Keiner wächst so schnell wie der deutsche Diskonter Lidl

Kein Lebensmittelhändler wächst in Österreich so schnell wie der deutsche Diskonter Lidl. Mitbewerber werden gnadenlos verdrängt.

Über Lidl weiß man in Österreich wenig. Während sich Billa und Spar regelmäßig öffentlich zu Wort melden, ist von Lidl wenig zu hören. Auch eine Anfrage zur erstaunlichen Wachstumsstrategie des Diskonters wird nur knapp beantwortet. „Wir werden unsere Expansion in städtischen und ländlichen Gebieten konsequent fortsetzen“, lässt Firmenchef Brendan Proctor ausrichten. Mehr wolle er über den Firmenkurs nicht sagen, schließlich sei er erst seit August der Chef im Haus.

Dabei gibt es derzeit über den Lebensmittelhändler Lidl viel Gesprächsstoff: Seit 2007 eröffnete der deutsche Diskonter rund 180 Standorte – und das, obwohl die Wachstumsmöglichkeiten im heimischen Handel nahezu ausgeschöpft sind. Meist geht das nur über Qualitäts- und Modernisierungsoffensiven. Aber Lidl wächst auch über die Fläche gewaltig.

Das 1998 nach Österreich exportierte Erfolgsmodell hat sich bewährt: Mit bekannten Markenartikeln und zugkräftigen Eigenlabels verdrängt Lidl Mitbewerber und erschließt neue Käuferschichten. Ende 2011 soll die Handelskette aus dem süddeutschen Neckarsulm sogar die Rewe-Tochter Penny einholen, prognostizieren Experten, und damit zum – nach Hofer – zweitgrößten Diskonter aufsteigen.

Geheimnisumwittert

Um Lidl ranken sich seit jeher wilde Gerüchte. Hinter der expansiven Firma, die bis 2004 keine Öffentlichkeitsarbeit hatte und einem hermetisch abgeriegelten Königreich gleicht, steht die deutsche Schwarz-Gruppe, zu der auch die Kaufland-Märkte gehören. Mit 11,5 Milliarden Euro Privatvermögen zählt der 72-jährige Gründervater Dieter Schwarz zu den reichsten Unternehmern Deutschlands – ein Mann, den niemand kennt, so schrieb der „stern“ im Jahr 2008. Und ein Mann, in dessen 60 Milliarden Euro schwerem Firmenimperium sogar die mächtige Rothschild-Familie Geld gebunkert haben soll.

Erst durch die europaweit für Aufregung sorgende „Spitzelaffäre“ gelangte Schwarz zu zweifelhafter Bekanntheit. Seinen Geschäften hat die Bespitzelung von Mitarbeitern aber nicht geschadet. Im Gegenteil: In Österreich bringt es Lidl mit knapp 200 Märkten und 3.000 Mitarbeitern auf 690 Millionen Euro Jahresumsatz, heuer sollen es rund 750 Millionen werden. Damit kommt Lidl per Jahresende auf fast fünf Prozent Marktanteil und belegt hinter der Rewe Group (33 Prozent), Spar (30 Prozent) und Hofer (20 Prozent) den vierten Rang im österreichischen Lebensmittelmarkt.

Das Wachstum verdanken die Deutschen nur zum Teil der Schwäche von Markant (Nah & Frisch) und Zielpunkt, die immer mehr verlieren. „Es ist der Mix aus Markenartikeln und Eigenmarken, der Lidl so stark macht“, sagt Hanspeter Madlberger, Herausgeber der Handelszeitschrift „Key Account“. So ist das Sortiment von Lidl mit mehr als 2.000 Produkten doppelt so groß wie das von Hofer. Darüber hinaus sind 30 Prozent der Produkte Markenware, darunter klingende Namen wie Somat (Henkel), Ferrero und Danone. Hofer führt nur halb so viele bekannte Brands. „Dadurch kommen Kunden, die Marken kaufen wollen, ebenso in die Geschäfte wie die Konsumenten billiger Produkte“, sagt Madlberger.

Einen Namen will sich Lidl jetzt auch mit Bioprodukten machen – sehr zum Ärger des Mitbewerbs, wo der Höhenflug mit Sorge beobachtet wird. Auch das Argument, dass Lidl mehr Lebensmittel aus Österreich führen will, zieht bei den Konsumenten. Hinzu kommen regelmäßige Markenartikel- und Wochenendaktionen: zum Beispiel moderne Smartphones um 70 Euro oder Bahnreisen inklusive Übernachtung in Vier-Sterne-Hotels (zum Schnäppchenpreis von 59,90 Euro für das Doppelzimmer).

Streit um Chefsessel

Nicht nur bei der Expansion geht Lidl kompromisslos vor. Auch Mitarbeiter werden hart angepackt, wenn sie nicht die erwünschte Leistung erbringen. Daher musste auch, so wird gemunkelt, der frühere Österreich-Chef Hanno Rieger das Unternehmen im Sommer vorzeitig verlassen und dem gebürtigen Iren Brendan Proctor Platz machen. Offiziell hieß es, Riegers Abgang habe „persönliche Gründe“. Doch Fakt ist, dass der erst 37-jährige Proctor, der äußerst erfolgreich die Irland-Tochter von Lidl leitete, als der härtere Durchgreifer gilt.

Der Ire soll auch schon einen umfassenden Expansionsplan für Österreich ausgearbeitet haben. Im Fokus steht nun der Großraum Wien, wo Lidl noch schwach vertreten ist. So gibt es in der Bundeshauptstadt derzeit nur 23 Filialen. Laut FORMAT-Informationen sollen in den nächsten zwei bis fünf Jahren bis zu dreißig neue Standorte in und um Wien eröffnen. Zusätzlich werden in die Modernisierung bestehender Geschäfte 10 Millionen Euro investiert. Geplant sind zum Beispiel mehr Backstuben, so wie Billa und Spar sie haben.

Doch auch darüber wird vorher nicht offiziell gesprochen. So wie es für Lidl eben typisch ist.

– Silvia Jelincic

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