Ist die Krise jetzt vorbei?

Die Konjunktur läuft deutlich besser als erwartet. FORMAT erklärt, warum es der Wirtschaft in Österreich nicht so schlecht geht, wieso Optimismus angesagt ist und welche Gefahren den zarten Aufschwung trüben könnten.

Im Jahr 2006 hat Max Otte das Buch "Der Crash kommt“ veröffentlicht und die Finanzkrise vorhergesagt. Im Jahr 2012 malt der deutsche Ökonom längst nicht mehr schwarz. Er findet jetzt, Europa stehe nicht schlecht da und Österreich sei gut aufgestellt. "Dass sich die Stimmung nun aufhellt, überrascht mich nicht“, sagt der Untergangsprophet außer Dienst.

Nicht nur Otte ist plötzlich zum Optimisten geworden. Vielerorts werden die Prognosen nach oben revidiert. Manchmal stärker, manchmal nur leicht. Aber die Tendenz ist eindeutig: Der Wirtschaft geht es wieder besser. Die Krise scheint überwunden zu sein, man sieht das Licht am Ende des Tunnels näher kommen. Langsam, aber doch.

Von Panik keine Spur mehr

Das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) und das Institut für Höhere Studien (IHS) haben diese Woche ihre Wachstumsprognosen zwar "nur“ beibehalten. Aber in der neuen Fassung wurden die negativen Auswirkungen des Sparpakets bereits berücksichtigt, die durch eine bessere Konjunkturlage kompensiert werden sollen. Die Bank Austria glaubt sogar, dass Österreich mittelfristig knapp unter zwei Prozent pro Jahr wachsen wird - und hat ihren Ausblick angehoben. Noch vor wenigen Monaten hielten manche Forscher eine Rezession für möglich.

Dass das Konjunkturbarometer steigt und zunehmende Aufheiterung vorhergesagt wird, hat mehrere Gründe. Einer davon: Vielen Betrieben ging es schon den Winter über gar nicht so schlecht, wie das die allgemeine Stimmung hätte vermuten lassen. Das " Wirtschaftsbarometer “ der Wirtschaftskammer, eine qualitative Befragung unter Unternehmern, zeigte im Dezember 2011 keine Spur von Panik.

"Die vergangenen Monate waren von unglaublicher Stimmungsmache angelsächsischer Medien gegen Kontinentaleuropa geprägt“, erklärt Otte. Griechenland und das mögliche Ende der Währungsunion habe eine viel zu große Rolle gespielt. Jetzt, da sich die Lage in Griechenland stabilisiert hat, rücken wieder die Realitäten ins Blickfeld, sagt Bank-Austria-Chefökonom Stephan Bruckbauer, und die würden so schlecht nicht aussehen. Vor allem Zentraleuropa wächst, während die Peripherieländer und die Eurozone insgesamt noch mit der Rezession kämpfen.

Frühlingserwachen

Von außen kommen positive Impulse für die heimische Wirtschaft: Zum fünften Mal hintereinander ist etwa der deutsche Ifo-Geschäftsklimaindex gestiegen. Deutschland, der mit Abstand wichtigste Handelspartner Österreichs, soll sogar im rundherum schwachen ersten Quartal 2012 ein Miniwachstum schaffen. Für das Gesamtjahr wurde die Prognose gerade auf ein Prozent nach oben korrigiert. Die Deutschen üben sich selbstbewusst in Optimismus, wie Forderungen der öffentlich Bediensteten nach Lohnerhöhungen von sechs Prozent zeigen. Als die Angst vor Jobverlust umging, waren die Arbeitnehmer viel kleinlauter. Auch in Frankreich bessert sich der Ausblick, das Verbrauchervertrauen stieg unerwartet auf das höchste Niveau seit 2010. Sogar aus den USA kommen gute Nachrichten.

In diesem Umfeld soll Österreichs Wirtschaft 2012 je nach Schätzung zwischen 0,4 Prozent (Wifo) und 0,8 Prozent (IHS, Bank Austria) wachsen - deutlich langsamer zwar als 2011, als es ein Plus von 3,1 Prozent gab, aber immerhin: Im vierten Quartal 2011 war sie noch um 0,1 Prozentpunkte geschrumpft.

Positiv wirkt sich auch aus, dass einer der Hauptrisikofaktoren der vergangenen Monate zumindest stabilisiert scheint: Der Finanzsektor wird nach kräftigen Interventionen der Europäischen Zentralbank, die Unsummen in das System pumpte, wieder als stabil wahrgenommen. Die befürchtete Kreditklemme hat ohnehin nur wenige getroffen, die Firmen investieren wieder.

Ein paar aktuelle Beispiele aus Österreich: Hella Fahrzeugteile Austria will mit 20 Millionen Euro unter anderem eine neue LED-Produktion im burgenländischen Großpetersdorf bauen. Das Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim investiert 10 Millionen Euro in den Standort Wien. Cross Industries gibt 15 Millionen Euro für ein neues Werk in Oberösterreich aus. Der Maschinenbauer Engel erweitert seine Zentrale in Schwertberg um 12 Millionen Euro, und der Aluminiumkonzern AMAG will um 220 Millionen Euro das Werk in Ranshofen ausbauen.

Mit einer günstigen Entwicklung rechnet auch voestalpine-Chef Wolfgang Eder, allerdings in kleinen Schritten, mit einer vollen Auslastung der Kapazitäten rechnet er ab dem Sommer. Das Wifo warnt allerdings vor übertriebenem Optimismus. "Anstiege wie vor 2007 wird es nicht geben“, sagt Experte Marcus Scheiblecker.

Von der Erholung profitiert nicht nur die Industrie, sie greift auf nahezu alle Branchen über. Besonders gute Zahlen meldet der Tourismus, wo man aufgrund der vielen deutschen und osteuropäischen Gäste schon an die Rekorde der Vergangenheit anknüpft. Auch Autohersteller melden Erfolge, es zeigt sich hier jedoch ein gemischtes Bild: "Während es im Premiumsegment Vollauslastung gibt, tun sich die Anbieter von Kleinwagen schwer“, sagt Christian Helmenstein, Ökonom der Industriellenvereinigung. Er sieht die unterschiedliche Entwicklung als eine Folge der Verschrottungsprämie. Ähnlich uneinheitlich ist die Lage heimischer Zulieferer.

Vorsichtige Unternehmen

Punkto Investitionstätigkeit überwiegt trotz der sich aufhellenden Lage bei den Unternehmen noch die Vorsicht - was auch an den Finanzierungsbedingungen liegt. Die niedrigen Realzinsen schlagen nämlich aufgrund der höheren Anforderungen für die Banken nicht voll auf günstige Kreditkonditionen durch. Kredite werden restriktiver vergeben. "Unternehmen könnten deshalb im zweiten Halbjahr verstärkt aus dem Cashflow heraus investieren und nicht auf Fremdkapital zurückgreifen“, sagt Christoph Schneider, Leiter der Abteilung Wirtschaftspolitik der Wirtschaftskammer.

Verhalten positiv bleiben auch die Konsumenten. Selbst die hohe Inflation des vergangenen Jahres und der nach wie vor hohe Ölpreis haben die Konsumlaune bisher nicht getrübt - auch das stützt die Wirtschaft. "Der Konsum wird heuer um 0,8 Prozent wachsen, 2013 um 1,8 Prozent“, rechnet das Wifo. Dazu kommt, dass die Inflationsraten - trotz der massiven Geldschwemme durch die EZB - zurückgehen und die Aussichten für den Arbeitsmarkt trotz des Sparpakets günstig sind: Zwar steigt dieses Jahr die Arbeitslosigkeit von 6,7 Prozent im Vorjahr auf 7,1 Prozent (siehe "Was die Bürger erwartet ). Mittelfristig rechnet Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner aber mit 40.000 zusätzlichen Arbeitskräften, die beschäftigt werden könnten.

Besonders viele offene Stellen sollen im Gesundheitsbereich entstehen. Laut einer Studie von Medixpert erwarten vier von fünf Unternehmen einen steigenden Bedarf an Mitarbeitern im Pflegebereich.

Dunkle Wolken

Eine der großen Wolken, die den Konjunkturhimmel noch verdunkeln, ist das sogenannte Sparpaket. Laut Marcus Scheiblecker vom Wifo wird es vor allem im kommenden Jahr auf das Wachstum drücken, weshalb die Prognose für 2013 von 1,6 auf 1,4 zurückgenommen wurde. Die Kürzung der öffentlichen Investitionen und Pensionen, die Nulllohnrunden und der Aufnahmestopp bei den Beamten - das alles bremst die Konjunktur - ist aber notwendig. Die Schuldenkrise zwingt die Länder quer durch Europa in den kommenden Jahren zum Sparen. Den Rückgang der öffentlichen Ausgaben werden vor allem Bauunternehmen zu spüren bekommen.

Die größte Bedrohung für einen nachhaltigen Aufschwung lauert in Südeuropa. Griechenland wirkt zwar im Moment gerettet, aber Portugal und Spanien können die EU bald schon wieder vor neue Probleme stellen. "Der Wettbewerbsdruck nimmt nicht ab“, sagt Helmenstein. Er erwartet mehr Emigration von Süd- nach Nordeuropa. Denn zwischen den Kernländern und den Randzonen klafft die Entwicklung immer weiter auseinander. Während sich Deutschland, die Slowakei und Österreich über die Zuwächse freuen dürfen, geht es in Italien, Griechenland und Spanien bergab. Auch für Ungarn rechnet man mit einer Rezession. "Die Einkommensschere in Europa wird sich nicht schließen. Die Stärkeren ziehen den Schwächeren davon“, so Helmenstein. Wobei Österreich klar zu den Starken zählt.

Der Ökonom Max Otte ist ebenfalls der Ansicht, dass Schuldenbremse und Sparprogramme sowie der Fiskalpakt die unterschiedliche Entwicklung in Europa zementieren. "Diese Sparprogramme im Zuge des Fiskalpakts sind höchst fatal, weil wir in die Krise hinein sparen“, sagt Otte. "Wir müssen die Ungleichgewichte auflösen“, fordert auch Bank-Austria-Volkswirt Bruckbauer. "Das Wachstum von drei Prozent vor der Krise haben wir nur deswegen geschafft, weil es Nachfrager gab, die nicht auf die Rechnung geschaut haben. Griechenland, Spanien, Osteuropa und die USA haben mehr ausgegeben, als verdient wurde.“

China, die USA und das große Zittern

Global ziehen einige Gewitterwolken auf, von denen keiner weiß, ob sie sich mit Blitzen entladen oder doch vorüberziehen werden. In China könnte die Immobilienblase platzen, das Schattenbankensystem zusammenbrechen oder das Wirtschaftswachstum stärker zurückgehen. Schon jetzt ist abzusehen, dass die aufstrebende Wirtschaftsmacht 2012 deutlich hinter den Wachstumsraten der vergangenen Jahre zurückbleibt. Gehen die Importe, die zuletzt die Exporte Chinas übertroffen haben, stark zurück, würde das an Exportländern wie Österreich nicht spurlos vorübergehen.

Auch das Wachstum der USA ist mit Risiken versehen: Ob es nach den Präsidentschaftswahlen weiterhin aufwärts geht, traut sich keiner zu sagen. Otte ist überzeugt, dass die "wahre Krise“ in den Vereinigten Staaten stattfindet. "Europa steht bei den meisten wirtschaftlichen Kerndaten viel besser da.“

Nach Ansicht von Ex-EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark lauert mittelfristig eine weitere Gefahr in der Geldflut der Notenbanken in Europa und den USA. "Sowohl die Weltwirtschaft als auch das Weltfinanzsystem stehen heute erneut unter Drogen“, meinte er im "Handelsblatt“. Er erwartet daher eine steigende Inflation. Viele andere Experten bezweifeln das.

War das schon die Krise? Oder haben wir nur eine Verschnaufpause, bevor es auf den nächsten Crash zugeht? Nein, meint Bank-Austria-Bruckbauer. Entscheidend sei jedenfalls für Österreich, ob die Bevölkerung Europas in den nächsten Jahren eher hamstert oder konsumiert. "Werden die Leute optimistischer und sparen weniger, dann werden wir sogar noch stärker wachsen.“ Und nach notwendigen Reformen könnte Europa nach zwei bis drei Jahren die Krise endgültig hinter sich lassen und gestärkt daraus hervorgehen.

- Martina Bachler, Miriam Koch

Industrie 4.0 und das flexiblere Arbeiten: Die Vorzüge der Automatisierung kommen mit verbesserter Kommunikation zwischen Maschinen noch besser zum Einsatz.
 

Wegbereiter einer neuen Industrie

Mit dem Schlagwort Industrie 4.0 werden revolutionäre Änderungen der …

Boom oder Crash? Unternehmen brechen durch die Kämpfe in der Ukraine und im Nahen Osten Exportmärkte weg. In Österreich macht sich die Sorge vor einer neuen Krise breit.
 

Comeback der Krise?

Auffällig viele Topunternehmen schreiben Verluste, eine Besserung der …

Innovationskraft: Forschung und Entwicklung sind die Grundlage des Erfolgs der heimischen Industriebetriebe.
 

Innovation - der wichtigste Rohstoff

Im Wettkampf der Regionen muss Österreich noch stärker auf …

50 Millionen Euro Umsatz macht die von Ronnie Seunig gegründete Excalibur City pro Jahr und schafft 500 Jobs. Roger Seunig tritt in die Fußstapfen seines Vaters und setzt dessen pittoreske Visionen fort.
 

Roger Seunig - der Ritter von Kleinhaugsdorf

Roger Seunig übernimmt von seinem Vater das Billig-Paradies Excalibur …