KHG-Interview: Grasser über die Finanzkrise, Abzocker und das Ende des Neoliberalismus

Exfinanzminister und Meinl-International-Power-Manager Karl-Heinz Grasser über die angebliche Schuld der Politik an der Finanzkrise, die Gier der Manager – und was das alles mit ihm zu tun hat.

Format: Sie wollten nach Ihrem Ausstieg aus der Politik bei einer Investmentbank anheuern. Sind Sie froh, dass das nicht geklappt hat?
Grasser: Ich war damals mit Morgan Stanley und mit Merril Lynch intensiv im Gespräch – und dieser Tage denke ich mir: Das wäre gar nicht gut gewesen (lacht).
Format: Denken Sie also, dass Sie mit einem Investmentfonds auf der richtigen Seite gelandet sind?
Grasser: Ja, absolut. Das ist ein nachhaltiges Geschäft, wo du in Energie-Assets investierst. Du schaffst Werte, baust etwas auf, schaffst Arbeitsplätze und bist nicht ganz im Auge des Orkans.
Format: Ganz außen ist es auch nicht gemütlich – wegen der Fliehkraft.
Grasser: Betroffen sind alle: Wir brauchen Kredite, um zu einer besseren Rendite zu kommen. Das ist im Moment ein bisschen schwer (lacht).

"Vollkasko für schlechte Bankmanager"
Format: Haben Sie die Krise kommen sehen?
Grasser: Nein. In dem Umfang hat das niemand.
Format: Na ja, der neue Nobelpreisträger Paul Krugman warnt seit zehn Jahren davor.
Grasser: Es gibt auch welche, die seit 50 Jahren davor warnen. Irgendwann hat jeder Recht. Ich finde die Krise jetzt nicht so dramatisch. Die freie Marktwirtschaft bleibt unbestritten – die Streitfrage ist, wie viele Funktionen der Staat haben soll. Die einen sagen: mehr; andere, wie Friedrich Hayek, sagen: weniger. Das Pendel geht hin und her, das ist nichts Neues.
Format: Sie waren immer ein Vertreter von „Mehr privat, weniger Staat“. Haben Sie Bauchweh bei dieser Trendwende?
Grasser: Ich bin immer unglücklich, wenn jemand will, dass der Staat mehr zu sagen hat. Staatsintervention ist die letzte aller Lösungen. Jetzt ist der Staat notwendig – aber diese undifferenzierte Pauschallösung halte ich für Unsinn.
Format: Inwiefern Unsinn?
Grasser: Mich ärgert, dass es eine Vollkasko-Mentalität für schlechte Bankmanager gibt. Die bekommen enormes Geld, und mein Eindruck ist, „wir retten alle“. Das halte ich für einen Fehler. Denken Sie an Tausende Klein- und Mittelbetriebe: Da fällt vielleicht eine große Kundschaft aus und reißt sie in den Konkurs – wer hilft denen? Kein Mensch. Ich bin dafür, systemrelevante Banken zu retten. Aber undifferenzierte 700 Milliarden Dollar in den USA – oder hundert Milliarden Euro in Österreich – halte ich für falsch.

Gewinn nicht einziges Kriterium
Format: Sollte man die Manager zur Verantwortung ziehen?
Grasser: Selbstverständlich. In jeder Bank in Österreich, die selbstverschuldet Hilfsmaßnahmen braucht, soll das Management gehen – ohne Golden Handshake. In Zukunft muss man über Gehälter von Managern nachdenken. Ich gönne jedem, dass er viele Millionen verdient. Aber die Missbräuche muss man abstellen. Wenn Sie an O’Neill von Merrill Lynch denken, der noch 140 Millionen Dollar kassiert hat, als er gehen musste – das ist ein absoluter Exzess.
Format: Wer soll das abstellen? Der Staat mit einem Gesetz?
Grasser: Jetzt ist eine –Ausnahmesituation: Wer sich jetzt um Geld des Steuerzahlers anstellt, soll es nicht als Belohnung für gescheitertes Management nachgeworfen bekommen. Aber im Grundsatz gilt der Markt. Ich sehe keine staatlich vorgeschriebene Grenze für Managergehälter. Es ist eine Frage der Transparenz: Der Aufsichtsrat sollte publizieren, was der Vorstand bekommt. Es müsste auch das Anreizsystem für Manager geändert werden: Wir brauchen auch andere Kriterien als nur den Gewinn – wie Nachhaltigkeit, Innovation und Arbeitsplatzsicherung.
Format: Die Shareholder werden kaum Interesse an so einer Änderung haben.
Grasser: Sobald er die Gehaltsstruktur veröffentlichen muss, wird der Aufsichtsrat wohl verantwortlich handeln, weil er der Öffentlichkeit geradestehen muss. Jedes Unternehmen hat eine gesellschaftspolitische Verantwortung. Ich setze auf die Kulturveränderung, die seit Jahren im Gange ist.

"Gier ist immer schlecht"
Format: Welche Rolle spielt die Gier in dieser Krise?
Grasser: Gier ist immer schlecht.
Format: Es ist allerdings der Kern der Wirtschaftstheorie der von Ihnen geschätzten Milton Friedman und Friedrich Hayek, dass der Mensch gierig ist.
Grasser: So verstehe ich das nicht. Man darf Gier nicht mit Zielstrebigkeit verwechseln. Ich setze auf die Kulturveränderung, die wir derzeit erleben. Viele erinnern sich noch, wie ein bekannter deutscher Bankmanager einen Rekordgewinn verkündet hat – und zugleich die Entlassung von Tausenden Mitarbeitern. Würde das heute einer machen, nachdem diese Banken mit Steuergeld gerettet wurden?
Format: Heute nicht, aber vielleicht in fünf Jahren – schließlich muss wieder Geld verdient werden.
Grasser: Am Ende des Tages ist –natürlich Politikversagen die Ursache dieser Krise. Erstens falsche Geldpolitik: über langen Zeitraum zu billiges Geld. Zweitens hat die Aufsicht in vielen Ländern geschlafen. Beispiel Amerika, um nicht immer nur ins eigene Land zu fallen (lacht).
Format: … wo Sie auch genug über Aufsichtsversagen zu sagen hätten …
Grasser: Deswegen … schauen Sie, niemand ist perfekt. Die Politik ist zuständig für das Versagen. Denken Sie an …
Format: … Amis zum Beispiel? Da hat die Aufsicht versagt, in Ihrer Amtszeit.
Grasser: Ich denke hier vor allem an die Intransparenz von Produkten. Man kann nicht zulassen, dass der Schuldner den Gläubiger nicht mehr kennt und das Risiko weiterverkauft wird. Oder: Wir –haben 11.000 Hedgefonds mit 2.300 Milliarden Euro Volumen, die völlig der Kontrolle entzogen sind. Wir brauchen einen europäischen Kontrollverbund. Aber wesentlich ist, dass wir jetzt nicht so tun, als hätte der Markt oder der Kapitalismus versagt. Es ist die Politik, die versagt hat.

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