Kollektives Winterleiden: Konsumflaute nun auch im Wintertourismus angekommen

Die Konsumflaute als Folge von Finanzkrise und schlechter Konjunktur hat den Wintertourismus erreicht. Österreichs Hoteliers, Reiseveranstalter und Ski-Industrie erwarten Umsatzeinbrüche.

Früher, so erzählen Touristiker, war alles ganz anders. Noch vor zehn Jahren begann die Saison schlicht damit, dass bei den Skiliften der Strom eingeschaltet wurde. Heute haut man zum Auftakt kräftig auf die Pauke, "aus Imagegründen", wie Andreas Steibl, Chef der Tourismusverbands Paznaun/Ischgl, sagt. So werden beim Ski-Opening in Ischgl am 29. November gleich drei Promi-Sängerinnen erwartet – Leona Lewis, Gabriella Cilmi und Jennifer Kae. Showeinlagen der Sonderklasse werden freilich auch zum Saisonanpfiff in Sölden oder am Arlberg aufgeboten.

Verhaltene Freude
Hinter den Kulissen ist die Stimmung weitaus gedämpfter: Experten sagen kein fulminantes Jahr für den Wintersport voraus. Schätzungen zufolge werden per Saisonende rund 350.000 Paar Ski in Österreich verkauft sein, davor waren es noch 367.000 – in weiter Ferne scheint die Saison 2001/02, wo noch 550.000 Paar Ski verkauft wurden (siehe Grafik). Insbesondere der Verkauf von Langlaufskiern läuft schleppend, im Vorjahr verzeichnete die Branche in Österreich einen Rückgang um fast 50 Prozent auf 20.000 Paar. Davon betroffen war vor allem die Fischer-Gruppe, Nummer eins in der Produktion von Langlaufskiern. "Die Frage ist, ob es künftig in niederen Lagen noch genug Schnee geben wird", sagt Fischer-Chef Gerhard Wüest, ohne konkrete Absatzzahlen nennen zu wollen.

Hoffen auf viel weiße Pracht
Wetterforscher Andreas Frank prophezeit dieser Tage zwar weitere Schneefälle in Vorarlberg, Tirol, Salzburg und Oberösterreich, doch vorerst nur in hohen Lagen (selten unter tausend Meter Seehöhe). Eine Prognose für die nächsten Wochen will er nicht abgeben, zumal alles möglich sei – kein Schnee ebenso wie viel Schnee. Gibt es keinen, garantieren zumindest Schneekanonen in den nächsten 20 bis 30 Jahren weißes Gold – Minusgrade allerdings vorausgesetzt, sagt Herbert Formayer von der Boku Wien.

Industrie unter Druck
Bob Koch, Österreich-Chef von Head, weiß längst, dass er diese Saison nicht so viel verkaufen wird wie im Rekordjahr 2006. Damals waren es österreichweit 70.000 Paar Ski, heuer sollen es laut Branchenkennern um 15 Prozent weniger sein. Dafür verantwortlich ist aber nicht nur die Konsumflaute. Junge Leute sind immer schwerer für den Skisport zu begeistern. Computer und iPod machen den Brettern zunehmend Konkurrenz. "Das Interesse am Sport ist aber vorhanden, wir müssen für die Jungen nur neue Anreize schaffen", sagt Wolfgang Mayrhofer, Sprecher der österreichischen Ski-Industrie und Atomic-Manager.

Ski-Industrie mit Innovationen
Internationale wie nationale Skihersteller wollen am Kurs festhalten. Bis Jahresende will Weltmarktführer Atomic rund 500.000 Paar Ski auf den Markt bringen. Mayrhofer zeigt sich mit der reorganisierten Produktion der zur finnischen Amer-Gruppe zählenden Firma zufrieden. Doch auch Amer kämpft zurzeit vor allem infolge der US-Nachfrageflaute mit sinkenden Erlösen und Gewinneinbrüchen.

Ski-Hersteller im Golfsport
Mit Innovationen und weiteren Geschäftsfeldern wollen kleine wie große Player der globalen Untergangsstimmung jetzt verstärkt den Kampf ansagen: Head macht bereits 39 Prozent des Umsatzes im Tennissport (43 Prozent im Wintersport). Laut FORMAT-Informationen soll 2009 auch endgültig der Einstieg ins Golf-Business folgen; Fischer ist mit einem neuen Modell des "Loch-Skis" im Rennsport gut unterwegs, und Atomic punktet zurzeit mit dem D2-Doubledeck für Rennstrecken und Tiefschneepisten.

Trend zum Kurzzeiturlaub
"Die Tourismusbranche ist verunsicherter denn je. Das Kaufverhalten hat sich geändert. Für viele wird der Langzeiturlaub zum Kurzzeiturlaub, manche werden wahrscheinlich sogar ganz auf den Urlaub verzichten", sagt Tourismusforscher Horst Opaschowski, der nun rät, einen kühlen Kopf zu bewahren. "Wie stark sich die Finanzkrise auswirken wird, lässt sich noch nicht sagen."

Buchungsrückgänge
In der Branche ist schon die Rede von Rückgängen bei Buchungen von fünf Prozent und mehr. Im Winter 2007/08 wurden in Österreich noch 63,3 Millionen Nächtigungen registriert (siehe Grafik), heuer könnten es nur mehr knapp 60 Millionen sein. Spitzenreiter war Tirol mit 25,6 Millionen. Johann Schenner, WKO-Tourismusobmann, macht nun Mut: "Eine Umfrage der Wirtschaftskammer zeigt, dass 70 Prozent der Hoteliers in den Skigebieten gut ausgelastet sind und 10 Prozent sogar sehr gut." Doch auch er weiß, dass die Zahlen schon einmal besser waren.

Von Silvia Jelincic und Romana Kanzian

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