Karl Sevelda: „Verstaatlichung der Banken ist keine Lösung, temporäre Hilfe schon.“

RZB-Vorstand Karl Sevelda über die drohenden Risken in Osteuropa, die Auslagerung fauler Kredite an den Staat und die anhaltende Kreditklemme in Österreich.

Format: Wie desaströs werden die Kreditausfälle der österreichischen Banken in Osteuropa? Die Rede ist von einer Erhöhung der Risikovorsorge auf neun Prozent der Kreditsummen.
Sevelda: Bei den letzten Krisen waren es rund vier Prozent. Diesmal wird es vielleicht etwas mehr sein, aber nicht massiv mehr.

"Nicht über einen Kamm scheren"
Format: Es gibt nicht wenige ­Stimmen aus der Finanzszene, die eine Katastrophe für Österreich befürchten.
Sevelda: Die heimischen Banken ­haben 25 Prozent ihrer Bilanzsumme in Osteuropa. Das klingt viel, aber man darf die Länder nicht über einen Kamm scheren. In Tschechien, der Slowakei und Polen erwarten wir wenig Probleme. In der Ukraine, in Ungarn oder Serbien wird es schwierig. In Rumänien kann der Verfall der Währung zu zusätzlichen Firmenpleiten führen.
Format: Kann der Fall eintreten, dass die Wertberichtigungen in Osteuropa das komplette Eigenkapital der RZB-Gruppe vernichten?
Sevelda: Nein. Aus heutiger Sicht ist das auszuschließen. Die Ausfälle werden prozentuell höher sein als in Österreich. Dafür sind auch die Margen viel höher. Außerdem enden nur rund 50 Prozent der Wertberichtigungen tatsächlich in Ausfällen. Und: Es kommt ja nicht alles innerhalb eines Jahres. Ich rechne, dass ein Viertel der Wertberichtigungen heuer anfällt, die Hälfte dann 2010, der Rest später.

"RZB wird stabil bleiben"
Format: Was sagen Sie zu der vereinfachten Rechnung: Die Banken haben Kredite im Schnitt mit zehn Prozent Eigenkapital unterlegt. Wenn also zehn Prozent ausfallen, dann ist alles weg.
Sevelda: Diese Rechnung ist unzu­lässig. Wir liegen in vielen Ländern ­unter den kalkulatorischen Risken. Und es wird gerne vergessen, dass wir in Osteuropa auch höher besichert sind. Im Ernstfall besitzen wir dann halt eine Zeit lang ein Haus.
Format: Die RZB samt Raiffeisen ­International wird also stabil bleiben?
Sevelda: Ja. Ein Teil des Eigenkapitals wird durch Verluste aufgezehrt, was wir hoffentlich durch Gewinne anderswo wieder ausgleichen können. Aber sicher sind die nächsten zwei Jahre keine Zeit des großen Gewinnwachstums.
Format: Bad-Bank-Konstruktionen, also die Auslagerung fauler Kredite und Wertpapiere an den Staat, wird Öster­reich nicht brauchen?
Sevelda: Ich hoffe, dass schon vorher reagiert wird, sollte die Situation wirklich schlimm werden. Die lokalen Re­gierungen müssen ihrer Wirtschaft mit Garantien helfen. Und es ist auch einzufordern, dass sich die EU und der Internationale Währungsfonds engagieren. Die Geschäftsbanken können die Wirtschaft in Osteuropa nicht retten, und Österreich alleine auch nicht.

"Richtige Strategie gewählt"
Format: Ist denkbar, dass sich die RZB von ihren Osteuropa-Aktivitäten trennt, wenn es wirklich dick kommt?
Sevelda: Diese Märkte, wo wir uns eine gute Position aufgebaut haben, wieder herzugeben, werden wir unter allen Umständen vermeiden.
Format: Hat Raiffeisen, rückblickend gesehen, in den letzten Jahren im Osten zu viel Risiko genommen?
Sevelda: Das sehe ich nicht. Wir haben die richtige Strategie gewählt. Natürlich ist das Risiko höher, deswegen haben wir auch mehr verdient.
Format: Wann, glauben Sie, wird sich die Lage bessern?
Sevelda: Ich gehe davon aus, dass wir ab dem zweiten Halbjahr 2010 Licht am Ende des Tunnels sehen – ohne dass es der entgegenkommende Zug ist.

"Ausfälle höher, aber verkraftbar"
Format: Von Osteuropa nach Österreich. Auch hier werden sich wohl die Fälle häufen, wo Unternehmen ihre ­Kredite nicht mehr bezahlen können.
Sevelda: Die Entwicklung ist branchenabhängig sehr unterschiedlich. In der Konsumgüterindustrie läuft es gut, auch in Teilen der Bauindustrie. Es gibt genug Unternehmen, die statt 15 Prozent Gewinn vor Steuern halt nur mehr neun Prozent machen. Weniger erfreulich ­stehen alle Firmen da, die irgendwie mit Auto zu tun haben, oder auch die Holz-, die Papier- und die Immobilien-Branche.
Format: Mit welcher Ausfallsrate rechnen Sie in Österreich?
Sevelda: Das lässt sich nicht beziffern. Klar ist, die Ausfälle werden heuer ­wesentlich höher, aber verkraftbar sein. Wir lassen unsere Kunden nicht fallen.
Format: Aber einige werden von selbst fallen?
Sevelda: Die Situation wirkt dramatischer, als sie ist. Was diese Krise von früheren unterscheidet, ist, dass die Firmen extrem schnell reagieren. Das liegt wahrscheinlich am größeren betriebswirtschaftlichen Know-how. Aber zum Glück reagiert auch der Staat rascher.

"Stammkunden haben Priorität"
Format: Sie wurden auch in Island überrascht und haben viel Geld verloren.
Sevelda: Während es im klassischen Firmenkundengeschäft ellenlange ­Reports zu jedem Kredit gibt, war bei Banken das Rating die einzige relevante ­Bewertung. Dass das nicht reicht, haben wir aus der Krise gelernt.
Format: Die Unternehmen jammern nach wie vor, dass sie von den Banken notwendige Kredite nicht kriegen. Es ­hagelt herbe Kritik. Berechtigt?
Sevelda: Langfristige Liquidität ist bei den Banken knapp. Das stimmt. Deshalb haben unsere Stammkunden Priorität. Wo wir Hausbank sind, gibt es selbstverständlich Geld für Investitionen. Ansons­ten sind wir vorsichtig und schmeißen niemandem einen Kredit nach.
Format: Zahlreiche Betriebe fühlen sich von den Banken im Stich gelassen.
Sevelda: Viele, die sagen, dass sie nichts kriegen, hätten auch in ruhigeren Zeiten nichts bekommen. Wenn ein Kreditwerber sagt, dass die Auftragslage um 50 Prozent zurückgegangen ist, wie soll ich da einem Kredit zustimmen? Ein ­anderer Punkt, weshalb wir restriktiver sein müssen: Wir erwarten ein massives Anwachsen unseres Eigenkapitalerfordernisses, weil sich die ­Ratings vieler Kunden verschlechtern und wir Kredite daher mit mehr Eigenkapital unterlegen müssen.

"Verstaatlichung ist keine Lösung"
Format: Wann wird sich die Liquiditätskrise entspannen?
Sevelda: Die Lage sollte sich noch im Laufe des Jahres 2009 entspannen. Da bin ich überzeugt. Die Nachfrage nach Krediten geht zurück. Und irgendwann werden ja auch die staatlichen Maßnahmen greifen.
Format: Apropos Staat. Auch die RZB wird bei der Regierung um eine ­Finanzspritze ansuchen. Ist sichergestellt, dass die Banken dann tatsächlich der Wirtschaft zusätzliches Geld geben?
Sevelda: Die Banken werden die Bedingungen sicher einhalten. Allerdings ist noch nicht definiert, wie das gemessen wird. Vergleicht man einfach die ­Gesamtkreditsummen 2008 und 2009? Da sind noch viele Fragen offen.
Format: Die Stimmen mehren sich, dass eine komplette Verstaatlichung der Banken notwendig ist. Ihre Antwort?
Sevelda: Mir als Liberalem tut das weh. Verstaatlichung ist keine Lösung. Nötig ist eine temporäre Unterstützung.

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