Jörn Klare, Autor von "Was bin ich wert?" im FORMAT-Interview

Der deutsche Journalist Jörn Klare hatte zum Thema Menschenhandel recherchiert und wollte wissen, was er selbst eigentlich „wert“ sei. In seinem Buch „Was bin ich wert?“ versucht er – durchaus ironisch – dieser Zahl auf die Spur zu kommen. Er befragt dazu seine Mutter ebenso wie Philosophen, Anatomen und Ökonomen.

Format: In Ihrem Buch “Was bin ich wert?“ sind Sie der Frage nach ihrem monetären Wert nachgegangen. Sind Sie zu einem Ergebnis gekommen?

Klare: Mich hat erschrocken, wie viele Ergebnisse es tatsächlich auf diese Frage gibt, die auf wissenschaftlicher Analyse beruhen und zu politischen Entscheidungen herangezogen werden können. Solche Zahlen habe ich addiert und den Durchschnittswert genommen – das hat eine gewisse Beliebigkeit, aber die haben einige der Berechnungsmethoden auch.

Format: Demnach sind sie rund 1,2 Millionen Euro wert – zufrieden?

Klare: Ich selbst dachte anfangs, eine Million, das wäre irgendwie gut; das ist eine imaginäre Grenze. Aber ich finde diese Zahl natürlich fragwürdig: Ist das viel oder wenig? Wird das weniger, wenn ich älter werde? Hat das vielleicht zur Folge, dass ich mit 85 keine künstliche Hüfte mehr bekomme, wie es ein deutscher CDU-Politiker vorgeschlagen hat?

Format: Wie sind Sie mit dem Thema Menschenwert in Berührung gekommen?

Klare: Ich habe sehr lange zum Thema Menschenhandel recherchiert. In Albanien erzählte mir eine Frau, dass ihre Schwester um 800 Euro an eine italienische Zuhälterin verkauft worden sei. Da fing bei mir die Sensibilisierung für dieses Thema an. Dazu kam auch ein Gespräch, das ich in der Berliner U-Bahn belauscht hatte. Jemand sagte, dass sich ein Mord erst ab einer Summe von 100.000 Euro auszahlen würde. Ich war erschrocken, wie sehr in diesen Dimensionen auch ökonomisch gedacht wird.

Format: Ökonomen beschäftigen sich mit der Berechnung des Wertes von Menschen, weil die eingesetzten finanziellen Ressourcen möglichst vielen Menschen zukommen sollen. Sind Entscheidungen, die auf allgemeinen Zahlen beruhen, nicht verlässlicher als Einzelentscheidungen?

Klare: Ja und nein. Zahlen und Formeln sind immer klasse, wirken objektiv. Sie machen Menschen aber auch anonym und austauschbar. Man könnte anhand von Menschenwertsberechnungen zum Beispiel entscheiden, dass vor Elite-Unis Ampeln aufgestellt werden, vor Altersheimen aber nicht. Das Problem liegt aber an den Annahmen, die zu den Zahlen führen. Im privaten Bereich kann man sich vielleicht manchmal fragen, was die Bekanntschaft mit einem Menschen bringen kann. Ein Staat sollte sich das in Bezug auf den einzelnen aber nicht. Denn wenn man dieser Logik folgt, kommt man ganz schnell in Teufels Küche.

Format: Weil dann die Frage nach dem, was sich „lohnt“, überhand gewinnt?

Klare: Ja! Die Menschenwertberechnung hat auch eine starke historische Dimension. Sie begann mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert und hatte eigentlich einen positiven Ausgangspunkt, weil sie die Arbeits- und Lebensbedingungen für viele Menschen verbessern wollte. Es „lohnte“ sich plötzlich, Klärwerke und Abwasserleitungen zu bauen. Dann wurde das Modell jedoch immer weiter getrieben und schon im ersten Weltkrieg hat man in Deutschland 70.000 behinderte Menschen in ihren Heimen verhungern lassen, weil sie es nicht „wert“ waren, ausreichend ernährt zu werden. Heute laufen viele Verteilungsdiskussionen ab, vor allem im Bereich Gesundheit. Die Frage lautet, ab welchem Zeitpunkt es sich nicht mehr lohnt, eine medizinische Leistung zu erbringen. Da wird dann auch mal über Sterbehilfe nachgedacht.

Format: Ist das der Punkt, an dem unsere Gesellschaft heute schon steht?

Klare: Wir stehen an einem sehr interessanten Punkt. Es wird mit Durchschnittswerten gerechnet, es werden also alle Menschen gleich behandelt – noch. Wenn man aber der Kosten-Nutzen-Logik konsequent folgt, wird man irgendwann den Wert für den einzelnen ausrechnen und im Einzelfall entscheiden, ob sich zum Beispiel eine medizinische Operation ökonomisch lohnt. Bei solchen Kalkulationen sind alte oder behinderte Menschen grundsätzlich benachteiligt. Wenn es also anfängt, darum zu gehen, dass der "Volkskörper" gesund ist, dann wird damit dem Grundsatz von Solidarität widersprochen. Das wäre ein Endpunkt.

Format: Was wäre die Lösung?

Klare: Natürlich muss der Staat sparen und die scheinbare Klarheit von ökonomischen Berechnungen ist verführerisch. Die Politik hat jedoch vor allem für eine gerechte Verteilung von Leistungen zu sorgen und sich den schmerzhaften Diskussionen zu stellen. Grenzen, also Einschränkungen sollen als Gesellschaft gezogen werden, also dort, wo sie potenziell alle betreffen können. Zum Beispiel bei teuren Therapien gegen Krebs im Endstadium.

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