Josef Pröll: Bilanz nach seinem Rücktritt vor einem Jahr

Vor einem Jahr trat Josef Pröll als ÖVP-Chef zurück. Im Interview spricht er über sein neues Leben als Wirtschaftsboss und die größten Unterschiede zur Politik.

FORMAT: „Was macht ein Bauer im Finanzministerium“ wurden Sie früher manchmal gefragt. Ist der Chefposten des größten europäischen Mühlenkonzerns die angestammtere Umgebung für einen Bauern?

Josef Pröll: Ich habe Zeit meines Lebens gern Politik gemacht. Jetzt bin mit großer Freude in der Wirtschaft angekommen, noch dazu in einem Sektor wo ich herkomme. Ich bin im Weinviertel in einem Getreidebaugebiet aufgewachsen, habe Landwirtschaft studiert und so schließt sich ein logischer Kreis.

FORMAT: Als Finanzminister begann Ihr Tag oft um 7.30 Uhr und endete nach Mitternacht, dazwischen lagen Dutzende Termine. Wie dicht ist Ihre Agenda jetzt?

Mein Tag beginnt unverändert. Ich bin sehr früh im Büro. Natürlich ist es aber so, dass man gerade an der Spitze eines Unternehmens, wie hier in der Holding, in der Gesamtsteuerung einfach stärker Herr seines eigenen Terminkalenders ist. Das ist etwas, was ich nach neun Jahren in der Politik genieße und als echten Qualitätsgewinn sehe.

FORMAT: Wo liegen die größten Unterschiede Ihres jetzigen Jobs im Vergleich zum alten?

Der größte Unterschied zwischen Politik und Wirtschaft ist folgender: Im Unternehmen kann ich Entscheidungen über Wochen gut vorbereitet herbeiführen, kann in Optionen denken, Prozesse abschließen und Ergebnisse publizieren. Die Politik hat diese geschützten Räume nicht mehr. Dieser ständige öffentliche Druck, den man sich auch selbst macht, in der Politik, in der Koalition, in der Partei, der nagt an der Qualität der Entscheidungsfindung.

FORMAT: Seit neun Monaten sind Sie jetzt Vorstandschef, mussten zwei Kartellverfahren in Deutschland und Frankreich abwickeln. Waren das die größten Herausforderungen?

Es gab mehrere Herausforderungen, vor denen die LLI stand und steht. Einmal das Kartellverfahren gegen die VK Mühlen in Deutschland und Frankreich. Die dortigen Vorstände haben das erfolgreich abgewickelt. Jetzt steht die Frage der Konsolidierung im Raum. Wir wollen erfolgreicher werden als in den vergangenen Jahren. Speziell im Mühlenbereich gibt es Restrukturierungsbedarf und notwendige Kostensenkungsprogramme.

FORMAT: Was ist schwerer zu lesen? Eine Bilanz oder ein Budgetentwurf eines Ministeriums?

Sowohl eine Bilanz als auch ein Budgetentwurf sollen die wahre ökonomische Situation abbilden. Man muss sie beide verstehen und herauslesen können, wie Entwicklungen und Perspektiven zu gestalten sind.

FORMAT: Nutzen Sie heute die alten politischen Kontakte für berufliche Zwecke?

Ich bin durch meinen Ausstieg und Umstieg von der Politik in die Wirtschaft nicht in ein Loch gefallen, sondern nutze meine Netzwerke auch weiterhin. Es sind viele Freundschaften in der Politik entstanden, auch abseits der parteipolitischen Grenzen und in der Wirtschaft. Die nutze ich, wenn es notwendig ist.

FORMAT: Als Politiker hatten Sie kaum Privatleben. Wie viel Familienvater steckt im Vorstandschef Josef Pröll?

In der Politik hat man auch am Wochenende zu tun, etwa mit der Wahlkreisbetreuung. Man ist ständig unterwegs. Jetzt habe ich mehr Zeit für Familie und Freundeskreis. Ich sage immer: Man kann Spitzenpolitik nicht wirklich durch Außenbeobachtung erfassen. Man kann das Maß an mentaler, physischer und zeitraubender Intensität nicht beschreiben.

FORMAT: Man kann nicht abschalten?

Neben dem tatsächlichen Terminstress und der ununterbrochenen Informationspräsenz ist es wirklich wahnsinnig schwierig, den Kopf frei zubekommen.

FORMAT: Warum sollte dann überhaupt noch jemand in die Politik gehen?

Im Nachhinein sieht man die Dinge vielleicht schon verklärt, aber ich möchte keinen Tag meiner neun Jahre in der Politik missen. Ich kann nur jedem Manager raten, einen Teil seines Lebens für politische Verantwortung mit allen Risiken und Vorteilen zur Verfügung zu stellen. Das hängt aber auch von der Durchlässigkeit zwischen Politik und Wirtschaft ab. Wenn das politische Leben wie derzeit derart unter Druck gerät, dann wird die Durchlässigkeit nicht besser. Dann habe ich große Sorge, dass wir nicht die Besten für das Land bekommen. Dann wird die Demokratie von verbeamteten Sicherheitstypen bestimmt, die Politik nicht in dem Maße machen, wie das notwendig wäre. Deshalb plädiere ich massiv dafür, Politik als besonders wertvolles Gut zu definieren. Auch zu akzeptieren, dass es dort Menschen mit Fehlern und Vor- und Nachteilen gibt.

FORMAT: Ihr Wunsch, der Politik zukünftig wieder mehr Respekt und Anerkennung entgegenzubringen, ist nicht in Erfüllung gegangen. Warum?

Ich beobachte natürlich die Debatte der vergangenen Wochen und Monate intensiv. Es ist eine Debatte, die etwas vermischt, was nicht zu vermischen ist. Ein Punkt betrifft Sponsoring in der Kultur, im Sport und auch in der Politik mit Gegenleistungen. Zweitens geht es um reguläre Parteienfinanzierung. Der dritte Bereich ist die persönliche Bereicherung. Im Moment werden diese drei Dinge unzulässigerweise in einen gemeinsamen Topf geworfen. Man muss den Menschen auch die Unterschiede kommunizieren. Dass es Verfehlungen gab ist offensichtlich. Die sind auch zu ahnden. Aber alle in einen Topf zu werfen halte ich für grob fahrlässig.

FORMAT: Liegt die Vermischung nicht auch an der laxen Gesetzgebung im Korruptionsbereich?

Man muss sich sicher überlegen, wie man mit der Frage „Transparenz“ in Zukunft umgeht. Das wird ja auch verfolgt. Ich sage aber auch dazu, dass man darüber nachdenken muss, welchen politischen Menschen man künftig haben will. Wenn man Politiker ausschließlich als fehler- und makellose Menschen definiert, dann wird die Politik nicht mehr aus der Mitte des Volkes gestaltet und die Demokratie wird nicht an Qualität gewinnen.

FORMAT: Wie kommt die Politik jetzt aus dem Schlamassel wieder raus?

Das ist ein Prozess , der zwar unangenehm ist und sicher an den Grundfesten unserer Parteienaufstellung rüttelt, aber mit klaren Gesetzen und Vorgaben zu beantworten ist.

FORMAT: Mit einem Verhaltenskodex?

Zum Beispiel.

FORMAT: Das ist aber kein gesetzlicher Rahmen.

Das ist ein Element, das weiterhelfen kann.

FORMAT: Fragt Sie Herr Spindelegger diesbezüglich manchmal um Rat?

(lacht): Ich treffe mich mit meinen Kollegen und Freunden der Partei und darüber hinaus bei dem einen oder anderen Ereignis. Wenn Fragen gestellt werden, bringe ich mich gerne ein. Ich habe in den vergangenen neun Jahren versucht, gute Arbeit zu machen - jetzt sind andere dran.

FORMAT: Auch die Jagd ist unter Beschuss geraten. Wie werden Sie als künftiger Landesjägermeister von Niederösterreich dagegenhalten?

Ich übernehme diese Aufgabe gerne und viele fragen mich, warum jetzt? Meine Antwort: Genau deshalb. Die Menschheit hat schon vor tausenden von Jahren gejagt, da war von Politik und U-Ausschüssen noch gar keine Rede. Die Jagd wird auch künftig ihren Stellenwert in der Gesellschaft haben müssen. Hinter der derzeitigen Kritik stecken ja auch oft andere Gründe. Die Jagd ist gesetzlich geregelt, sie erfüllt ihren Zweck. Und sie war immer auch ein gesellschaftliches Ereignis. Ich trete den Unterstellungen entgegen, dass man sich auf Jagden nur trifft, um konspirative Dinge auszumachen.

FORMAT: Was macht die Jagdleidenschaft aus?

Es geht nicht ums Töten. In erster Linie geht es beim Jagen um die Reviersbetreuung und um die Hege und Pflege. Selbstverständlich geht es aber auch um das Nachstellen und ums Erlegen des Wildes. Jäger, denen es nur ums Töten geht, werden nicht lange Freude an der Jagd haben. Außerdem findet man beim stundenlangen Warten am Hochsitz zu sich selbst.

FORMAT: In diesen Tagen wird ein umfangreiches Spar- und Reformpaket umgesetzt. Trägt es noch die Handschrift Ihrer Reformagenda von 2009?

Zunächst, ich werde die Tages- und Innenpolitik nicht kommentieren. Ich habe selbst auch immer darunter gelitten, dass Stimmen aus der Vergangenheit korrigierend eingreifen wollten. Ich hatte acht Jahre lang die Chance, jetzt sind andere dran. Das Sparpaket wird seinen Beitrag zur Gesundung des Landes beitragen. Dass nicht alles perfekt ist, kann man kritisieren. Aber es ist ein Paket, das Österreich weiterbringen wird.

FORMAT: Die Finanztransaktionssteuer ist dort mit 1,5 Mrd. Euro eingepreist. Glauben Sie, dass sie je kommen wird?

Es lohnt sich dafür zu kämpfen. Die Regierung tut das und das muss man ihr gutschreiben.

FORMAT: Ist Sparen grundsätzlich der richtige Zugang, um Europa aus der Krise zu führen?

Ich glaube, dass auch Europa nach Monaten der schwierigen Verhandlungsführung auf einen richtigen politischen Pfad gekommen ist, mit dem Fiskalpakt sowohl die Eurozone als auch Europa insgesamt zu stabilisieren. Auch hier hat man gelernt und da ist man besser unterwegs als noch vor ein paar Jahren.

FORMAT: „Wahlen gewinnt man im Bierzelt, nicht im Internet“, haben Sie einmal gesagt. Das war vor dem Erfolg der Piratenpartei im Saarland. Ist das der Anfang vom Ende der traditionellen Großparteien?

Jetzt würde ich sagen: Wahlen gewinnt man im Bierzelt und im Internet. Es ist spürbar, dass der Wählerzugang in den klassischen europäischen Großparteien nicht mehr so gegeben ist, wie früher. Und darauf müssen sich die Parteien einstellen. Etwas einfach zu kopieren wird aber nicht funktionieren. Man braucht auch Menschen, die diese Strömungen leben und verinnerlicht haben.

FORMAT: Sehen Sie diese Strömungen bei SPÖ und ÖVP?

Ich glaube, dass es Bemühungen gibt. Die Parteien werden angesichts ihrer Umfrageergebnisse schon wissen, wie sie reagieren.

FORMAT: Ist eine große Koalition das passende Vehikel, um diesen Strömungen Rechnung zu tragen?

Ich habe lernen müssen, dass eine große Koalition Reibungsverluste bringt. Aber gerade in schwierigen Zeiten und Zeiten der Krise braucht es Klarheit durch Mehrheit, um rasch reagieren zu können.

FORMAT: Bremst sich die ÖVP durch die eigenen Bünde und Landesfürsten nicht vornehmlich selbst?

Die ÖVP hat mit dieser Aufstellung große Herausforderungen in der internen Entscheidungsfindung. Auch ich bin oftmals daran gescheitert. Ich sehe aber in diesen Strukturen vor allem in Wahlkampfzeiten, wo es ums Mobilisieren geht, durchaus positives Potenzial. Das muss allerdings abrufbar sein. Wenn sich dann, wenn’s ums Kämpfen geht, jeder vom anderen wegdreht, ist das eine schwierige Entwicklung.

FORMAT: Gehört Erwin Pröll zu den Bremsern?

Erwin Pröll hat immer gewusst, was es für Österreich und Niederösterreich weiterzuentwickeln gibt. Und ich bin felsenfest davon überzeugt, dass die niederösterreichische Bevölkerung das bei den Wahlen im nächsten Frühjahr honorieren wird. Das ändert aber nichts daran, dass wir im einen oder anderen Punkt harte Auseinandersetzungen hatten.

FORMAT: Mit Onkel Erwin kann man diskutieren?

(lacht): Absolut. Es ist eine ganz besondere Erfahrung. Aber man kann durchaus mit ihm diskutieren.

FORMAT: Am 13. April des Vorjahres haben Sie alle politischen Ämter zurückgelegt . Wie haben Sie die darauf folgenden Wochen erlebt?

Aufgrund meiner Lungenembolie war es höchste Zeit, mich zurückzuziehen. Ich habe mir gesagt: Wenn ich als Parteiobmann Zeltfeste und Versammlungen nicht bespielen kann, wenn ich Griechenland und Brüssel nicht mit voller Intensität behandeln kann, dann muss ich es lassen.

FORMAT: Wie war das, plötzlich Zeit zu haben?

Super. Ich habe wieder Freunde getroffen und habe Netzwerke gepflegt, für die ich in der Politik nicht so viel Zeitgehabt habe. Eigentlich habe ich genau das getan, was immer mehr Menschen in ihrem beruflichen Leben erfahren: einen beruflichen Umstieg mit Pause dazwischen, ein Sabbatical. Ich habe einen Job verlassen, einen anderen begonnen und dazwischen ein paar Monate Auszeit genossen.

FORMAT: Ihr Lungeninfarkt war ja kein Alarmsignal mehr, da ging’s um Leben und Tod. Haben Sie die Alarmsignale davor ignoriert?

Natürlich merkt man, dass man im Hamsterrad der Politik Reibungsverluste für sich selbst verbuchen muss. Jetzt erst stelle ich mir häufiger die Frage, wie lange man in der Spitzenpolitik bei diesem Tempo überhaupt innovationsfähig bleiben kann. Deshalb war der Lungeninfarkt ein klares Signal, um Entscheidungen herbeizuführen.

FORMAT: Wie lange ist man innovationsfähig?

Das hängt von der Persönlichkeit ab. Ich habe immer versucht dranzubleiben und aufzuzeigen - auch mit meiner programmatischen Reformrede für Österreich. Einiges ist nicht umgesetzt worden, manches schon. Aber ich glaube, dass man sich die Frage der eigenen Innovationsfähigkeit im politischen Leben ständig stellen muss.

FORMAT: Achten Sie mehr auf Ihre Gesundheit?

Ich lebe bewusster, das ist überhaupt keine Frage. Ich lebe ein anderes Leben, bin sportlicher und habe dafür auch mehr Zeit, als das im politischen Alltag möglich war.

FORMAT: Welchen Sport betreiben Sie?

Ich gehe ins Fitnesscenter und fahre gerne Rad.

FORMAT: In Radlbrunn?

Nein, ich bin oft auf der Donauinsel Richtung Tulln unterwegs und genieße es, dort Tempo zu machen.

FORMAT: Werden Sie jemals in die Politik zurückkehren?

Ich habe die Tür zur Politik zugemacht und mich neuen Aufgaben zugewandt. Ich habe nicht vor, die Tür zur Politik wieder zu öffnen!.

Interview: Stefan Knoll

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