IV-Präsident Veit Sorger im Interview

Der Präsident der Industriellenvereinigung über die Auswirkungen der Schuldenkrise, überfällige Reformen, Zukunftsinvestitionen und härteren Wettbewerb.

FORMAT: Herr Sorger, wie lautet Ihre Prognose für das Jahr 2012?

Sorger: Allen Umfragen zufolge, die uns vorliegen, wird sich gerade bei österreichischen Unternehmen ein diversifiziertes Bild ergeben: Jene, die auf Europa fokussiert sind, werden stagnieren oder kaum wachsen. Und jene, die sich stärker auf Wachstumsmärkte in Asien und Lateinamerika konzentrieren, werden ihre Erfolgsgeschichte fortschreiben.

FORMAT: Wird sich die Krise in Europa weiter auf die Weltwirtschaft übertragen?

Sorger: Weder die USA noch andere Weltregionen sollten sich über ein schwaches Europa freuen. Vieles wird davon abhängen, welche Kraft Europa entwickelt, seinen Erneuerungsprozess einzuschlagen und die Budgetkonsolidierungen voranzutreiben. Die ersten Erfolge in Irland und Portugal machen hier aber Mut.

FORMAT: Haben die Ergebnisse des Europa-Gipfels dieses Mal für Stabilität sorgen können?

Sorger: Die Gipfelbeschlüsse sind ein wesentlicher Schritt zu einer Fiskalunion und einer entsprechenden Regulierung der Märkte. Den Finanzmärkten muss gezeigt werden, dass Europa bereit ist für einen neuen Weg. Das gilt insbesondere auch für Länder wie Deutschland und Österreich.

FORMAT: Wenn alle europäischen Staaten gleichzeitig sparen – wo kommt dann neues Wachstum her?

Sorger: Das ist für Europa sicherlich
die Herausforderung. Man muss sparen und gleichzeitig investieren, vor allem in Wissenschaft, Forschung und Innovation. In diesen Bereichen liegen die Zukunftschancen, vor allem für kleinere Länder. Weil die Schwellenländer weiterhin wachsen, werden auch die Exporte nicht einbrechen, sondern sich auf einem hohen Niveau weiterentwickeln. In Österreich werden wir auch keine wesentlich höhere Arbeitslosigkeit sehen. Für zukünftiges Wachstum ist aber wesentlich, dass die Qualifika¬tionen erhöht werden und entsprechende Programme weiterlaufen.

FORMAT: Kann man diese Aufgaben noch auf nationaler Ebene lösen?

Sorger: Heute müssen wir die meis¬ten Fragen auf europäischer Ebene beantworten. Es gibt hier auch ein sehr breites Feld an Fördermöglichkeiten, aber sie müssen abgerufen werden. Das bedeutet hohen administrativen Aufwand. Umso einfacher muss es deshalb auf nationaler Ebene gehen. Die Spielräume sind groß: Die Skandinavier setzen bis zu vier Prozent des BIP für Forschung und Entwicklung ein, Österreich nur 2,7 Prozent. Hier sind Anstrengungen notwendig.

FORMAT: Wird 2012 auch dies¬bezüglich ein Entscheidungsjahr?

Sorger: Ich hoffe, dass in Öster¬reich die großen Reformen angegangen werden. Die Chancen stehen gut. Wir haben, wie die anderen europäischen Staaten, das Geld ausgegeben und stehen mit dem Rücken zur Wand. Alle beobachten, dass bei uns der Reformeifer fehlt und die nötigen Schritte nicht in jenem Ausmaß gesetzt werden wie etwa in der Schweiz, in Skandinavien oder Deutschland.
Das ist schlecht für den Standort.

FORMAT: Geht es nach der Wachstumsdelle 2012 wieder bergauf?

Sorger: Wir hatten sieben gute, dann zwei schlechte, dann wieder zwei sehr gute Jahre. Offensichtlich werden diese Zyklen schneller. In jedem Fall sollten wir uns auf einen sehr intensiven Wettbewerb einstellen. Dafür müssen wir unser System adaptieren. Der Erfolg der europäischen Friedensunion hat uns vielleicht auch verwöhnt.

FORMAT: Gibt es Risiken, die die Krise 2012 verschärfen könnten?

Sorger: Die Situation könnte sich verschlimmern, wenn die Banken nicht motiviert werden können, Unternehmen und Projekte zu finanzieren. Die Banken sind jedoch selbst in einem Korsett gefangen: Sie müssen ihre Eigenkapitalquoten erhöhen, und das nach dem letzten Stresstest durch die Europäische Bankenaufsicht bereits bis Mitte 2012. Kürzen sie die Kreditvergabe, kann das zu Stagna¬tion führen. Das zweite Risiko besteht darin, dass Regierungen ihre Sparmaßnahmen nicht konsequent voranbringen. Denn wenn diese Signale nicht stimmen – warum sollte sich dann sonst jemand anstrengen, besser zu wirtschaften?

FORMAT: Wird der Euro überleben?

Sorger: Ja, und da spricht auch ein gewisser Grundsatzoptimismus mit, weil die gemeinsame Währung gerade für Österreich ein Segen ist. Das Land ist wirtschaftlich stärker geworden, weil es im Export wettbewerbsfähiger wurde. Die Unkenrufe zum Untergang der Währung sind falsch. Europa und seine Integration sind ein Generationenprojekt, die ersten Schritte sind jedenfalls gesetzt.

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