Kapitalismus 2.0: FORMAT-Serie, Teil 4
Business Revolution

● Gestalten: Eine faire und krisensichere Wirtschaft erfordert andere Unternehmensformen und mündige Konsumenten.

● Unternehmen: Innovative Vorreiterbetriebe verfolgen statt kurzfristiger Profite nachhaltige Werte – auch in Österreich.

● Konsumieren: Gütesiegel und weitere Kennzeichnungen helfen
Konsumenten, sich für die Wahrung von Werten zu entscheiden.

Aktionäre, die für ihren Einsatz keinen Gewinn erwarten, sind in der Regel schwer zu finden. Außer für Christian Hiß. Der Vorstandsvorsitzende der Regionalwert AG im süddeutschen Freiburg hat jeden Tag Anfragen von Geldgebern, die Anteile seiner „Bürgeraktiengesellschaft“ erwerben wollen. Diese 2006 gegründete AG investiert das Geld in Betriebe aus der Bio-Landwirtschaft und Unternehmen aus der Ökobranche. 1,7 Millionen Euro sind bereits zusammengekommen, über 700.000 Euro hat Hiß, der selbst frühzeitig von seinen Eltern einen Bio-Betrieb übernommen hat, bereits investiert. „Was wir unseren Aktionären bieten“, erzählt der 49-Jährige, „ist mehr als bloßes Geld – es sind Werte.“

Wie entwickelt sich die Bodenfruchtbarkeit? Wie wird die Artenvielfalt geschützt? Wie lang sind Transportwege? Wie hoch ist der Anteil an erneuerbarer Energie? Welche Löhne werden gezahlt? Wer als Unternehmer bei der Regionalwert AG mitmachen will, muss den Aktionären auf der jährlichen Hauptversammlung Fragen wie diese beantworten. Diese Doppelbilanzierung enthält neben den üblichen finanzmathematischen Kriterien auch Dutzende aus dem Bereich Nachhaltigkeit, anhand derer die Aktionäre entscheiden, ob das Unternehmen gut gewirtschaftet hat – und ob sie den Vorstand entlasten. „In der Regel wird Wert nur monetär gesehen“, sagt Hiß, „unser Modell beinhaltet hingegen auch die Dimensionen Natur- und Humankapital – ohne deren Berücksichtigung langfristiges Wirtschaften ohnehin nicht möglich ist.“

Diese neue Form der Aktiengesellschaft ist ein kleines Beispiel dafür, wie Unternehmen künftig wirtschaften könnten, um einen Mehrwert zu schaffen, der nicht nur den Aktionären, sondern vor allem Mensch und Natur zugutekommt. In neuen Formen des Business verschwimmen die Grenzen zwischen Kapital und Arbeit ebenso wie die zwischen Unternehmen und ihrem Umfeld – statt beinharten Wettbewerbs zählen auch andere Werte. Ausgedient haben dafür herkömmliche Unternehmensformen wie die klassische Aktiengesellschaft, hoffen Ökonomen wie Gerhard Scherhorn. Der Nachhaltigkeitsforscher war lange Mitglied des deutschen Sachverständigenrates und hat eine simple Rechnung aufgestellt: Das Management jeder AG hat die ausschließliche Aufgabe, das Vermögen der Aktionäre zu mehren. Aufwände für Löhne, Naturschutz oder die Gesellschaft mindern dieses Vermögen – und müssen deshalb vom Management bestmöglich vermieden werden. „Es wird negiert“, sagt der Wirtschaftswissenschaftler, „dass Kosten auch wert- oder substanzerhaltend sein können.“ Das Aktiengesetz sollte so angepasst werden, fordert Scherhorn, dass die Manager genötigt sind, das Natur- und Humankapital ebenso rigoros zu schützen wie das monetäre Kapital der Aktionäre.

Eigentum statt Sklaverei

Markus Auinger, im Brotberuf Geschäftsführer des Mattersburger Kreises für Entwicklungspolitik, hat sich neuartige Formen des Wirtschaftens in Südamerika angesehen. Vor allem eine Zuckerrohrplantage im brasilianischen Catende, 100 Kilometer südwestlich der Küstenstadt Recife, hat es Auinger angetan. „Beeindruckend waren die ehemaligen Herrenhäuser“, sagt Auinger, „früher Symbole für Unterdrückung, dienen sie heute als Versammlungs- und Gästehäuser.“ Bis Mitte der 90er-Jahre war es in Catende üblich, dass bewaffnete Wachposten an den Rändern der Zuckerrohrplantagen patrouillierten, um auch noch das Letzte aus den Arbeitern herauszupressen. Dann jedoch wendete sich das Blatt, die Großgrundbesitzer mussten wegen finanzieller Schwierigkeiten das Weite suchen. Kurzerhand übernahmen die 1.500 Arbeiter das 26.000 Hektar große Areal, gründeten eine Kooperative und lenken seither selbst die Geschicke der Plantage. In solidarökonomischen Betrieben wie Catende werden Entscheidungen demokratisch getroffen und Gewinne an die Gemeinschaft verteilt. Nicht zu ihrem Nachteil, wie das brasilianische Beispiel zeigt: Heute erhalten die ehemaligen Sklaven menschenwürdige Löhne, die Analphabetenrate wurde von über 80 auf unter 20 Prozent gesenkt, auch ein neues Krankenhaus wurde eröffnet. „In der Region hat das einen ziemlichen Boom ausgelöst“, sagt Auinger.

Catende ist kein Einzelfall. Allein in Brasilien gibt es heute 20.000 solcher Betriebe mit mehr als zwei Millionen Beschäftigten. Seit 2003 existiert im brasilianischen Arbeitsministerium ein eigenes Sekretariat für Solidarökonomie, auch in anderen lateinamerikanischen Staaten gibt es entsprechende Initiativen.

Wertgerechte Bilanzierung

Impulse wie diese gibt es auch hierzulande, ausgehend von einer ungewöhnlichen Allianz zwischen heimischen Unternehmern und dem Globalisierungskritiker Christian Felber. „Gemeinwohl-Ökonomie“ hat Felber sein Konzept genannt. Das Ziel: Statt Gewinnstreben und Konkurrenz sollen Gemeinwohlstreben und Kooperation belohnt werden. Was weniger utopische Geister mit dem Hinweis auf fehlende Umsetzbarkeit wegwischen, hat der attac-Mann in ein pragmatisches, anwendbares Konzept gepackt.

Kern des Modells ist die Gemeinwohlbilanz, die messbare Kriterien für Dimensionen wie soziale Verantwortung, ökologische Nachhaltigkeit und demokratische Mitbestimmung enthält. Unternehmen, die in diesem Bewertungsraster hohe Punktezahlen erreichen, sollen in den Genuss von rechtlichen Vorteilen wie niedrigeren Steuern oder günstigeren Krediten kommen und dadurch ihre höheren Kosten abdecken. Vorgestellt wurde das Konzept erst Anfang des Monats, schon jetzt haben sich mehr als 20 Unternehmer gefunden, die fortan nach diesen Maßstäben bilanzieren wollen.

Einer dieser Betriebe ist der Melker Medienproduzent Gugler. Um beispielsweise das Bilanzkriterium „Vertrauen“ zu erfüllen, würde Gugler den Kunden die komplette Kostenkalkulation offenlegen. Auch hinsichtlich der 80 Mitarbeiter zählt Transparenz: Mehrmals jährlich werden alle Zahlen offengelegt und mit der gesamten Belegschaft diskutiert.

Räume richtig planen

Untrennbar verknüpft mit dem neuen Wirtschaften ist außerdem eine radikal veränderte Standortpolitik: Im Moment ist jeder Bürgermeister hocherfreut, wenn er einen Betrieb und damit Arbeitsplätze in seine Gemeinde holt – unabhängig davon, ob der Betrieb Grünland in Betonwüsten verwandelt und ob die Leute von ihren Häusern kilometerweit mit dem Auto zur Arbeitsstätte fahren müssen.

Echte nachhaltige Raumentwicklung sieht laut Institutsleiterin Gerlinde Weber von der Universität für Bodenkultur deshalb längst das Gegenteil von Wachstum vor: „Aussterbende ländliche Gegenden müssen weiter schrumpfen. Sanierungen sind Neubauten vorzuziehen. Bei zu vielen leer stehenden Gebäuden muss man in manchen Dörfern sogar die Demolierung anstelle der Sanierung vorantreiben.“

Bürgermeistern wird man solche Entscheidungen nicht überlassen können, es braucht Denken in größeren Zusammenhängen: Die Konzentration von Wohn- und Arbeitsraum ist ökologischer und sozialer. Mit mehr Bewohnern im Einzugsgebiet laufen die Geschäfte von Nahversorgern besser, soziale Dienstleistungen wie Pflege lassen sich kostengünstiger organisieren. Geplant wird deshalb in größerem Regionalverbund, Wohnbau- oder Wirtschaftsförderung gibt es nur mehr in zentraleren Lagen mit Anbindung an den öffentlichen Verkehr. Im Gegenzug wären für Neuerschließungen in entlegenen Gebieten höhere Gebühren fällig.

Innovative Unternehmen wie die Weissenseer Holz-System-Bau GmbH zeigen bereits jetzt, dass es auch anders geht: In der 3.000 Quadratmeter großen „kleinsten Fabrik der Welt“, kurz kfdw, werden jährlich Gebäudehüllen für 300 Einfamilienhäuser produziert. Vergleichbare Fabrikshallen brauchen dazu um 70 Prozent mehr Fläche, die kfdw spart Heizenergie und verursacht weniger CO2. Und das Logistikzentrum der „Eine Welt Handels AG“ aus Niklasdorf verfügt über eine eigene Bahnanbindung, die Container mit Waren werden direkt von den Häfen in Koper, Rotterdam und Hamburg per Bahn angeliefert. Ersparnis: 170.000 Lkw-Kilometer pro Jahr oder rund 55 Tonnen weniger CO2-Ausstoß.

Beispiele, die Nachahmer suchen, da bisher die Klimakosten der Allgemeinheit aufgebrummt wurden. Eine Milliarde Euro pro Jahr verursacht allein der Straßenverkehr in Österreich. Um sie abzudecken, müsste man die Mineralölsteuer um rund zehn Cent pro Liter erhöhen. Ökologischeres Wirtschaften heißt deshalb, Transportwege zu sparen und die Klimakosten des Verkehrs viel mehr als heute in die volkswirtschaftliche Rechnung mit einzubeziehen.

Bewusster konsumieren

Auch beim CO2-Konsum pro Kopf liegt Österreich mit jährlichen 14,7 Tonnen über dem OECD-Schnitt von 13,7 Tonnen, weit vor Ländern wie Portugal oder Schweden. Um den CO2-Ausstoß generell zu senken und eine nachhaltige Produktion zu fördern, sind deshalb auch auf Konsumentenseite Lösungen gefragt. Eine davon sind Gütesiegel, die Konsumenten Orientierung bieten und zunehmend auch angenommen werden, wie die Entwicklung der Bio-Produktion und des Fairtrade-Handels zeigt.

An einer anderen Idee arbeitet das Sustainable Europe Research Institute (SERI): nämlich an einem Ressourcen-Rucksack. Zusätzlich zum CO2-Verbrauch werden Material, Wasser und verbrauchte Fläche berechnet, um sie dem Konsumenten von der Gewinnung des Rohmaterials über Produktion und Transport bis zu Lagerung und Verpackung transparent zu machen. Solche Ressourcen-Rucksäcke könnten nach dem Ampelsystem (Rot/Gelb/Grün) gekennzeichnet werden. Denn, so SERI-Nachhaltigkeitsexperte Stefan Giljum: „Die meisten Kaufentscheidungen werden innerhalb von Sekunden getroffen.“

– Martina Madner, Arndt Müller

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