Insolvenzwelle in Österreich – Pleiten, Pech und Profite

Insolvenzwelle in Österreich – Pleiten, Pech und Profite

Die Beraterbranche schweigt über die exakte Entlohnung. Die Profiteure der Pleiten sprechen nicht gerne über konkrete Summen.

Für Rudolf Mitterlehner ist dieser Sommer ganz besonders heiß. Seit Anfang Juli ist der oberösterreichische Anwalt nahezu rund um die Uhr, meist auch sonntags, damit beschäftigt, für die insolvente Drogeriekette dayli eine Fortführungsmöglichkeit zu finden. Diesen Freitag endet wieder einmal eine Deadline im Ringen um die Zukunft von dayli: Kann eine Bankgarantie aufgetrieben werden, haben das Unternehmen und Masseverwalter Mitterlehner wieder ein paar Tage Luft bis zur Annahme eines Sanierungsplans. Andernfalls wäre das endgültige Aus der Kette besiegelt.

Mitterlehner, der auch schon für die Abwicklung von Carrera-Optyl und des Versandhändlers Quelle im Einsatz war, ist einer von geschätzten 30 Experten, die von Konkursrichtern als Masseverwalter bei Großinsolvenzen in die Schlacht geworfen werden. "Die Hauptschwierigkeit in dem Job ist, dass man sich innerhalb kürzester Zeit in ein Unternehmen hineinversetzen können muss, das man bestenfalls aus den Medien kennt“, sagt der Jurist. In aller Regel macht sich bei Großpleiten, wie man sie in jüngster Zeit immer häufiger erlebt (siehe Tabelle ), der Einsatz für den Masseverwalter allerdings bezahlt. Kreist der Pleitegeier, klingelt die Kasse.

A-Tec warf 20 Millionen ab

In manchen Fällen vielleicht etwas zu sehr. Mirko Kovats, Gründer des 2010 pleite gegangenen Anlagenbauers A-Tec, kritisiert im FORMAT-Interview zu hohe Berater-Honorare. Insgesamt hätten Berater mehr als 20 Millionen Euro an der A-Tec-Insolvenz verdient. Ungefähr dieser Betrag hätte am Ende auch für die Fortführung des Unternehmens gefehlt, bemängelt Kovats. Wie aus Gerichtsakten hervorgeht, in die FORMAT Einsicht nehmen konnte, floss der Löwenanteil von 4,5 Millionen Euro auf das Konto von Insolvenzverwalter Matthias Schmidt. Deloitte, von Schmidt als Transaktionsberater an Bord geholt, stieg mit 2,7 Millionen Euro Honorar auch nicht schlecht aus. Und selbst das Handelsgericht Wien hat an der A-Tec-Pleite, bei der eine Quote von 39 Prozent erzielt wurde, nicht schlecht verdient: 419.000 Euro Pauschalgebühr.

Ansonsten genießt man und schweigt in der Beraterbranche über die exakte Entlohnung. Die Profiteure der Pleiten sprechen nicht gerne über konkrete Summen. "Das Honorar des Masseverwalters bemisst sich danach, was dieser reinholen kann“, erläutert Insolvenzrechtsexperte Alexander Isola, selbst gerade im Einsatz als Schuldnerberater für Alpine Bau. Sprich: Je größer die erzielte Masse, desto höher auch der Verdienst. Bei bis zu 22.000 Euro, die der Masseverwalter durch Verwertung erzielt, bekommt er eine Quote von 20 Prozent, bei bis zu 100.000 Euro nur mehr 15 Prozent. Die Quoten nehmen ab, je größer der erzielte Betrag. Trotzdem kommt bei Großpleiten schnell ein Millionenbetrag zusammen.

Speziell bei solchen Fällen gibt es Ausnahmen: Bei "außergewöhnlichen Umständen“ wie etwa Größe oder Komplexität des Verfahrens gebührt dem Masseverwalter eine Erhöhung seiner Entlohnung. Und die kann bisweilen beträchtlich ausfallen, wie das Insolvenzverfahren des Kärntner Finanzdienstleisters AvW zeigt. Die zuständigen Insolvenzverwalter Gerhard Brandl und Ernst Malleg legten dem Gericht für den Verkauf von C-Quadrat-Aktien eine Honorarnote vor, die um 100 Prozent über der Regelentlohung lag. Insgesamt beachtliche 682.684 Euro. Nach einem Veto von AvW wurde der Bonus schließlich auf 25 Prozent reduziert. Das Gericht konnte einen "unerwartet besonders günstigen Verwertungserfolg“ nicht erkennen. Übrig blieb für Brandl und Malleg dennoch genug: Ihre Insolvenzverwaltungsges.m.b.H erzielte 2011 immerhin einen Gewinn von einer knappen Million Euro.

550 Millionen für Lehman-Abwicklung

All das sind freilich Peanuts verglichen mit jenen Beträgen, wie sie in Deutschland umherschwirren: So hat der deutsche Insolvenzverwalter von Lehman Brothers 800 Millionen Euro für die Abwicklung einer 15 Milliarden schweren Insolvenzmasse gefordert. Geeinigt hat man sich kürzlich auf immer noch beachtliche 550 Millionen Euro. Und auch die 27,2 Millionen Euro, die der Insolvenzverwalter von Karstadt für seine 16-monatige Arbeit für sich beanspruchte, sorgten in Deutschland für einen Aufschrei. Jüngster Aufreger an der Insolvenzfront: Die Beraterhonorare, die noch vor der Pleite des Baustoffhändlers Praktiker vergeblich von dem Unternehmen investiert wurden. 3,1 Millionen Euro oder 3.100 Euro Tagessatz knöpften die Berater von Roland Berger für Sanierungskonzepte der scheintoten Gruppe mit einem Eigenkapital von gerade einmal 6,3 Millionen Euro ab.

"Lehman in Deutschland war natürlich eine herrliche Causa: Es gab sehr viel Liquidität, und es wurde sehr viel erstritten“, schwärmt Isola, der bei der Insolvenz der Grazer BHI-Bank selbst ein "Mini-Lehman“ erlebte. Wie viel ihm das eingebracht hat, will auch er nicht verraten, nur so viel: "Es ist eine fair bezahlte Tätigkeit.“ Und eine, die man sich erst erarbeiten muss. Denn bevor man als Masseverwalter an Mandate wie dayli herankommt, muss man zahlreiche 2.000-Euro-Insolvenzen erfolgreich absolviert haben.

Honorarexzesse wie in Deutschland gebe es hier schon deshalb nicht, so Isola, weil an den Mega-Causen immer mehrere arbeiten, der Kuchen wird also aufgeteilt. Allein bei Alpine sind neben dem Haupt-Masseverwalter Stephan Riel noch fünf weitere Kollegen im Einsatz, bei der Alpine Holding kommen weitere zwei dazu.

Vier Kreditschützer

Den Kuchen aufteilen müssen sich hierzulande auch vier Kreditschutzverbände: KSV, AKV, Creditreform und der Insolvenzschutzverband der Arbeitnehmer. Aktuell rittern die vier gerade um die 8.000 Alpine-Gläubiger. 30 Prozent Rabatt bietet etwa der AKV den Anleihegläubigern auf seine üblichen Standardvertretungskosten. "Hier geht es auch darum, am schnellsten zu sein“, sagt Creditreform-Geschäftsführer Gerhard Weinhofer. Je schneller über die Insolvenzmodalitäten informiert wird, desto mehr Anleger gewinnt man. Und je mehr Gläubiger die Verbände vertreten können, desto mehr Geld bekommen sie. Neben regulären Mitgliedsbeiträgen schneiden die Verbände auch bei Insolvenzen mit. In der Regel bekommen sie zehn Prozent dessen, was der Masseverwalter einnimmt. Im Falle von A-Tec wären das also immerhin 450.000 Euro.

Von Profiten will man bei KSV und Co. aber nichts wissen. "Der KSV ist ein nicht auf Gewinn ausgerichteter Verein und als solcher als Non-Profit-Organisation geführt“, lässt KSV-Präsident Johannes Nejedlik ausrichten. In rund 50 Prozent der Insolvenzen komme es zu keiner Kostenerstattung aus der Masse, und dennoch sei man für die rund 22.000 Mitglieder tätig. Mit einem Umsatz von rund 46 Millionen Euro wird zudem ein Stab von österreichweit 410 Mitarbeitern erhalten.

Masseverwalter Mitterlehner hat mit den Kreditschützern stets gute Erfahrungen gesammelt. Über seinen Verdienst im Quelle-Konkurs meint er vielsagend: "Angesichts dessen, dass ich wochenlang nur mit Quelle beschäftigt war, wurde ich angemessen entlohnt.“

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