Kann die Kirche Pleite gehen? Wie Gottes Diener ihre Wirtschaftsmacht wahren wollen

Die Zahl der Katholiken sinkt stetig – nicht nur durch Kirchenaustritte wegen der Missbrauchsfälle. Die finanzielle Situation ist zwar nicht existenzbedrohend, aber die Kirche muss eisern sparen, um nicht mittelfristig zum echten Sanierungsfall zu werden.

Langweilig wird den Mitarbeitern in den Ombudsstellen für sexuellen Missbrauch in den Erzdiözesen dieser Tage nicht. Die Telefone laufen heiß: Viele sind verunsichert, haben das Vertrauen in katholische Einrichtungen verloren und sind wegen ihrer Kinder besorgt. Innerhalb der vergangenen drei Monate gab es in den neun Erzdiözesen 566 konkrete Meldungen von Missbrauch. Die Hälfte davon muss zwar noch recherchiert werden. Doch es ist klar, dass sich die Kirche noch lange mit den Folgen des Skandals auseinandersetzen muss. Einigen Betroffenen wird es nicht reichen, dass die Täter ihre Taten eingestehen. Sie verlangen auch Geld für Therapiekosten und Schadenersatz.

Austrittsrekord
Geld, von dem die katholischen Einrichtungen immer weniger zur Verfügung haben. Die Zahl der zahlenden Schäfchen geht zurück. Durch die Skandale wird es heuer zu einem historischen Rekord bei Kirchenaustritten kommen: Bis zu 70.000 Abtrünnige werden erwartet. Außerdem schrumpft die katholische Gemeinde durch ihre Überalterung sowieso. Und immer mehr Kinder werden nicht getauft. Eine gefährliche Entwicklung: Denn das finanzielle Fundament der Kirche sind die Kirchenbeiträge. Sie steuerten 2008 rund 80 Prozent zu den 482 Millionen Euro Einnahmen der Diözesen bei. Durch höhere Durchschnittsbeiträge kann die Summe trotz weniger Einzahlern zwar noch stabil gehalten werden – und sinkt nur inflationsbereinigt. Aber mittelfristig wird sich dieses Bild dramatisch ändern. Schon für in fünf Jahren kalkulieren kirchliche Finanzexperten erstmals auch mit einem absoluten Rückgang. „Wir rechnen damit, dass bis zu zehn Prozent weniger Einnahmen in den nächsten zehn Jahren nicht unrealistisch sind“, meint Josef Weiss, Leiter des Kirchenbeitragsdienstes der Erzdiözese Wien.

Alarmglocken läuten
Kann die katholische Kirche auch pleitegehen, wenn ihr noch mehr Gegenwind entgegenbläst? Das wohl nicht. Die Jünger Petri sind noch nicht arm. Die Kirche ist der drittgrößte Grundbesitzer Österreichs, verfügt über 800 Millionen Euro Einlagen bei Banken. Die sogenannten Mensalgüter, die den Bischöfen gehören, belaufen sich auf rund 350 Millionen. Aber die Kirche könnte zum Sanierungsfall werden, wenn die laufenden Einnahmen kontinuierlich sinken. Es läuten daher die Alarmglocken. Weil die Diener Gottes hohe Fixkosten haben, wie etwa die Erhaltung der rund 12.000 kulturhistorischen Gebäude, muss die Kirche einen strikten Sparkurs fahren. In den kommenden Jahren müssen Pfarren zusammengelegt, Immobilien für andere Nutzungen umgebaut und neue Einnahmenfelder gesucht werden. „Die Rückgänge im Kirchenbeitag können auf die Dauer nur durch Einsparungen im Personalbereich und durch die Reduzierung der Aufgaben abgefedert werden“, bestätigt auch Weiss. Auch der Zwang, irgendwann Familiensilber verkaufen zu müssen, droht – obwohl die Verantwortlichen das unter allen Umständen vermeiden wollen.

Schmerzensgelder denkbar
Mögliche Schadenersatzansprüche bei angezeigten sexuellen Missbrauchsfällen sind bei der kircheninternen Finanzplanung noch gar nicht eingerechnet. Viele Fälle liegen zwar lange zurück, und Strafprozesse sind wegen der Verjährungsfristen aussichtslos. Aber: Zivilklagen gegen die Institutionen der Kirche könnten Erfolg haben. Bei schweren Missbrauchsfällen außerhalb der Kirche wurden Opfern schon über 50.000 Euro Schmerzensgeld zugesprochen. Zahlen müssen zwar eigentlich die Täter, für Verstorbene oder Mittellose will die Kirche aber einspringen. „Es ist noch viel zu früh, um mögliche Kosten abzuschätzen. Denkbar wäre, dass die Diözesen einen gemeinsamen Fonds einrichten“, sagt Reinhold Prinz, Direktor der Diözesanfinanzkammer Linz. Leicht abschätzen lässt sich bereits, dass das Rekordjahr 2009 mit seinen 53.216 Kirchenaustritten heuer locker übertroffen wird. Im letzten Frühjahr waren der den Holocaust leugnende Bischof Richard Williamson und der erzkonservative Bischofskandidat Gerhard Maria Wagner in Oberösterreich die Ursachen. Die Missbrauchsfälle wirken aber noch stärker.

Einnahmenschwund
Dabei schrumpft die Kirchengemeinde sowieso seit Jahrzehnten: Waren 1951 noch 89 Prozent aller Österreicher katholisch, sind es heute nur noch 66 Prozent. Selbst wenn sich die Austritte auf 34.000 pro Jahr einpendeln, werden laut Institut für Demografie 2051 weniger als 45 Prozent der Österreicher getauft sein (siehe Die Kirche in Zahlen ) . Bislang konnten saftige Erhöhungen der Kirchenbeiträge und hohe Gehaltsabschlüsse das Schlimmste verhindern. Auch 2010 dürften die Einkünfte noch stabil bleiben. Sehr viel länger aber nicht mehr. Bei nur zehn Prozent Zahlenden weniger gehen 35 bis 40 Millionen Euro verloren. Andere Einnahmequellen, etwa Vermietungen, Finanzerträge und Spenden (zuletzt in Summe 52 Millionen Euro), sowie Entschädigungszahlungen für Enteignungen in der NS-Zeit (40 Millionen Euro) werden aber nicht höher: „In vielen Diözesen lassen sich etwa Erträge aus Immobilien gar nicht mehr steigern“, meint Herbert Beiglböck, Direktor der Finanzkammer in der Diözese Graz-Seckau. Indirekt lässt sich der Staat übrigens die Finanzierung der größten Religionsgemeinschaft zusätzliche 120 Millionen Euro kosten. Diese Summe entgeht ihm durch die ab heuer erhöhte Absetzbarkeit der Kirchenbeiträge an Lohnsteuer.

Prunk und Protz?
Für viele klingen die Finanzsorgen der Bischöfe und Pfarrer beim Anblick der goldverzierten Prunkbauten wie Hohn. Unbestritten, die Kirche ist kein Armenhaus: In der Wiener City gehören ihr mindestens zehn Prozent aller Immobilien. Bei der Kirchenbank Schelhammer & Schattera sind 800 Millionen Euro kirchliches Vermögen veranlagt, und die Klöster, wirtschaftlich separate Einheiten (siehe Artikel ) , verfügen über enorme Besitztümer. Das Stift Admont etwa zählt mit 25.500 Hektar Grund zu den größten Grundbesitzern des Landes. Diesen Einnahmen stehen allerdings enorme laufende Kosten gegenüber, vor allem in den Pfarren. Um das „Kerngeschäft Seelsorge“ ausüben zu können, hat die Kirche 60.000 Mitarbeiter. Zum Vergleich: Beim Handelsriesen Spar arbeiten in Österreich „nur“ 35.000 Menschen. Für die Kirche ergeben sich daraus rund 280 Millionen Euro Personalkosten pro Jahr. Obwohl Pfarrer mit einem Bruttogehalt von höchstens 1.790 Euro sogar sehr bescheiden verdienen. Dazu kommen rund 150 Millionen Euro Erhaltungskosten für die Kirchen.

Krisenszenarien und Optimierungspläne
Weniger Einnahmen bei gleich bleibenden oder steigenden Kosten bedeutet, dass man sparen muss. Wie in Unternehmen. In den Schubladen der diözesanen Finanzkämmerer liegen daher schon Krisenszenarien und Optimierungspläne:

Pfarren zusammenlegen  In vielen Gemeinden ist die kirchliche Infrastruktur mittlerweile überdimensioniert. In Leoben etwa baute die Kirche in den 70er-Jahren ihr Angebot für zirka 75.000 Menschen aus. Die steirische Stadt hat daher sechs Pfarren und ein Pastoralzentrum. Heute leben dort allerdings nur mehr 14.000 Katholiken. „In dieser Form werden wir die Infrastruktur nicht halten können“, meint Beiglböck von der Diözese Graz-Seckau, „künftig geht der Trend zu weniger, größeren Seelsorgeeinheiten.“

Immobilienportfolio optimieren
Eine zusätzliche Einkommensquelle liegt in der besseren Bewirtschaftung des Immobilienportfolios. Die Diözese Linz etwa ist derzeit dabei, ihre Liegenschaften zu kategorisieren und zu evaluieren. Das Ziel: später einzelne Objekte zu verkaufen oder weiterzuentwickeln. Ein Positiv-Beispiel: In Wien baute die Erzdiözese Dachgeschoße in prominenter Innenstadtlage rund um den Stephansplatz aus. Die Flächen werden jetzt um mehr als 20 Euro pro Quadratmeter im Monat an Unternehmen für Büros vermietet. Und die Pfarren auf dem Land überlegen sich ebenfalls zunehmend andere Nutzungen für ihre Pfarrhöfe. In der Steiermark wurden bereits drei Pfarrhöfe in Kooperation mit Gemeinden und Hilfsorganisationen zu Projekten für betreutes Wohnen umgebaut.

Personalkosten sparen
In der Erzdiözese Wien nennt man den Optimierungsprozess „Kirche für Zukunft“: Seit mehr als fünf Jahren werden in allen Bereichen die Aufgaben durchforstet und Ziele neu vereinbart. Das betrifft auch das Personal. Kündigen will man zwar nicht, aber natürliche Abgänge werden nicht mehr neu besetzt. Erste Erfolge haben sich eingestellt: Die Anzahl der Vollzeit-Angestellten unter den Laien ging innerhalb von zehn Jahren von 803 auf 705 zurück. Und auch die Zahl der aktiven Priester schrumpfte von 788 im Jahr 1999 auf derzeit 731. In Vorarlberg spart man auf andere Weise: Die Diözese bemüht sich, mehr Gläubige zur ehrenamtlichen – also unbezahlten – Arbeit zu animieren.

Kirchen-Neubauten auf der Wartebank
Einige Diözesen verschieben derzeit geplante Bauvorhaben auf unbestimmte Zeit. Zum Beispiel müssen die Katholiken in Wien-Donaustadt noch länger auf den geplanten Bau einer Kirche auf dem früheren Flugfeld Aspern warten.

Notwendige Renovierungen wurden verschoben
Hohe Baukosten sind im Moment zu belastend für die angespannten Budgets. Deshalb muss beispielsweise die Erneuerung des vor sich hin bröckelnden Backstein-Baus der Kirche „Maria vom Siege“ in Wien-Fünfhaus warten. Schließlich würden sich die Kosten für die Renovierung der Außenfassade auf rund zehn Millionen Euro belaufen.

Beim Veranstaltungsangebot sparen
Neben seelsorgerischen und sozialen Engagements betrieb die Kirche bislang auch Erwachsenenbildung: von der Lebenshilfe für Alleinerzieherinnen bis hin zu Rhetorik-Kursen. Aber auch in diesem Bereich wird der Rotstift angesetzt. Ein Bildungshaus der Erzdiözese Wien in Neuwaldegg wurde bereits vor einigen Jahren stillgelegt. Jenes in Wiener Neustadt wird folgen. Die Zimmervermietung und der Küchenbetrieb wurden bereits eingestellt, nur ein kleiner Teil der Seminare übersiedelt in die Pfarre. „Leider müssen wir bei jedem Projekt den Cent zweimal umdrehen“, bestätigt auch Reinhold Prinz aus Linz.

Neue Einnahmen generieren  
Mit dem Sparzwang werden die Gotteshäuser auch kreativ: Ähnlich wie beim Wiener Stephansdom, dessen Fassade Werbeplakate von der Wiener Städtischen und der Erste Bank zierten, will die Vorarlberger Diözese nun bei kleinen Kirchenrenovierungen künftig Werbeplakate anbringen.

Was der Kirche allerdings trotz des hohen finanziellen Drucks entgegenkommt, ist ihre traditionell konservative Wirtschaftsstrategie: Verkaufen die Diener Gottes Immobilien, werden woanders Liegenschaften zugekauft. Der Bestand soll langfristig nämlich stabil bleiben. Auch bei Geldveranlagungen herrschen im Prinzip strenge Regeln: Keine Investments bei aggressiven und risikoreichen Hedgefonds, sondern eher in sichere Produkte wie Anleihen. Die Diözese Graz etwa schaffte es dadurch, dass ihre Veranlagungen von rund 60 Millionen Euro heute mehr wert sind als zu Beginn der Wirtschaftskrise Ende 2007. „Die Kirche wird anders werden. Pleite gehen wir sicher nicht“, resümiert Andreas Weber, der Direktor der Finanzkammer der Diözese Feldkirch.

Madner Madner, Barbara Nothegger

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