Just eat it: Lebensmittel aus der Mülltonne

Ein Drittel aller Lebensmittel wandert in den Abfalleimer – eine ökologische und ökonomische Katastrophe. Mülltaucher setzen dagegen ein Zeichen. Sie ernähren sich direkt aus dem Mist.

Samstagabend, es dämmert bereits. Max Faber und Lukas Köben (Namen von der Redaktion geändert) treffen letzte Vorbereitungen. Sie setzen Stirnlampen auf und streifen dünne Gummihandschuhe über. Dunkles Gewand und Kapuzenpullis sollen verhindern, dass jemand die beiden Mittzwanziger erkennt. Jeder schultert einen großen Rucksack. Als das Sonnenlicht ganz vom Firmament verschwindet, geht es los. Jagdzeit.

Das Ziel der beiden ist der Parkplatz eines großen Supermarkts, eines von zehn in einer Kleinstadt des Wiener Speckgürtels. Hier stehen die Biotonnen unbeaufsichtigt, hier wartet die Beute der beiden. Faber und Köben holen sich, was unsereins zurücklässt: Lebensmittel. Die beiden Studenten gehören zur wachsenden Gruppe der Mülltaucher: Menschen, die gegen die Konsumgesellschaft protestieren, indem sie in Mistkübeln nach Essbarem suchen. „Wozu kaufen?“, fragt Faber, „wenn man damit den ganzen Wegwerfwahnsinn auch noch unterstützt?“ Bananen mit braunen Stellen, Salatköpfe mit welken Blättern, Joghurts, die in wenigen Tagen ablaufen – Genießbares, das die Handelsketten aus ästhetischen Gründen entsorgen –, das holen sich Anti-Konsumenten wie Faber und Köben.

Tatort Parkplatz

Der Supermarkt ist per Fahrrad in nur wenigen Minuten erreicht. Hier lagert der Abfall nicht wie sonst oft in mannshohen Mistbehältern, weswegen der aus den USA kommende Trend auch „Containern“ genannt wird, sondern bequem in Standard-Biotonnen. Denn Faber und Köben geht es vor allem um Frischobst und -gemüse, Gesundes, das leicht zu säubern ist. Die meisten Tonnen sind prall gefüllt. In der Luft hängt der süß-saure Geruch von Verrottetem, während behände Bananen, Tomaten, Erdäpfel, Trauben und Paprika aus den Kübeln in Plastiksäcken verschwinden.

Ekel? Fehlanzeige. „Der Müll liegt hier in Schichten aufeinander“, fachsimpelt Köben, „Maden unten, Frischware oben.“

Binnen Minuten sind die Rucksäcke gefüllt, die beiden schwingen sich auf ihre Drahtesel und radeln zufrieden heimwärts. Wieder haben sie dem Konsum ein Schnippchen geschlagen, haben kiloweise Essbares vor dem Untergang gerettet – und müssen nun eine ganze Woche nicht mehr einkaufen gehen. Denn ihre Beute kann sich sehen lassen: zwei Kilo Fairtrade-Bananen, ebenso viele Tomaten und Trauben, drei Kilo Erdäpfel, ein Salatkopf und eine Paprikaschote, alles gänzlich unbeschädigt. Nach dem ausführlichen Waschen glänzt die Frischware wie auf dem Gemüseregal im Supermarkt. Gute 20 Euro ist der Fund wert. „Vom Mist eines mittleren Supermarkts könnten locker mehrere Familien satt werden“, sagt Faber.

Verschwendung im Übermaß

Felicitas Schneider von der Wiener Universität für Bodenkultur (Boku) macht im Prinzip dasselbe wie die beiden Konsumkritiker. Mit dem Unterschied, dass die Abfallexpertin mit dem freundlichen runden Gesicht dafür auch noch bezahlt wird. Schneider und ihre Kollegen lassen sich tonnenweise Restmüll liefern, sortieren ihn und analysieren damit, was die Österreicher noch essen könnten, aber lieber in die Tonne werfen. Und das ist eine Menge.

„Die Restmüllmengen variieren stark“, erklärt Schneider, während in Tirol nur 110 Kilo pro Einwohner und Jahr in den Mist wandern, sind es in Wien dreimal so viel. Nach dam aktuellen Abfallbericht fällt pro Österreicher 175 Kilo Restmüll jährlich an. Sechs bis zwölf Prozent davon sind Lebensmittel, die noch essbar wären, Speisereste ausgenommen. Schneider: „Pro Kilo Lebensmittel setzen wir einen Durchschnittspreis von 3,30 Euro an.“ Im Schnitt haut damit jeder Tiroler 33 Euro in den Mist, jeder Wiener 100 Euro.

Das mag noch nach relativ wenig klingen, allerdings wandern Lebensmittel ja eher in die Biotonne – oder als Speisereste in die Toilette. Letzteres ist schwer zu analysieren, die Biotonnen aber hat sich der Badener Abfallberater Manfred Kowatschek angesehen. „Wir haben wirklich sehr viel gefunden“, kommentiert Kowatschek. Rechnet man das niederösterreichische Bioabfall-Projekt auf ganz Österreich hoch, produziert jeder Österreicher 70 Kilo Biomüll, fast ein Fünftel besteht aus genießbaren Lebensmitteln. Rest- und Biomüll gemeinsam betrachtet, würde damit jeder Österreicher im Schnitt 30 Kilo Genießbares wegwerfen. 240.000 Tonnen Lebensmittel wandern so Jahr für Jahr in den Abfall, gepackt in Lkws würde die Schlange von Wien bis Budapest reichen. Und da sind Speisereste nicht einmal mitgerechnet. Eine Verschwendung monströsen Ausmaßes.

Wegwerf-Welt

Im Weltmaßstab schaut es nicht besser aus. In Summe, so rechnet die Welternährungsorganisation FAO in einer aktuellen Studie vor, landet ein Drittel aller Lebensmittel im Abfall, gigantische 1,3 Milliarden Tonnen jedes Jahr. Was in Zeiten beharrlich steigender Lebensmittelpreise und daraus resultierender Hungerrevolten schon ökonomisch der totale Wahnsinn ist, belastet auch die Umwelt im Großmaßstab. Riesige Mengen Pestizide, Wasser, Energie und Dünger verschlingt die Landwirtschaft, ein Drittel aller weltweit emittierten Treibhausgase fallen dabei an. „Mehr als zehn Prozent der Klimagase entstehen nur durch Lebensmittelmüll“, zitiert der „stern“ den deutschen Regisseur Valentin Thurn, der gerade einen Film zum Thema gedreht hat. „Das ist so viel, wie alle Schiffe, Flugzeuge und Autos auf der ganzen Welt ausstoßen“, so Thurn weiter.

Auch der Wasserverbrauch des Lebensmittelmülls ist enorm, hat das Stockholm International Water Institute (SIWI) berechnet. Alleine die in den USA für den Müll produzierten Lebensmittel verbrauchen 40.000 Milliarden Liter Wasser im Jahr – laut SIWI genug für eine halbe Milliarde Menschen.

Was den Lebensmittelmüll angeht, ist der Konsument nur das letzte Glied in einer Kette von Verschwendern. Hersteller und Händler verschleudern wesentlich mehr. Nicht umsonst durchwühlen Faber und Köben, die beiden Mülltaucher, auch keine Tonnen von Privatpersonen, sondern nur solche von Supermärkten. Sie wollen ein Fanal gegen die Ressourcenvergeudung setzen. Was umso glaubwürdiger ist, weil sie aus demselben Grund Vegetarier sind. „Ich mag Fleisch“, sagt Köben, „aber es verbraucht zehnmal mehr Ressourcen als Obst und Gemüse. Deswegen habe ich aufgehört damit.“ Wirklich harte Kritik an den Handelsketten hört man von ihnen aber vergeblich. „Die müssten ihr Sortiment ausdünnen, um weniger wegzuschmeißen. Aber für das große Angebot sind wir als Kunden schließlich mitverantwortlich“, so Faber.

Eine Meinung, der sich Tanja Dietrich-Hübner gerne anschließt. Sie verantwortet den Bereich Nachhaltigkeit beim Einzelhändler Rewe. „Die Entscheidung zwischen Abfallvermeidung und Kundenwunsch ist eine Gratwanderung“, illustriert Dietrich-Hübner. Daten darüber, wie viel bei Rewe in der Tonne landet, sammelt sie nicht. Was nicht mehr den Gütekriterien von Rewe entspricht, ob leicht lädiertes Obst oder Milchprodukte, deren Mindesthaltbarkeitsdatum bald abläuft, wird zu reduzierten Preisen angeboten. Was dann noch übrig bleibt, geht an Sozialprojekte oder landet im Mist. „Jedes weggeworfene Produkt ist ein wirtschaftlicher Schaden für uns“, beteuert die Nachhaltigkeitsmanagerin.

Beim Konkurrenten Spar will man ebenfalls nicht wissen, wie viel im Abfall landet, auch dort werden Produkte zunächst verbilligt, dann verschenkt oder weggeschmissen. Frischware wird täglich angeliefert, punktgenaue Bestellungen sollen die Abfallmenge eindämmen.

Zu solch nachfrageorientierten Lösungen gehören auch die Brotbackautomaten: Aufgebacken wird nur, wenn vorher vermehrt Brot verkauft wurde. Backwaren gehören zu den Lebensmitteln, die wegen ihrer kurzen Haltbarkeitsdauer am häufigsten weggeworfen werden. Jedes fünfte Kilo Gebäck findet nicht einmal den Weg zum Kunden. Von dem, was Wien wegwirft, könnte Graz leben.

Am Bäckereibusiness lässt sich trefflich nachzeichnen, wie verschwenderisch unser Lebensstil geworden ist. „Als wir 1970 begonnen haben“, erinnert sich Robert Ströck, Chef der gleichnamigen Bäckereikette, „gab es außer Roggen- und Weizenmischbrot maximal acht weitere Brotsorten. Heute sind es 40.“ Bieten sie weniger an, glauben viele Bäcker, verlieren sie ihre Kunden an die Konkurrenz. Ströcks Wettbewerber Felber hat sich etwas Besonderes einfallen lassen, um die Abfallmengen zu reduzieren: die Brotbörse. Je später am Tag der Kunde zugreift, desto billiger die Backware. Kommen dann nicht alle Kunden erst kurz vor Ladenschluss? „Ja“, sagt Felber-Chefin Doris Felber, „das stimmt leider.“ Wie bei Ströck wandert Altbrot in die Tierfutterverwertung, Überschussware geht an Sozialprojekte.

Abgabe statt Abfall

Einer, der solch überschüssige Lebensmittel gerne annimmt, ist Martin Haiderer, Obmann der Wiener Tafel. Bis zu drei Tonnen Lebensmittel holt die Tafel täglich bei Ketten und Konzernen ab und reicht sie an Sozialinstitutionen wie die Caritas weiter. „Das könnte aber wesentlich mehr sein“, sagt Haiderer, „viele wehren sich noch, weil sie glauben, ihr Markenwert sinkt, wenn ihre Produkte an Arme verteilt werden.“

Doch auch auf andere Weise böten sich Herstellern wie Handelsketten Möglichkeiten, weniger Ausschuss zu produzieren. Dazu gehört etwa das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD). Viele Kunden gehen davon aus, nach dessen Ablauf sei die Ware verdorben. Falsch, denn das MHD garantiert eine bestimmte Gütequalität von Lebensmitteln. Mag das Joghurt nach MHD-Ablauf leicht ausflocken, einmal durchgerührt, schmeckt es noch tagelang. Neben dem MHD sollte deshalb noch ein Verfallsdatum eingeführt werden, ab dem die Ware nicht mehr genießbar ist. Nach demselben Prinzip funktioniert auch eine vom Münchner Fraunhofer-Institut neu entwickelte Indikatorfolie. Sie wechselt dann die Farbe, wenn die von ihr umhüllte Frischware nicht mehr genießbar ist.

Außerdem könnten die Einzelhändler ihr starres System von Handelsklassen flexibler gestalten. Um beim Einkauf nicht den Überblick zu verlieren, kaufen sie nur Ware nach einer Reihe fix definierter Kriterien. Ein großer Teil der Ware kommt Robert Ströck Chef der Bäckerei Ströck damit gar nicht erst ins Geschäft, weil er nicht in Raster der Konzerne passt. Die Hälfte der Erdäpfel bleibt auf dem Acker liegen, weil sie entweder zu groß oder zu klein sind.

„Wir vereinbaren mit dem Lieferanten eine bestimmte Größe. Alles andere kann er ja an jemand anderen verkaufen“, sagt Nicole Berkmann, Sprecherin von Spar. Doch welche Großabnehmer außer den Ketten gibt es denn? Ebenso gut könnten die Ketten den Landwirten auch die Restware mit einem Preisabschlag abnehmen und einen Teil dieses Preisvorteils an die Kunden weiterreichen – ein Gewinn für alle Seiten.

Anstatt auf das Wohlverhalten der Konzerne zu setzen, sollten Konsumenten selbst aktiv werden. Anstatt an einem Wochenende den ganzen Kühlschrank zu füllen und am nächsten die Hälfte wegzuwerfen, sorgen mehrere kleine Einkäufe pro Woche für die nötige Flexibilität. Auch der Einkauf auf Wochenmärkten oder das Abo einer wöchentlichen Gemüsekiste direkt beim Erzeuger spart Abfall. Denn hier landet oft die Ware, die nicht ins starre Einkaufssystem der Konzerne passt.

Hilfreich sind FoodCoops wie Bioparadeis in Wien-Währing. Als gemeinnützige Vereine organisiert, kaufen sie erst nach Bestellung ihrer Mitglieder beim Biobauern in der Region. Noch weiter geht der Plan des Gänserndorfer Gärtnerhofes Ochsenherz: Kunden sollen sich verpflichten, das ganze Jahr über eine bestimmte Menge Gemüse und Kräuter zu beziehen. Damit produziert der Hof von vornherein nur das, was später verbraucht wird.

Eine Idee ganz im Sinne der Anti-Konsumenten Faber und Köben. Denn manches Mal sei der Genuss nach dem Mülltauchen doch getrübt, sagt Faber und lacht: „Man weiß nie, ob die Erdäpfel, die man rausholt, weich- oder festkochend sind.“

– Arndt Müller

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