"Kanzler-Kritik hat mich geehrt": Post-Chef Anton Wais gibt sein Abschiedsinterview

Post-Chef Anton Wais sprach mit FORMAT über den plötzlichen Abgang, seinen Ärger mit Politik und Gewerkschaft, die trübe Aussicht auf eine Kuranstalt und das Ziel einer eigenen Firma.

FORMAT: Sind Sie nach Ihrer Rücktrittsentscheidung erleichtert? Wie steht es um Ihre Gesundheit?
Wais: Ich habe lange gegen meine Gesundheit gearbeitet. Ende 2006 war ich ernsthaft krank. Meine Ärzte meinen, jedes Jahr, das ich jetzt mit so einem Stress weitermachen würde, kostet zwei Jahre meiner Lebenserwartung.
FORMAT: Wieso gehen Sie gerade jetzt? Das ist ja nichts, was letzte Woche ganz plötzlich ausgebrochen ist.
Wais: Ich habe mir den Rücktritt seit Weihnachten überlegt. Anfang Jänner hat man dann bei einer Untersuchung festgestellt, dass die Rehabilitation nicht hundertprozentig stattgefunden hat. Deshalb wurde mir empfohlen, Stress zu vermeiden.
FORMAT: Wäre es nicht gescheiter gewesen, noch ein bisschen zu warten und nicht zwei Tage nach dem Abgang des
Telekom-Chefs Nemsic in die Öffentlichkeit zu gehen? Das hat Spekulationen hervorgerufen …

"Kurz und schmerzlos"
Wais: Natürlich gab es Diskussionen, ob man bis zur Hauptversammlung am 6. Mai warten soll. Nur: Wenn ich der Meinung bin, diesen Schritt tun zu müssen, dann am besten kurz und schmerzlos und sofort. Sobald es mehr als zwei Leute wissen, ist es sowieso draußen.
FORMAT: Mit der Post-Aktie ging es nach der Verkündung Ihres Abgangs bergab. Hat Sie das mit Stolz erfüllt?
Wais: Mit Stolz nicht, weil ich bin ja Aktionär. Aber ich habe schnell gewusst, dass es wieder bergauf gehen wird.
FORMAT: Ein bisschen geschmeichelt hat es Ihnen schon?
Wais: Es ist schon ein Zeugnis, das einen freut. Was aber nicht heißt, dass das Unternehmen ohne mich nicht leben kann. Das ist ein Blödsinn. Jeder ist ersetzbar.

"Wilde Reiter-GmbH"
FORMAT: Ihre Bilanz nach zehn Jahren an der Post-Spitze?
Wais: Wir haben sehr viel weitergebracht. Die große Diskussion vor sechs Jahren über einen strategischen Partner hat letztlich zum Börsengang geführt. Wir haben heute einen Verschuldungsgrad, der diesen Namen nicht verdient. Wir haben erfolgreich nach Osteuropa und Deutschland expandiert. Und ich gehe mit einem Rekordergebnis.
FORMAT: Haben Sie je bereut, 1999 von Siemens zur Post gewechselt zu sein?
Wais: Nein, es war faszinierend, in ein Unternehmen zu kommen, das zwar lange existiert, aber in Wirklichkeit ein Neustart auf der grünen Wiese war. Am Anfang waren wir ja wie eine Wilde-Reiter-GmbH. Da war nichts da. Wir haben anfangs nicht gewusst, wo kommt der Umsatz her, was sind die Kosten.
FORMAT: Bei allem, was bei der Post seither passiert ist, finden Sie es da nicht befremdlich, dass Ihr Abgang keinerlei Kommentar vonseiten der Bundesregierung wert war?
Wais: Ich habe ja nicht für die Bundesregierung gearbeitet, sondern für die Österreicher. Was die Österreicher von der Bundesregierung halten, können sie alle paar Jahre deutlich machen.

"Nur noch Gelb als Farbe"
FORMAT: Haben Sie Bundeskanzler Faymann eigentlich einmal gefragt, warum er Sie so oft kritisiert hat?
Wais: Warum soll ich ihn fragen? Das hat mich eher geehrt, dass er mich für wichtig genommen hat. Befremdlich war nur, dass der Bundeskanzler gesagt hat, dass er von unseren Reformschritten nichts gewusst hat, obwohl er sie kannte. Aber es muss sich ja nicht jeder an alles erinnern.
FORMAT: Haben Sie eine Idee, warum Kanzler Faymann den Post-Vorstand öfters angegriffen hat?
Wais: Weil er glaubt, das hilft ihm.
FORMAT: Hat der politische Gegenwind bei Ihrer Entscheidung abzutreten eine Rolle gespielt?
Wais: Von den zehn Jahren, die ich an der Post-Spitze stand, hatte ich mindestens fünf Jahre politischen Gegenwind. Für die einen war ich ein Verräter, für die anderen ein Roter. Ich habe dann gesagt, seit ich bei der Post bin, habe ich nur noch Gelb als Farbe. Ich habe gemacht, was nach meiner Überzeugung für das Unternehmen richtig ist. In dieser Position wird man immer irgendwie angefeindet. Das ist so wie beim Fußballteamchef.

"Nie geglaubt, dass Agentur kommt"
FORMAT: Aber Sie haben sich immer wieder sehr geärgert: dass die Politik eine Arbeitsagentur für beamtete Mitarbeiter verhindert oder die Schließung von Postämtern verboten hat …
Wais: Ich habe nie wirklich daran geglaubt, dass die Agentur kommt. Denn im Regierungsprogramm steht kein Wort mehr über die Beamtenagentur. Na ja, vielleicht schafft das jetzt Bildungsministerin Claudia Schmied. Die hat genau das gleiche Problem wie wir: Sie muss bei gleich bleibendem Personal die Produktivität steigern. Ich habe am Sonntag „Im Zentrum“ geschaut und mir gedacht, ich sitze bei der Post im Jahr 2001. Das Beamtentum feiert wieder fröhliche Urständ.
FORMAT: Die Gewerkschafter bekämpfen weiterhin den Ersatz von Postämtern durch Postpartner …
Wais: Ja, sie versuchen jetzt, die Bürgermeister zu bearbeiten. Aber: Wie die Post ihren Versorgungsauftrag erfüllt, kann niemals Thema der Gewerkschaftspolitik sein.
FORMAT: Es geht wohl um den Machtverlust, wenn die Mitarbeiterzahl sinkt.
Wais: Richtig. Die meisten Mitarbeiter haben hingegen eine wirklich gute Einstellung. Zusteller haben mich kürzlich gefragt, ob sie die Autos jetzt selbst waschen sollen, um die acht Euro bei der Tankstelle zu sparen. Ich habe nein gesagt, weil die Gewerkschaft sonst gleich Zulagen verlangt.

"Bedenklich wäre Aktiengesetz-Novelle"
FORMAT: Haben Sie das Gefühl, dass sich unter den jetzigen politischen Rahmenbedingungen das Unternehmen positiv entwickeln kann?
Wais: Die einzige Möglichkeit, wo ich ernsthaft Bedenken hätte, wäre eine Novelle des Aktiengesetzes. Wo man sagt, ein Unternehmen, wo der Staat x Prozent hat, kann indirekt von der Bundesregierung geführt werden. Da hätte ich Angst. Aber das Aktiengesetz wird nicht geändert werden.
FORMAT: Wird es Ihr Nachfolger jetzt noch schwerer haben?
Wais: Vielleicht werden die Auseinandersetzungen härter. Aber ich glaube nicht, dass es schwieriger wird, die Post nach wirtschaftlichen Kriterien zu führen.
FORMAT: Sollte Ihr Nachfolger ein Österreicher sein?
Wais: Das ist egal. Deutsch sprechend, das würde ich schon empfehlen, dazu Konzern- und Kapitalmarkterfahrung.
FORMAT: Werden Sie Ihre Post-Aktien nun verkaufen?
Wais: Das kommt auf den Kurs an. Einen Vorteil habe ich zu früher: Ich muss es nicht mehr der Finanzmarktaufsicht melden.

Unternehmensgründung und Kreislaufkur
FORMAT: Wie werden Sie künftig Ihre Zeit verbringen? Sie sind ein großer Theaterliebhaber …
Wais: Mit Theater könnte es schon was zu tun haben. Vielleicht in einem Vorstand oder einer Stiftung, die mit Kunst oder Kultur zu tun hat.
FORMAT: Keinen richtigen Job mehr?
Wais: Ich könnte mir vorstellen, ein Unternehmen zu gründen; eine Kapitalmarktagentur, die Firmen in Osteuropa berät.
FORMAT: Und was bringt die nähere Zukunft?
Wais: Eine Kreislaufkur. Ich muss um sechs Uhr aufstehen, dann wird Blut abgenommen, dann Fahrrad-Ergometrie, dann Krafttraining, dann Gefäßgymnastik, dann Massage, dann das karge Mittagessen. Am Nachmittag geht es zwei Stunden wandern und zur Aquagymnastik. Am Tag bekommt man nur tausend Kalorien.

Interview: Miriam Koch, Andreas Lampl

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