Jahr der Weichenstellungen im 'Osten'

Das Jahr 2012 wird in Osteuropa zur Nagelprobe für Wachstum, Beschäftigung und nachhaltige Entwicklung. Die Fußball-EM öffnet viele Chancen, durch die Finanzkrise droht allerdings Abseits-Gefahr.

Es könnte der Motor der wirtschaftlichen Entwicklung in der Ukraine sein – der Großevent der Fußball-Europameisterschaft. Während im polnischen Business schon längst ein Tor nach dem anderen geschossen wird, liegt die Ukraine nach zermürbenden innenpolitischen Streitigkeiten noch immer im Dornröschenschlaf. Vor allem Regionen außerhalb der Schwerindustrie-Regionen im Donbass und dem pulsierenden Kiew warten auf Infrastruktur, effiziente Verwaltung und Investoren.

Auch wenn Österreich beim sportlichen Highlight des kommenden Jahres nicht dabei ist – zwischen Lemberg und der Krim sind österreichische Unternehmen im europäischen Vergleich gut vertreten. Von Raiffeisen bis zu Billa-Filialen, von der Leasingtochter der Porsche Holding bis hin zu technischen Zulieferern der Automobilindustrie ist Österreich vor Ort ein wichtiger Spieler.

Und trotz der Euro-Krise könnten weitere Impulse folgen. Denn wenn die Stadien entgegen allen Unkenrufen fertig werden, rückt Osteuropa im Juni ins Zentrum der Weltöffentlichkeit – bereits jetzt dreht CNN eifrig Hintergrundberichte, um auch US-Investoren Polen und die Ukraine schmackhaft zu machen.

Veraltete Klischees

Günter Geyer, der Chef der in Osteuropa stark vertretenen Vienna Insurance Group, ortet in der Wahrnehmung von Unternehmern aus Übersee oder Großbritannien ein enormes Defizit. Geyer: „Viel zu oft wird Osteuropa als Gesamtheit betrachtet und über einen Kamm geschoren. Dabei ist jedes Land extrem unterschiedlich.“

Entsprechend differenziert sind daher auch Chancen und Probleme. Während die baltischen Länder auf Hightech und skandinavische Vorbilder setzen, kämpfen Bulgarien und Rumänien immer noch um den Schengen-Beitritt und die damit verbundenen Erleichterungen für Tourismus, Transport und Handel.

Ungarn hat sich mit seiner Bankensteuer und mit nationalistischen Tönen wenig Freunde auf europäischer Ebene geschaffen, während Kroatien eifrig seine Hausaufgaben macht und 2013 fix das nächste EU-Mitglied wird. Nachbar Serbien muss diesbezüglich noch einige Warterunden drehen.

Wachstumsaussichten

Obwohl zuletzt nach der OECD auch das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) seine Prognosen für Mittel- und Osteuropa zurückgenommen hat, bleibt der Grundtenor positiv. Das WIIW rechnet zwar nicht mit einer Rezession in den nächsten beiden Jahren, aber mit sehr schwachem Wachstum. Trotz diesem Dämpfer werde aber die Wirtschaft in den Reformländern deutlich rascher wachsen als in Westeuropa, den USA und Japan.

Der Turbo liegt nach einer Phase von exportorientiertem Wachstum nun wieder in der Inlandsnachfrage. Behindert wird der Aufschwung allerdings von einer Kreditklemme. Denn die westeuropäischen Banken sind wegen ihres Osteuropa-Engagements vermehrt ins Visier der Ratingagenturen geraten und sind in Finanzierungsfragen daher aktuell sehr zurückhaltend.

Problemfall Arbeitsmarkt

Trotz steigender Beschäftigungszahlen bleibt die Arbeitslosigkeit in den meisten Reformländern in CEE ein Sorgenkind. Sie liegt in der Slowakei bei 13 Prozent und weist ein extrem starkes Ost-West-Gefälle auf. Während im Großraum Bratislava und entlang der Automobilwerke im Nordwesten des Landes nahezu Vollbeschäftigung herrscht, sorgt die Jobmisere im Osten für Unruhe und begünstigt Nationalismen sowie soziale Konflikte.

Tschechien liegt zwar ebenfalls deutlich über dem österreichischen Niveau, die Tendenz zeigt aber in die richtige Richtung – hier machen sich Investitionen in das Bildungssystem bemerkbar. Auch bei der Inflation schneidet das Land gut ab, besser als Österreich. Hier ist die Ukraine mit einer aktuellen Inflationsrate von 10 Prozent das große Sorgenkind – wohl auch wegen der Währungsabwertung des Nachbarlandes Weißrussland.

Die Orientierung am Euro bringt den CEE-Ländern zwar insgesamt Vorteile. Allerdings sind die Bemühungen, dem Euroraum beizutreten, derzeit auf Eis gelegt – zu unpopulär ist die Gemeinschaftswährung bei den Bürgern Osteuropas. Und die Politik bedient sich vielerorts dieser Ängste.

Unbeeindruckt davon ist die Wiener Börse, die 2012 ihre Fühler nach Bulgarien ausstrecken will. Auch andere Austro-Unternehmen rücken nicht von ihren positiven Einschätzungen des CEE-Wachstums ab. Spannend wird im zweiten Halbjahr der EU-Vorsitz Zyperns. Immerhin könnte davon das Verhältnis zur Türkei massiv betroffen sein. Hier wird die Diplomatie gefragt sein, um nicht durch Konflikte zusätzliche Wachstumshemmer zu setzen.

Denn in den Ballungszentren in CEE ist immer noch Euphorie zu spüren – die Krise des etablierten Europa wird vielerorts als Chance gesehen. Die Resultate werden aber nicht so einfach zu bewerten sein wie die Torstatistik bei der EM.

– Florian Horcicka

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