Interview mit ORF-Chef Alexander Wrabetz:
„Brauchen mindestens zwei Vollprogramme“

ORF-General Alexander Wrabetz im Interview mit Peter Pelinka über die generelle Strategie und die finanzielle Lage des Unternehmens, über EU & Rechnungshof.

FORMAT: Am Samstag, zwei Wochen vor der Wahl, tagt der Stiftungsrat des ORF für eine „Strategiesitzung“. Wird das Unternehmen dadurch in den Wahlkampf gezogen?
Wrabetz: Das wird von einigen im Stiftungsrat befürchtet. Aber allgemein wird versichert, dass es um eine interne Klausur geht und nicht um den Versuch, den ORF als billige Wahlkampfmunition zu missbrauchen. Es geht darum, Überlegungen für eine Mehrjahresstrategie ohne Zeitdruck zu diskutieren.
FORMAT: Welche Überlegungen werden Sie präsentieren?
Wrabetz: Wir müssen uns zu einem umfassenden öffentlich-rechtlichen Auftrag bekennen, der auch Unterhaltung, ein breites Filmangebot und Sport beinhaltet. Öffentlich-rechtlicher Auftrag kann nicht nur darin bestehen, all das zu liefern, was Private in Österreich nicht anbieten, also sich nur auf Spezialprogramme wie Kultur und Religion zu konzentrieren. Die EU lässt einen solch breit definierten Auftrag auch zu.

Kultur, Religion, Dancing Stars
FORMAT: Immer wieder gibt es den Vorschlag – zuletzt vom ÖVP-Abgeordneten Ferdinand Maier –, den ORF zu teilen in einen öffentlich-rechtlichen Sender, finanziert durch Gebühren, und in einen
privatisierten Unterhaltungskanal, finanziert durch Werbeeinnahmen.
Wrabetz: Das wäre mit dem umfassend formulierten öffentlich-rechtlichen Auftrag nicht vereinbar. Um österreichische Identität zu vermitteln, um Junge ebenso anzusprechen wie Ältere, brauchen wir mindestens zwei Vollprogramme und eine zu definierende Zahl von Spartenprogrammen, um nicht in der fragmentierten Interessenwelt des Publikums unterzugehen.
FORMAT: Der öffentlich-rechtliche Auftrag bezieht sich also auch auf Sendungen wie „Dancing Stars“?
Wrabetz: Natürlich sind auch solche österreichischen, breiten Unterhaltungssendungen Programmauftrag. Die Sendung beruht übrigens auf einem Unterhaltungsformat der streng öffentlich-rechtlichen BBC. Ich glaube, dass auch der Stiftungsrat damit kein Problem hat. Aber wir müssen eine Strategiedebatte führen, weil es seit der Ära Zeiler keine mehr gegeben hat und wir in einer seit damals komplett veränderten Medienwelt leben – Stichworte Digitalisierung, Online. Dafür ist der Zeitpunkt jetzt richtig, weil wir wissen, was die EU von uns will, und dann auch, was der Rechnungshof wollen wird.

Online-Aufregung
FORMAT: Ist die Prüfung durch die EU schon abgeschlossen?
Wrabetz: Nein, aber unsere Grundaufstellung mit den TV- und Radioprogrammen wird akzeptiert. Die EU konzentriert sich in manchen Kritikpunkten auf die Abgrenzung des Onlineauftrittes vom Kommerziellen und auf die Spartenkanäle.
FORMAT: Gerade im Online-Bereich gab es Aufregung: Ein von zuständigen Stellen des Hauses geprüftes Projekt in Richtung YouTube wurde von Ihnen abgesagt …
Wrabetz: Ich habe das Projekt unter anderem deshalb in dieser Form verworfen, weil es mit den Auflagen der EU nicht vereinbar ist. Dennoch hat mich der Chef der Zeitungsherausgeber sofort öffentlich massiv kritisiert und viel weiter gehender Hintergedanken bezichtigt. Das zeigt, wie schwer es der ORF hat: Einerseits sollen wir über die Zukunft nachdenken, und andererseits regt sich die halbe Republik über erste Nachdenkergebnisse auf.

Mindestens 27 Millionen im Minus
FORMAT: Zum Finanziellen: Gibt es noch keine Halbjahresbilanz des ORF, weil die Zahlen so schlecht sind?
Wrabetz: Nein, wir präsentieren sie immer erst bei der folgenden Sitzung des Finanzausschusses, diesmal also am 6. Oktober. Im ersten Halbjahr liegen sie etwa bei dem, was wir dem Stiftungsrat im Juni prognostiziert haben.
FORMAT: Kann es sein, dass es zum Jahresende ein Minus von 45 Millionen Euro gibt?
Wrabetz: Wir haben für heuer ein Minus von 27 Millionen geplant, weil die Übertragungsrechte für die EURO und die Olympischen Spiele extrem teuer waren. Das wird aus den Reserven bedeckt, was vom Stiftungsrat mit großer Mehrheit beschlossen wurde. Davon kann es negative Abweichungen geben, weil die EURO-Werbeerträge wie bei anderen Medien auch geringer ausgefallen sind und wir auf diesem Feld auch die Abschwächung der Konjunktur spüren.
FORMAT: Auf welche Höhe kann das Minus steigen?
Wrabetz: Ich will nicht öffentlich über Zahlen spekulieren, wir werden sehen, wie sich im vierten Quartal die Finanzerträge entwickeln.

50 Millionen an Einsparungen
FORMAT: Budgetiert wurde ja auf Basis der Werbeerträge des Vorjahrs. Wie entwickeln sich die aktuellen?
Wrabetz: Wir haben einen leichten Rückgang budgetiert, weil wir im ersten Jahr der Volldigitalisierung starken Konkurrenzzuwachs bekommen haben.
FORMAT: Womit rechnen Sie beim Rohbericht des Rechnungshofes? Mit einer Rückendeckung für das angekündigte sparprogramm?
Wrabetz: Ich habe schon lange angekündigt, dass wir durch den absehbaren Rückgang der Werbeeinahmen im nächsten Jahr 50 Millionen einsparen müssen.
FORMAT: Unter anderem durch die Einsparung von 250 Stellen bis 2010. Müssen weitere 100 gestrichen werden, wie kolportiert?
Wrabetz: Dafür gibt es momentan keine Überlegungen. Derzeit versuchen wir jedenfalls, ohne Kündigungen durchzukommen.
FORMAT: Wie ist das Gesprächsklima mit dem neuen Betriebsrat?
Wrabetz: Konstruktiv und gut, aber wir haben die größten Brocken noch vor uns. Ich glaube etwa, dass der Rechnungshof das Auseinanderklaffen zwischen alten Dienstverträgen und neuen – schlanker und für das Unternehmen günstiger – kritisieren wird.

Föderale Struktur nicht in Frage stellen
FORMAT: Ist die Absiedelung vom Küniglberg noch ein Thema?
Wrabetz: Zuerst die Strategie, dann die Struktur, dann der örtliche Rahmen. Wir haben auf Basis der Bauphysik mit der Entscheidung bis 2011 Zeit.
FORMAT: Werden die Landesstudios reduziert?
Wrabetz: Alle neun werden auch im nächsten Jahr ihre Sparziele erreichen. Grundsätzlich hielte ich es für falsch, die föderale Struktur des ORF infrage zu stellen.
FORMAT: Sind Ihnen österreichische Privatsender als Konkurrenz lieber als die deutschen mit ihren österreichischen Werbefenstern?
Wrabetz: Ich halte es für legitim, österreichischen Privatsendern, die hier Beschäftigung schaffen, Fördermittel zukommen zu lassen. Aber nicht auf Kosten des ORF. Als Staatsbürger kann ich dazu sagen: Mir sind alle Sender und Sendungen lieb, die eine österreichische Wertschöpfung haben. Vor allem mit Produkten, die wir im ORF nicht zeigen können und wollen.
FORMAT: Kein „Bauer sucht Frau“ im ORF?
Wrabetz: Zumindest kein „Tausche Familie“.

Interview: Peter Pelinka

Industrie 4.0 und das flexiblere Arbeiten: Die Vorzüge der Automatisierung kommen mit verbesserter Kommunikation zwischen Maschinen noch besser zum Einsatz.
 

Business

Wegbereiter einer neuen Industrie

Boom oder Crash? Unternehmen brechen durch die Kämpfe in der Ukraine und im Nahen Osten Exportmärkte weg. In Österreich macht sich die Sorge vor einer neuen Krise breit.
 

Business

Comeback der Krise?

Innovationskraft: Forschung und Entwicklung sind die Grundlage des Erfolgs der heimischen Industriebetriebe.
 

Business

Innovation - der wichtigste Rohstoff