Kapitalismus 2.0: FORMAT-Serie, Teil 2

● Enttäuschung: Die Hoffnung auf ewiges Wachstum weicht langsam einer realistischeren Sichtweise

● Verdrängung: Die Politik denkt großteils noch nicht an Alternativen zum Wachstumsfetischismus

● Neuorientierung: Immer mehr Experten fordern ganz neue Rahmenbedingungen für die Wirtschaft der Zukunft

Stellen Sie sich vor, ein Autobauer verkündet eine bahnbrechende Neuentwicklung: einen Wagen, der weder über Bremsen noch über einen Rückwärtsgang verfügt. Mit Metaphern wie dieser überrascht Niko Paech, Vorstand am Produktionslehrstuhl der Uni Oldenburg, gerne seine Studenten. „Eine solche Ankündigung wird zu Recht als bizarr empfunden“, sagt Paech lächelnd, „wenn Ökonomen und Politiker über den Begriff Wachstum sprechen, argumentieren sie aber genau gleich: Sie setzen voraus, dass ausschließlich Zuwächse möglich sind – oder wünschenswert.“

Ein Blick auf die aktuelle Wirtschaftspolitik bestätigt die Diagnose des Professors: Das Wachstumsparadigma hält. ÖVP-Finanzminister Josef Pröll erklärt nach wie vor, dass „ohne Wirtschaftswachstum niemand darauf hoffen kann, dass es ihm oder ihr jemals besser geht“. SPÖ-Arbeitsminister Rudolf Hundstorfer legt nach: „Hätten wir kein Wachstum, würde die Arbeitslosigkeit steigen, und das geht auf Kosten der Ärmsten in unserer Gesellschaft.“ Und Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner von der ÖVP will zwar „mittelfristig Arbeitsmarkt, Pensionen oder das Gesundheitssystem vom quantitativen Wachstum abkoppeln“ – kurzfristig startete er in der Vorwoche eine „Offensive für neues Wachstum“. Dadurch könne sich die Wirtschaft „erholen“.

Zum Glück für die Politiker blicken die heimischen Wirtschaftsforscher wieder einigermaßen wohlgestimmt in die Zukunft: Wifo und IHS hoben am vergangenen Freitag ihre Wachstumsprognosen für 2010 und 2011 an. Knapp zwei Prozent soll die heimische Volkswirtschaft zulegen. Auch Mitterlehners Amtskollege in Deutschland, Rainer Brüderle, hofft auf Basis des im Vorjahr verabschiedeten "Wachstumsbeschleunigungsgesetzes" auf ein „Wachstum XXL“.

Geändert hat sich wenig

Der Finanzcrash im Herbst 2008 hat nicht nur das Vertrauen in die freien Märkte und in die Seriosität von Bankern erschüttert, sondern auch das Vertrauen in das kapitalistische System insgesamt. Forderungen nach Korrekturen wurden laut, nach einer Art Kapitalismus 2.0. In diesem Sog tauchten auch Fragen auf, wie lange eine nur auf Wachstum aufgebaute Wirtschaft überhaupt noch funktionieren kann. Und: Wie kann man Wohlstand ohne Wachstum schaffen bzw. erhalten? Aber so wie die Investmentbanker ihr bisheriges Geschäft munter weiter betreiben, so haben auch Politiker trotz zunehmender Skepsis gegenüber dem Wachstumsfetischismus ihren Fokus nicht korrigiert.

Natürlich ist die Fixierung auf Wirtschaftswachstum nachvollziehbar: Unbestreitbar haben die vergangenen Jahrzehnte vor allem in den Industriestaaten gezeigt, dass Wachstum den Wohlstand jedes Einzelnen erhöht hat. Noch vor 30 Jahren betrug das österreichische Bruttoinlandsprodukt pro Kopf knappe 10.000 Euro – ein Drittel des heutigen Wertes. Alle wurden ein ganzes Stück reicher: Heutige Mindestsicherungsempfänger haben denselben Lebensstandard wie eine Arbeiterfamilie in den 60er-Jahren. Wächst die Wirtschaft, entstehen Jobs. Und Politiker können mehr an ihre Wähler verteilen. Sogar der Umweltschutz soll von den Segnungen der materiellen Zunahme profitieren: Wachstum, so die Hoffnung, schaffe nicht nur (umwelt)technologische Innovationen, sondern setze auch ausreichend Finanzmittel frei, die wiederum zum Wohle des Ökosystems investiert werden könnten. So weit die Theorie.

Wachsende Zweifel

Ein Blick in die Realität zeigt jedoch schnell die Grenzen: Absolut legt die Wirtschaft zwar noch zu, die relativen Raten aber sinken in allen Industrieländern seit Jahrzehnten kontinuierlich ab. Auch die derzeit anziehende Konjunktur kann nicht überdecken, dass Wachstum in Österreich und anderen entwickelten Nationen in Richtung null tendiert. Alleine um die Beschäftigung stabil zu halten, müsste die Wirtschaft dem Wifo zufolge um zwei Prozent pro Jahr zulegen. Nur so ließen sich der Zustrom von neuen Arbeitskräften einerseits und Produktivitätssteigerungen andererseits ausgleichen. Dass dies nicht mehr dauerhaft gelingt, erkennt jeder, der auf die Arbeitslosenstatistiken der letzten Jahre schaut. Es wäre an der Zeit, über Alternativen nachzudenken.

Auch die Hoffnung auf eine größere Verteilungsgerechtigkeit hat sich nicht erfüllt. Wachstum habe zwar das Einkommen erhöht, resümiert der Ökonom und Theodor-Körner-Preisträger Wolfgang Fellner, die relativen Einkommensunterschiede seien aber gleich geblieben. Auch für Österreich trifft zu, dass die Reichen reicher geworden sind, die Bedürftigeren aber zunehmend nicht mithalten können. Die österreichische Abgabenquote auf Arbeit liegt mit 41,3 Prozent noch über dem ohnehin hohen EU-Schnitt von 36,5 Prozent, während der Staat bei Kapitaleinkünften weniger massiv zulangt.

Katastrophale Bilanz

Vor allem die Erwartung, Wachstum ermögliche den Schutz der Umwelt, lässt Kritiker schaudern. „Der Erfolg unseres Systems beruht schlicht und ergreifend auf einem“, ätzt der deutsche Ökonom Gerhard Scherhorn, „der grenzenlosen Ausbeutung aller natürlichen Ressourcen.“

Wie rabiat das derzeitige Wirtschaften in den Naturhaushalt eingreift, zeigen nackte Zahlen: Seit nicht einmal 100 Jahren produziert die Menschheit Kunststoff, trotzdem sind die Ozeane bereits schwer beeinträchtigt. Das Verhältnis Plastik zu Plankton beträgt inzwischen 60:1, alleine der Plastikstrudel im Pazifik hat die Größe Mitteleuropas. Täglich sterben 100 Arten aus, werden 20.000 Hektar Ackerland zerstört und 50.000 Hektar Wald gerodet. Der globale „Overshoot Day“ gibt an, ab welchem Zeitpunkt in einem Jahr die Menschen mehr Ressourcen verbraucht haben, als ihnen die Erde für das entsprechende Jahr rein rechnerisch zur Verfügung stellt. Dieses Datum rückt unerbittlich nach vorne: Noch im Jahr 1990 fiel dieser Tag auf den 7. Dezember, heuer war es am 21. August so weit.

Forscher rund um Dennis Meadows haben die „Grenzen des Wachstums“ bereits Anfang der 70er-Jahre erkannt. Wüchse die Welt so weiter, so die Prognose damals, gingen ihr bereits vor dem Jahr 2100 die Rohstoffe aus. Passiert ist seither wenig. „Jetzt brauchen wir endlich ein neues makroökonomisches Modell, eines, das natürliche Ressourcen umfassend berücksichtigt“, fordert Elke Pirgmaier vom Wiener Ableger des Sustainable Europe Research Institute (SERI).

Der Meinung ist offensichtlich auch ein Großteil der Österreicher, ergibt eine aktuelle Befragung der Bertelsmann Stiftung. Zwar betrachten 93 Prozent der Österreicher wirtschaftliches Wachstum als wesentlich für die Lebensqualität der Gesellschaft, aber: Ebenso viele schließen sich der Aussage an, dass wir als Folge der Krise eine neue Wirtschaftsordnung brauchen. Konkret soll sie den Schutz der Umwelt, den sorgsamen Umgang mit Ressourcen und den sozialen Ausgleich in der Gesellschaft stärker berücksichtigen. Drei Viertel der Befragten erklären sogar, dass für sie persönlich ein Zuwachs an materiellem Wohlstand weniger wichtig ist als der Schutz der Umwelt. Die große Frage ist: Wie sieht es aus, wenn es wirklich an die eigene Geldtasche geht?

Alle suchen Alternativen

Noch ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) die entscheidende Maßzahl, wenn Wohlstand bewertet werden soll. Wie absurd das zum Teil ist, zeigt sich daran, dass Kriege die Rüstungsindustrie und damit das BIP wachsen lassen, ebenso wie Raucher, die zuerst den Zigarettenabsatz in die Höhe treiben und später als Lungen- oder Herzkranke mehr medizinische Dienstleistungen und Medikamente nachfragen.

Doch die Suche nach Alternativen zur bisherigen Wohlstandsmessung hat bereits begonnen. Europaparlament und die OECD veranstalteten bereits 2007 eine große Konferenz mit dem Titel „Jenseits des BIP“. In Frankreich formiert sich die Bewegung der Décroissance, was salopp mit „Wachstumsverweigerung“ übersetzt werden könnte. Folgerichtig rief Präsident Nicolas Sarkozy am ersten Jahrestag des Lehman-Desasters eine von Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz geleitete Kommission ins Leben. Sie soll einen neuen Wohlstandsindikator entwickeln, ein Ansatz, der inzwischen von der OECD weiterverfolgt wird. Die britische Regierung Cameron entwickelt parallel einen Glücksindex, der an die Stelle der heutigen BIP-Messung treten soll.

Und hierzulande überlegen nicht nur die Grünen, wie es ohne permanentes Wachstum gehen kann. Auch Umweltminister Nikolaus Berlakovich arbeitet an einem Masterplan für qualitatives Wachstum: energieeffizient, ressourcenschonend, sozialverträglich. So die Zielsetzung.

Selbst Profiteure des bestehenden Systems wie der milliardenschwere Investment-Guru George Soros mutierten inzwischen zu Kritikern des ungezügelten Wachstumskonzepts: „Der Kapitalismus mit seinem blinden Vertrauen auf die Marktkräfte stellt nun eine vollkommen neuartige Gefahr für die offene Gesellschaft dar.“

Radikale Wende

Die Suche nach neuen Wohlstandsindikatoren ist das eine. Alternativen Ökonomen zufolge müsste die Politik jedoch weit mutiger eingreifen, um Wirtschaft, Bedürfnisse der Gesellschaft und Natur in Einklang zu bringen.

Der deutsche Kapitalismuskritiker Elmar Altvater fordert seit Jahren, dass Renditen und Zinsen nicht höher sein dürfen als reale Wachstumsraten: „Sonst wird die Wirtschaft von den Ansprüchen des Finanzsektors gnadenlos stranguliert.“ Kreditwirtschaft und Geldsystem müssten folglich neu überdacht werden und am Gemeinwohl orientierte Banken an die Stelle der bisherigen treten.

Auch die Neubewertung und -verteilung von Arbeit erfordert andere Rahmenbedingungen: Soziale Dienstleistungen müssen im Vergleich zur produktiven Industriearbeit mehr Gewicht erhalten, und der wirtschaftliche, gesellschaftliche und persönliche Wert von Kindererziehung, Hausarbeit oder ehrenamtlichen Tätigkeiten stärker wahrgenommen werden. Die Arbeitslosigkeit würde dadurch nicht wesentlich sinken, weswegen Vordenker wie der Berliner Politikwissenschaftler Mohs-Gesen Massarrat eine radikale Arbeitszeitverkürzung zur Diskussion stellen. Arbeitete niemand mehr als 34,4 Stunden in der Woche, konstatiert Massarrat, könne man in Österreich Vollbeschäftigung erreichen. Allerdings wäre das nur ohne Lohnausgleich denkbar – was für die meisten Wohlstandsverlust zur Folge hätte.

Am lautesten wird eine ökosoziale Steuerreform gefordert: Die gleichzeitige Entlastung von Arbeit und die Belastung des Ressourcenverbrauchs käme den Menschen und der Natur zugute.

– Martina Madner, Arndt Müller

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