Inside S&P

Angenehm im Umgang, streng im Urteil: Einblick in die Arbeit der Damen und Herren, die Länder genau unter die Lupe nehmen und dann nicht ganz nachvollziehbar über deren Kreditwürdigkeit richten.

Sie kommen im Doppelpack oder zu dritt, sind akkurat gekleidet und dürfen auf Facebook keine Witzchen reißen. „Diese Leute sind meist Musterbeispiele extrem penibler deutscher Zahlenmenschen. Die meisten wirken so, als hätten sie mit drei Jahren schon das große Einmaleins gekonnt. Auf ein Bier möchte ich mit ihnen nicht gehen“, sagt ein österreichischer Spitzenbeamter, der sie schon empfangen durfte: die Prüfer der Ratingagenturen.

Über den Ablauf der Besuche darf eigentlich nichts erzählt werden. Auch über vieles andere wird ein Mantel des Schweigens geworfen – was Verschwörungstheorien nährt. Wie es inside von Standard & Poor’s (S&P), Fitch und Moody’s zugeht, daraus wird ein großes Geheimnis gemacht. Wer hinter die Kulissen blickt, stößt aber auf erstaunlich viele Frauen, Menschen, die öfter am Flughafen als zuhause sind – und auf strenge Regeln: Nur wenige dürfen überhaupt offiziell sprechen, dabei aber längst nicht alles sagen.

Schweigende Brandbeschleuniger

Einer, der reden darf und die jüngste Abstufungsentscheidung von S&P verteidigen musste, heißt Moritz Kraemer. Er ist Europa-Chef für die Länderbewertungen, hat sein Büro im 27. Stock eines Hochhauses in Frankfurt und neuerdings viele, die ihn als Feind sehen. Als „Brandbeschleuniger“ oder gar „Brandstifter“ bezeichnen europäische Politiker die Agenturen, deren Vertreter er ist. Als Götter der Geldwelt, die mit Hintergedanken zwischen Himmel und Hölle urteilen. Die drei großen Ratingagenturen Moody’s, S&P und Fitch beherrschen 95 Prozent des globalen Marktes – am mächtigsten ist eindeutig Standard & Poor’s. Und wenn man Ewald Nowotny, dem Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank, Glauben schenkt, auch am strengsten.

Die Analysten haben eine Liste von Institutionen, die sie zweimal pro Jahr vor Ort besuchen. Sieben Faktoren interessieren ganz besonders: Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf, BIP-Wachstum, staatliches Budgetdefizit, Effizienz des öffentliches Sektors, Auslandsverschuldung, Währungsreserven und Kredithistorie.

Dass nie ein S&P-Mitarbeiter alleine vorspricht, hat einen Grund: So sollen Manipulations- und Bestechungsversuche unterbunden werden. Zudem werden den Ratinganalysten Kontakte zu Medien untersagt, dafür werden Qualitätszeitungen genau gelesen. Auch Treffen mit politischen Verantwortungsträgern sind tabu. Kontaktiert werden ausschließlich Sektionschef und Fachmitarbeiter – auf keinen Fall die Ministerin oder ihr Kabinett. Ein Ratinganalyst betreut maximal zwei Staaten, ein intensiver familiärer Bezug zum jeweiligen Prüferland ist allerdings weniger erwünscht. Daher sind es in Bezug auf Österreich meist Deutsche, die Länderberichte schreiben.

Fast immer sind die Prüfer der großen drei Ratingagenturen Finanzwissenschaftler, Betriebs- oder Volkswirte. Mit umfangreichen Fragenkatalogen ausgerüstet, unternehmen die meist 28- bis 35-Jährigen ihre Reise. Eine davon ist Moody’s Vice President Andrea Wehmeier. Die Senior-Analystin bekommt bereits im Vorfeld Unterlagen, auch die von staatsnahen, börsennotierten oder sehr marktdominierenden Unternehmen wie der Asfinag oder der Immobiliengesellschaft BIG. Wehmeier, die auch die Ratings für die einzelnen Bundesländer beeinflusst, hat dann zahlreiche Treffen, etwa mit Budgetverantwortlichen des Landes, vor sich.

Angenehm im Umgang, streng

Besucht werden auch Vertreter von Finanzministerium, Nationalbank, Finanzmarktaufsicht, Bundeswettbewerbsbehörde und Wirtschaftsforscher. Sie werden gebeten, Zahlenmaterial aufzubereiten und vorzutragen. Auch führende Banken werden befragt. Der Besuch wird angekündigt und ein Termin mit einem Vorstand vergeben. Die Analysten sollen sich durchaus angenehm im Umgang zeigen und seien weit entfernt von Starallüren so mancher heimischer WU-Abgänger, sagt ein Insider. Vor allem sollen sie in der Materie sattelfest und gute Rechner sein.

Der Bericht, den die Analysten nach ihrem Besuch erstellen, wird einem Komitee vorgelegt. Es besteht aus fünf bis acht erfahreneren Analysten, die teils in Frankfurt, teils rund um den Erdball sitzen und über die Kreditwürdigkeit eines Landes entscheiden. Was dort genau diskutiert wird, bleibt hinter verschlossenen Türen und verstört alle, die die Urteile nicht verstehen (wollen).

Auch innerhalb der EU wird die geringe Nachvollziehbarkeit der Entscheidungen kritisiert. Denn auch wenn der Markt negative Entwicklungen meist schon vorweggenommen hat, Bedeutung haben die Ratings dennoch: „Selbst wenn ein Investor die Rating-Urteile für völligen Nonsens hält, darf er sie nicht ignorieren, wenn er weiß, dass andere Marktteilnehmer die Ratings als Kauf bzw. Verkaufssignal interpretieren oder Portfolio-Umschichtungen infolge von Gesetzesauflagen oder anderen Regulierungen vornehmen müssen“, behaupten Benjamin Käfer und Jochen Michaelis von der Universität Kassel in einem Paper.

„Feindliche Ratings.“

Die Rechnung für den Besuch der Prüfer in Österreich bekommt die Bundesfinanzierungsagentur. Sie gibt 0,0003 Prozent des Finanzschuldenportfolios für Bewertungen durch die verschiedenen Agenturen aus – macht rund 700.000 Euro im Jahr.

S&P prüft derzeit 127 Länder weltweit, ein Dutzend Staaten, darunter Deutschland und die USA, zahlt nichts. „Zudem gibt es auch feindliche Ratings“, sagt der deutsche Buchautor Werner Rügemer. Der US-Bezirk Jefferson County habe nach der Kündigung seines Vertrags mit Moody’s eine andere Agentur beauftragt, daraufhin habe Moody’s dennoch einen drastischen Bericht veröffentlicht. Die Folge: Am 9. November 2011 musste Jefferson County wegen Überschuldung Konkurs anmelden. Es ist der bislang größte Konkursfall eines US-amerikanischen Bezirks.

Und ein Beispiel für die faktische Macht der Agenturen.

– F. Horcicka, M. Bachler, M. Koch

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