Interview: Alfred Gusenbauer über seine Geschäfte und sein neues Leben

FORMAT: Danke, dass Sie so gutes Wetter mitgebracht haben.

Gusenbauer (lacht): Wenn ich komme, geht im Land eben wieder die Sonne auf.

FORMAT: Wie war es am Jakobsweg?

Gusenbauer: Es ist eine tolle Erfahrung, wenn man gerne wandert, weil man durch herrliche Landschaften geht. Man trifft viele Leute aus unterschiedlichsten Ländern und Schichten.

FORMAT: Entstehen die Wege also wirklich im Gehen, wie der Titel Ihres Buches heißt?

Gusenbauer: Ja. Aber wie das Buch zeigt, bin ich schon vorher draufgekommen.

FORMAT: Sie haben während des Wanderns nur in der Früh und abends das Telefon eingeschaltet. Welche Deals haben Sie denn in dieser Zeit eingefädelt?

Gusenbauer: Ich kann keine Geschäftsgeheimnisse verraten. Aber es war eine Akquisition durchzuführen. Und ich habe binnen kürzester Zeit versucht, die Linien zu legen, dass das über die Bühne gehen kann.

FORMAT: Was wird in den Haselsteiner-Stiftungen Ihre genaue Aufgabe sein?

Gusenbauer: Es geht darum, dass das Vermögen in einer vernünftigen und nachhaltigen Art und Weise veranlagt wird. Und dass die Begünstigten zu ihren Leistungen kommen.

FORMAT: Ihr Werdegang war bisher nicht auf das Vermehren von Geld ausgerichtet …

Gusenbauer: … sondern von Wählerstimmen.

FORMAT: Was zeichnet Sie aus, diese Funktion zu übernehmen?

Gusenbauer: Es ist eine Vertrauensfrage: Das Vertrauen, dass man mit dem Vermögen nachhaltig vernünftig umgeht. Und zudem das Vertrauen der Familie zu haben.

FORMAT: Aber warum gerade Sie und nicht ein Anwalt, der das gelernt hat?

Gusenbauer: Hätten Sie Geld, bei mir wäre es gut anvertraut.

FORMAT: Der Wechsel ins Haselsteiner-Reich hat für viel Wirbel gesorgt, weil Sie ja erst kurz vor der Bekanntgabe, dass Sie bei der Strabag Aufsichtsratschef werden, das Mandat beim Konkurrenten Alpine zurückgelegt haben.

Gusenbauer: Ich glaube, dass ich rechtzeitig alle informiert habe. Im April habe ich den Wechsel angekündigt, jetzt im Juni wird er vollzogen. Außerdem ist der Abschluss eines Geschäftsjahres der richtige Zeitpunkt, um so etwas durchzuführen. Ich verstehe und es ehrt mich auch, dass die Freunde bei der Alpine gern gehabt hätten, wenn ich länger bei ihnen geblieben wäre. Aber die Strabag ist eine Herausforderung ganz anderer Qualität. Dazu kommt, dass Hans Peter Haselsteiner und ich seit langen Jahren befreundet sind. Wir haben oft geredet, gemeinsam etwas zu machen, wenn ich nicht mehr in der Politik bin. Nur hat er das zunächst nicht geglaubt, dass ich aus der Politik ganz aussteige.

FORMAT: Presse hat Ihnen das keine gute eingebracht. Die Journalistin Anneliese Rohrer bezeichnete Sie als Prototypen eines geldaffinen Sozialdemokraten.

Gusenbauer: Das rührt mich gar nicht, weil was erwartet man von jemandem, der mit 48 Jahren aus der Politik aussteigt? Dass man zum Versorgungsfall wird? Dass man hoch dotierte Politikerpensionen bezieht? Dass man als Weißer Elefant in irgendwelchen Verwaltungseinheiten herumsitzt? Es wird ja wohl erlaubt sein, einer anderen beruflichen Beschäftigung nachzugehen. Ich habe mir das alleine erarbeitet, habe weder Ansprüche an die Sozialdemokratie noch an sonst wen gestellt, sondern einen neuen Lebensabschnitt begonnen.

FORMAT: Was denken Sie als neuer Vorstand der Haselsteiner-Privatstiftung über höhere Stiftungssteuern?

Gusenbauer: Wir haben in Österreich aus gutem Grund Stiftungen geschaffen, und ich weise darauf hin, dass eine stabile Rechtskultur das Wichtigste für Leute ist, die ihr Vermögen in Stiftungen einbringen. Ein Herumdoktern führt zu einem Vertrauensverlust und letztlich zu einem Abfluss von Vermögen.

FORMAT: Ihr Ausscheiden aus der Politik ist fast zwei Jahre her. Hätten Sie sich gedacht, dass Sie so rasch auf einer relativ hohen Ebene in der Privatwirtschaft Fuß fassen können?

Gusenbauer: Man weiß das am Anfang nie. Aber ich bin eben der Meinung, die Wege entstehen im Gehen. Und über mangelnde Nachfrage kann ich mich nicht beschweren.

FORMAT: Gab es Phasen, in denen Sie depressiv waren, wo der Machtentzug geschmerzt hat?

Gusenbauer: Nein.

FORMAT: Eine ehrliche Antwort, Sie sind ja nicht mehr Politiker …

Gusenbauer: Sie bekommen nur ehrliche Antworten.

FORMAT: Tut Machtverlust weh?

Gusenbauer: Ich bin jemand, der gern klare Entscheidungen trifft. Ich hätte auch in der Politik bleiben und ein Nationalratsmandat einnehmen können. Aber ein klarer Schnitt erschien mir am gescheitesten. Ich war 30 Jahre in der Politik und jung genug, um etwas Neues zu beginnen.

FORMAT: War es der richtige Weg?

Gusenbauer: Ich habe es nicht bereut. In der Politik ist man in einer Mühle drinnen mit sehr wenig persönlichem Freiraum. Für alles, was man macht oder nicht macht, muss man sich rechtfertigen. Alles wird interpretiert, zerredet, verleumdet, was eine wesentliche Einschränkung der persönlichen Freiheit darstellt. Jetzt treffe ich meine Entscheidungen selber und habe einen ernormen Freiheitsgewinn. Das in Kombination mit einer wirtschaftlichen Tätigkeit, die zum Glück erfolgreich ist, macht großen Spaß.

FORMAT: Vor drei Jahren haben Sie noch gesagt, Sie möchten bis zur Pension Bundeskanzler bleiben …

Gusenbauer (lacht): Das wäre auch für Österreich besser gewesen.

FORMAT: Warum gelang das nicht?

Gusenbauer: Wenn man einerseits – freundlich formuliert – permanente Auseinandersetzungen in der Regierung hat und dadurch auch das Umsetzen von Projekten schwieriger wird und andererseits die Unruhe in der eigenen Partei steigt, dann wird der Spielraum immer enger. Wir hatten ja Osterfrieden mit der ÖVP geschlossen. Nachdem der nicht gehalten hat, war mir klar, dass die ÖVP Neuwahlen vom Zaum brechen wird.

FORMAT: Ist das nicht frustrierend, so in einer Sackgasse zu landen?

Gusenbauer: Natürlich ist das nicht lustig, keine Frage. Ich hatte auch eine gewisse Verantwortung, auch für die Wahlaussichten der SPÖ. Nachdem absehbar war, wie ein Wahlkampf der ÖVP aussehen wird, nämlich ausschließlich ein Negativ-Wahlkampf gegen mich persönlich, war meine Idee, diese Strategie zu durchkreuzen, indem wir mit einem neuen Spitzenkandidaten antreten. So habe ich die ÖVP in eine Lose-lose-Position gebracht: Sie hatte den schwarzen Peter, weil sie Neuwahlen ausgerufen hat, und ihr Wahlkampfkonzept funktionierte nicht mehr.

FORMAT: Das klingt so, als hätte Werner Faymann den Wahlsieg allein Ihnen zu verdanken …

Gusenbauer: Nein, ich habe nur versucht, die Ausgangsposition zu verbessern.

FORMAT: Sie stellen das jetzt dar, als wäre es Ihre Handlungsstrategie gewesen. Letztlich wurden Sie zum Gehen gezwungen.

Gusenbauer: Nein.

FORMAT: Wenn Sie Wirtschaft und Politik vergleichen, in welchem Leben haben Sie mehr verdient?

Gusenbauer: Die Frage, was man verdient, ist nicht die entscheidende. Es geht darum, was man bekommt.

FORMAT: Anders gefragt: Wie hoch war Ihr Jahresbezug im Vorjahr?

Gusenbauer: Das sage ich nicht. Die Bilanz wird erst erstellt.

FORMAT: Das Drei- oder Vierfache des Gehalts eines Bundeskanzlers?

Gusenbauer: Man soll nicht übertreiben. Ich werde zu meiner Einkommenssituation keine Äußerung geben.

FORMAT: Aber können Sie zumindest bestätigen, dass Sie mehr als der Bundeskanzler verdienen?

Gusenbauer: Ich bekomme mehr. Es erlaubt mir ein Leben ohne materielle Sorgen.

FORMAT: Welches Auto fahren Sie jetzt?

Gusenbauer: Das gleiche wie vorher: Einen 15 Jahre alten Audi A6 Kombi und im Sommer ein Audi-Cabrio. Ich habe auch sonst meine Lebensgewohnheiten nicht geändert.

FORMAT: Der Lebensstil ist gleich geblieben, das Einkommen höher. Das heißt, Sie müssten mehr Geld zum Veranlagen haben.

Gusenbauer: Man muss ein bisschen für die Zukunft vorsorgen.

FORMAT: Wie sorgen Sie vor?

Gusenbauer: Wie die Österreicher so sind, Bausparen, Sparbuch und so weiter.

FORMAT: Was bekomme ich, wenn ich Alfred Gusenbauer in meinen Beirat oder Aufsichtsrat hole?

Gusenbauer: Einen gewissen Sachverstand, ein europa- und teilweise weltweites Netzwerk mit Kontakten und den dementsprechenden Einsatz.

FORMAT: Wie viele Beratungsprojekte haben Sie derzeit laufen?

Gusenbauer: Fünf größere Mandate und laufend fünf, sechs kleinere. Und dann gibt es noch immer wieder aktuelle Probleme, bei denen ich Unternehmen helfe, sie zu lösen.

FORMAT: Sollen Aufsichtsräte in Österreich allgemein besser bezahlt werden?

Gusenbauer: Wenn man die Funktion ernst nimmt, ist es ein entsprechender Aufwand, abgesehen von allen Haftungen, die ein Aufsichtsrat hat. Wenn in manchen Unternehmen 10.000 Euro im Jahr für Aufsichtsräte bezahlt werden, wird entweder erwartet, dass die Aufsichtsräte nichts machen, oder Bezug und Verantwortung passen nicht zusammen.

FORMAT: Wie viele Büros haben Sie?

Gusenbauer: Zwei, eines im Renner-Institut für meine politischen Aktivitäten, eines für kommerzielle Aktivitäten, das beim Anwalt Leo Specht ist.

FORMAT: Wo sind Sie noch politisch tätig?

Gusenbauer: Als Präsident des Kuratoriums des Renner-Instituts und als Pizepräsident der Sozialistischen Internationale. Zudem leite ich im Rahmen der europäischen Sozialdemokratie ein Projekt, das „Next left“ heißt, ein Projekt zur Erneuerung der europäischen Sozialdemokratie.

FORMAT: Würde Sie ein politisches Amt nochmals interessieren?

Gusenbauer: Derzeit bin ich außerordentlich ausgelastet und zufrieden und habe nicht vor, das zu ändern.

FORMAT: Ein Nein klingt anders.

Gusenbauer: Mit dem Kapitel österreichische Innenpolitik hab ich abgeschlossen. Was sich international ergibt, kann ich heute noch nicht prognostizieren.

FORMAT: Wie sehen Sie die Euro-Krise?

Gusenbauer: Dass der Wechselkurs zum Dollar sich verringert hat, ist das geringere Problem. Schwierig ist die Frage des mangelnden Vertrauens in die europäische Einheitswährung.

FORMAT: Braucht es eine stärkere europäische Wirtschaftsregierung?

Gusenbauer: Ja. Es braucht europäische Institutionen, die eingreifen können. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das kommt. Es müsste dazu aber mehr nationale Souveränität abgegeben werden.

FORMAT: Hätten Sie Griechenland pleitegehen lassen?

Gusenbauer: Anleger haben für griechische Staatsanleihen mehr Zinsen erhalten als für deutsche, weil es mehr Risiko gab. Daher wäre es fair und gerecht, wenn diejenigen, die von den hohen Zinsen profitiert haben, jetzt etwas zur Sanierung beitragen. Eine Umschuldung wäre aus rein marktwirtschaftlicher Sicht das Vernünftigere gewesen.

FORMAT: Letzte Frage: Wer wird Fußball-Weltmeister?

Gusenbauer: Spanien, ganz klar.

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