010 hinaus rechnen Experten mit einem Anstieg der Arbeitslosigkeit. Heuer soll es im Jahresdurchschnitt 64.000 neue Jobsuchende geben, 2010 kommen weitere 29.000 Menschen dazu. Bis vor kurzem glaubte das Arbeitsmarktservice (AMS), heuer werde es „nur“ 20.000 Arbeitslose zusätzlich geben. „Die Aussichten sind alles andere als rosig“, klagt Rudolf Kaske, Chef der Gewerkschaft vida. Besonders betroffen sind Berufseinsteiger, Zeitarbeiter und Beschäftigte in der Industrie. Oberösterreich, Niederösterreich, Steiermark und zum Teil Kärnten werden die höchsten Zuwächse verzeichnen. Auch bei der Kurzarbeit ist eine weitere Zunahme zu erwarten. Im April werden 43.000 Personen ihr Stundenpensum reduzieren müssen. Arbeitgeber haben avisiert, 7.000 weitere Beschäftigte zur Kurzarbeit anzumelden.

3,5 Prozent Budgetdefizit
Das AMS kalkuliert mit rund einer Milliarde Euro Mehrkosten. Das in Zeiten, in denen der Staat ohnehin knapp bei Kasse ist: Denn ein so deutlicher Wirtschaftseinbruch wie heuer wird das Steueraufkommen, vor allem bei der Lohnsteuer, vermindern. Zudem schlagen sich auf der Ausgabenseite des Finanzministers die Konjunkturprogramme zu Buche. Unterm Strich wird Österreich 2009 rund 3,5 Prozent Budgetdefizit haben, 2010 gar vier Prozent. Unterdessen wird Kritik an den Konjunkturforschern selbst laut. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) meint, dass die Vorausschauen zu oft danebenlägen und zu positiv seien. „Die Frühindikatoren erlauben eine relativ sichere Prognose für ein halbes Jahr“, verteidigt IHS-Chef Felderer seine Zunft, gibt aber zu: „Danach wird es in der Tat schwer.“ Denn zu vieles ist ungewiss. Vor allem, ob die Banken wirklich alle ihre giftigen Papiere ausgewiesen haben.

Von Miriam Koch und Barbara Nothegger

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