IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn im FORMAT-Interview

IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn über die andauernde Krise in Europa, den Währungskrieg und das Comeback des Währungsfonds.

FORMAT: Herr Strauss-Kahn, als Sie vor drei Jahren das Amt des geschäftsführenden Direktors des Internationalen Währungsfonds übernahmen, wollte niemand mehr etwas vom IWF wissen. Heute gelten Sie als einer der mächtigsten Männer der Welt. Fühlt sich gut an, oder?

Strauss-Kahn: Das ist nicht ganz fair. Immerhin erfüllen wir unsere Aufgabe seit mehr als 60 Jahren. Durch die Krise sind wir wieder mehr ins Zentrum gerückt.

FORMAT: Der IWF gilt als Krisengewinner. Seine Kriegskasse umfasst mittlerweile knapp 900 Milliarden Dollar – mehr als dreimal so viel wie vor der Krise. Und er mischt überall mit. Selbst in Europa, in Griechenland – und nun auch in Irland.

Strauss-Kahn: Ja, jetzt machen wir ab und zu Schlagzeilen. Ja, unsere Hilfsprogramme und unsere finanzielle Unterstützung haben dazu beigetragen, dass Millionen Menschen ihren Arbeitsplatz behalten konnten. Millionen wurde der Absturz in die Armut erspart. Das war unsere größte Leistung. Und was den Ruhm betrifft: Es ist wie mit einem Doktor: Wenn man gesund ist, braucht man ihn nicht. Wenn man krank ist, kann er nicht schnell genug kommen. Die Weltwirtschaft war schwer krank, und sie ist immer noch krank.

FORMAT: Hat sie auf den Doktor und seine Diagnose gehört?

Strauss-Kahn: Zunächst ja. Da hatte jeder eine Heidenangst, niemand wollte das schwarze Schaf sein oder Fehler machen. Also verbündete man sich. Und die wichtigste Lektion lautet Zusammenarbeit.

FORMAT: Diese Zeiten sind wieder vorbei. Die US-Fed druckt 600 Milliarden Dollar, um die eigene Wirtschaft anzukurbeln.

Strauss-Kahn: Ganz so einfach ist es nicht. Denn immerhin macht die US-Wirtschaft ja noch ein Viertel des globalen Bruttosozialprodukts aus. Wenn es Amerika schlecht geht, geht es dem Rest der Welt erst recht schlecht. Die ökonomische Lage ist so, dass wir jetzt alle denkbaren Maßnahmen ergreifen müssen, um die Nachfrage in den USA anzukurbeln.

FORMAT: Die vielen Dollar drücken aber den Kurs der US-Währung künstlich nach unten. Droht ein Währungskrieg?

Strauss-Kahn: Viele nutzen Währungen als politische Waffe. Das ist eine echte Gefahr, denn es gefährdet die Erholung der Weltwirtschaft. Aber die USA waren über Jahrzehnte die dominierende Wirtschaft. Sie nutzten den Dollar auch als politisches Instrument. Daran hat sich auch in den drei Krisenjahren nichts geändert.

FORMAT: In Deutschland etwa brummt die Konjunktur. War’s das mit der Krise?

Strauss-Kahn: Auch wenn einige Politiker die Krise jetzt frühzeitig für beendet erklären wollen – meine Antwort lautet Nein. Ein klares nein. Es läuft gut in Asien, auch in Südamerika, überraschend gut selbst in Afrika. Die Probleme liegen in den USA – und in Europa. Deutschland mag es im Moment gut gehen. Aber Deutschland wird kein hohes Wirtschaftswachstum erzielen, wenn es anderen EU-Ländern schlecht geht. Europa als Ganzes muss sich erholen. Und das sehe ich für das kommende Jahr noch nicht.

FORMAT: Irland drohte die Pleite ...

Strauss-Kahn: Irland befindet sich in einer schwierigen Situation. Aber es gibt noch viele andere ungelöste Probleme. Die Krise begann im US-Finanzsektor, wie jeder weiß. Warum? Weil es zu wenig Regeln gab. Vor allem aber, weil es an ihrer Überwachung mangelte. Nun wurden viele neue Bestimmungen erlassen. Aber um deren Kontrolle bleibt es schlecht bestellt.

FORMAT: Aber die Staatschefs der G-20 wollen das ständig ändern.

Strauss-Kahn: Ja, genau das wurde versprochen. Denn es handelt sich ja nicht nur um ein ökonomisches oder finanzielles Problem. Es geht vielmehr um eine potenzielle Bedrohung der Demokratie. Denn die nächste Krise kommt bestimmt. Und wenn dann erneut Banken gerettet werden müssen – werden die Bürger, die Steuerzahler, dann noch bereit sein, das Geld dafür zu zahlen? Ich bezweifle das.

FORMAT: Neben den USA steht China im Zentrum der Kritik. Die chinesische Währung ist laut Experten um rund 30 Prozent unterbewertet.

Strauss-Kahn: Wir warnen seit Jahren davor, dass China sein Wachstum nicht allein auf Exporten gründen darf. Ich bin sicher, die chinesische Führung hat das verstanden. Und es geht dabei auch um den Wechselkurs, aber nicht nur. China muss zudem seine Wachstumsstrategie ändern. Aber das gilt auch für die USA und Europa.

FORMAT: Wie stellen Sie sich denn ein neues Wachstumsmodell für Europa vor?

Strauss-Kahn: Europa braucht starkes, dynamisches Wachstum. Dazu bedarf es umfassender Veränderungen in allen Bereichen und in allen Ländern. Nur so kann das Sozialmodell gerettet werden.

FORMAT: Welche Rolle sollen der IWF und sein Direktor dabei spielen?

Strauss-Kahn: Der IWF könnte sich verpflichten, die Durchführung von G-20-Beschlüssen zu überwachen. Denn sonst passiert doch das, was bislang immer passiert ist: Man gründet Arbeitsgruppen mit wichtigem Titel und hofft, dass Probleme damit verschwinden.

FORMAT: Der IWF gilt eher als Frühwarnsystem, auf das niemand hört.

Strauss-Kahn: Ja, jeder will eine Alarmglocke. Aber wehe dem, vor dessen Haustür die Glocke schrillt! Dann hört man lieber weg. Oder will uns einen Maulkorb verpassen. Aber es bleibt unsere große Stärke: Wir sagen die Wahrheit, und zwar schonungslos. Egal wem. Das war die Idee des Fonds, von Anfang an. Und dazu braucht der IWF mehr Zähne.

FORMAT: Noch mehr Geld?

Strauss-Kahn: Das muss nicht mehr Geld heißen. Wir brauchen vielmehr ein klares Mandat, auch solche Analysen anzufertigen, die Entwicklungen und eine Politik aufdecken, die einige unserer Mitglieder nicht gern veröffentlicht sehen.

FORMAT: Schon jetzt spielt der IWF eine größere Rolle, als vielen lieb ist.

Strauss-Kahn: Es gibt nun mal keine hausgemachte Lösung für eine globale Krise.

Interview: Katja Gloger
Das Interview wurde vom deutschen Magazin „stern“ geführt

Zur Person: Der Franzose Dominique Strauss-Kahn, 61, ist seit 1. November 2007 geschäftsführender Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF). Von 1997 bis 1999 war der Sozialdemokrat Wirtschafts- und Finanzminister unter Premierminister Lionel Jospin. Der Jurist gilt als einer der beliebtesten Politiker Frankreichs und soll 2012 gegen Nicolas Sarkozy zur Präsidentschaftswahl antreten.

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