Innovation - der wichtigste Rohstoff

Innovation - der wichtigste Rohstoff

Im Wettkampf der Regionen muss Österreich noch stärker auf Innovationskraft und Forschung setzen. Unternehmer definieren, worauf es nun ankommt.

Es knirscht und knackt im Haus der Industrie: Im Gebäude am Schwarzenbergplatz in Wien ist einer der letzten Paternoster Österreichs in Betrieb. Das heute gleichermaßen verängstigend wie exotisch wirkende Beförderungsgerät wurde vor mehr als hundert Jahren von Anton Freissler errichtet, einem österreichischen Industriellen, Techniker und Entwickler. Der ungewöhnliche Personenaufzug ist ein Symbol dafür, wie beständig hervorragende Technik ist. Der Unternehmer Anton Freissler, geboren in Mähren und später zum k.u.k. Hoflieferanten aufgestiegen, kombinierte technisches Wissen mit kaufmännischem Geschick und kümmerte sich zudem um seine Mitarbeiter. Unermüdlich arbeitete er an neuen Produkten und an der Verbesserung der bestehenden - höchste Innovationskraft, würde man ihm heute wohl in der Marketingsprache bescheinigen.

Was Technologie mit dem Gütesiegel "Made in Austria" zu leisten vermag, wird heute von vielen österreichischen Unternehmen unter Beweis gestellt. Doch Exporterfolge von Unternehmen wie AT&S, Voestalpine oder Miba sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Standort Österreich so wie Europa insgesamt unter stärkerem Wettbewerbsdruck steht: Die Konkurrenz durch asiatische Länder, die längst neben dem Billiglohn-Argument auch auf Fortschritte bei Ausbildung und auf eigene Höchstleistungen in der Forschung verweisen kann, setzt Wirtschaft wie Politik gleichermaßen unter Druck. Dazu kommt die neue Stärke der USA aufgrund deren angestrebter Energie-Autarkie.

"Volkswirtschaften wie die Schweiz haben Österreich bei der Wettbewerbsfähigkeit überholt."
F. Peter Mitterbauer, Miba

Kein Wunder, dass man sich beim Forum Alpbach der Zukunft des Technologiestandorts widmen wird: Im Rahmen der Technologie-Gespräche wurde unter anderem die Frage nach den Hotspots der Zukunft gestellt und, welche Chancen Europa hat. Dabei haben etwa Sabine Herlitschka, CEO der Infineon Austria AG, Siemens-Forschungschef Gerald Murauer und Lenzing-CEO Peter Untersperger über Standortfaktoren und Konkurrenz durch China und USA diskutiert.

Siemens, Infineon und Lenzing sind unter jenen 33 Weltmarktführern aus Österreich zu finden, die als Leitbetriebe definiert wurden. Diese sollen hinsichtlich ihrer Bedeutung für die österreichische Wirtschaft Vorbildwirkung haben und drohende Probleme des Standorts ansprechen. Zu den Betrieben gehören außerdem weitere Hochkaräter wie Andritz, Voestalpine, Zumtobel, Magna Steyr, Lenzing, Kapsch, Berndorf und AT&S. "Alleine diese 33 Leitbetriebe haben F&E-Ausgaben in der Höhe von 1,1 Milliarden Euro. Sie sind von großer Bedeutung für eine Vielzahl anderer Unternehmen, ein Leitbetrieb kooperiert mit durchschnittlich 900 KMU", sagt Peter Koren, Vize-Generalsekretär der IV und einer der Sprecher beim Forum Alpbach.

Egal, ob es sich um Stahl, Papier oder Mikrochips handelt: Starke Auslandsaktivitäten, Fokus auf hochspezialisierte Produkte, hohe Kundenorientierung und gezielte Personalentwicklung sind die Faktoren, die diese 33 Unternehmen in ihrer jeweiligen Sparte so stark gemacht haben. Speziell die Hochtechnologie-Unternehmen unter diesen Stars der österreichischen Wirtschaft legen Wert auf hohe F&E-Quote. Für sie ist Innovation zentraler Bestandteil der Firmenstrategie. Wichtig ist dabei die Einbindung in internationale Forschungsnetzwerke, was wiederum wertvolle Impulse für heimische Innovationen liefert.

Forschung ist aber nur die eine Sache, auch das Umfeld muss passen. Noch beurteilen 91 Prozent der Leitbetriebe den Standort Österreich als gut oder sehr gut. Doch Peter Koren warnt: "Derzeit haben wir noch diese Leitbetriebe im Land, aber wie lange noch? Es gibt hier einen Reformstau zu beklagen, dadurch sind die Unternehmen verunsichert." Tatsächlich sind die Prognosen weniger rosig als die Gegenwart:

Etwas mehr als drei Viertel der Leitbetriebe glauben, dass die Qualität des Standorts in den nächsten 30 Jahren deutlich zurückgehen wird. Es sind die üblichen Faktoren, die die Betriebe verunsichern: Lohnstückkosten, Bildungswesen, Kapitalmarktrestriktionen. Nach Ansicht von Koren kommen aktuelle Debatten hinzu: "Auch die Debatten um neue Steuern sind kontraproduktiv, wie würden uns vielmehr eine Standortstrategie wünschen."

"Derzeit haben wir Leitbetriebe im Land, aber wie lange noch?"
Peter Koren, Industriellenvereinigung

F. Peter Mitterbauer, CEO des Technologieunternehmens Miba (610 Millionen Euro Umsatz) meint, dass "manche politische Entscheidungsträger mit der Industrie-Zukunft spielen, wenn sie in jedem Wahlkampf mit neuen Steuermodellen versuchen parteipolitisches Kleingeld zu machen." Auch Siemens-Generaldirektor Wolfgang Hesoun warnt: "Es ist leicht, sich auf den Erfolgen der Vergangenheit ausruhen, nicht jedoch, die notwendigen Weichenstellungen für die Zukunft zu legen." Für den Technologie- und Wirtschaftsstandort seien Investitionen und Reformen vor allem in den Bereichen Bildung, Forschung und Innovation sowie Infrastruktur unabdingbar.

Für Sabine Herlitschka, CEO von Infineon, ist die Initiative, die Bedeutung der österreichischen Leitbetriebe hervorzuheben, unmittelbar mit der österreichischen Wettbewerbsfähigkeit verbunden. "Es geht nicht darum, zu jammern, doch es müssen die notwendigen Reformen umgesetzt werden." Österreich habe eine gute Basis, um auch in Zukunft fit zu sein, aber es braucht mutige Schritte, etwa bei Arbeitsnebenkosten, Flexibilisierung, Bildung und Innovation." F. Peter Mitterbauer beklagt auch die Einstellung gegenüber Unternehmern: "In Österreich wird einem Unternehmer grundsätzlich skeptisch begegnet -hier muss angesetzt werden." Ein Unternehmer übernehme Verantwortung für seine Mitarbeiter und die Region, nehme Risiko in Kauf und schaffe Arbeitsplätze. "Vergleichbare Volkswirtschaften in Europa wie die Schweiz, Deutschland, die skandinavischen Länder oder Dänemark haben ihre Hausaufgaben gemacht und Österreich in Sachen Wettbewerbsfähigkeit überholt", sagt Mitterbauer. Dieser Rückfall Österreichs spiegle sich auch in zahlreichen internationalen Rankings wider.

"Österreich kann ein Schub in Richtung moderner Technologoe und Wirtschaftsstandort verpasst werden."
Wolfgang Hesoun, Siemens

Josef Jarosch, Geschäftsführer von Unify Österreich (vormals Siemens Enterprise Communications), hat den Vergleich mit anderen Niederlassungen des Konzerns: "Österreich ist eines der lebenswertesten Länder der Welt - das Kriterium Lebensqualität ist sicherlich ein Mitgrund für Unternehmen, sich hier niederzulassen." Wenn es nur um Zahlen ginge, gäbe es derzeit "günstigere" Länder, die man sich als Firmensitz aussuchen könnte. Auch die Drehscheibenfunktion Wiens ist für Jarosch ein Punkt. "Die zentrale Lage spielt eine große Rolle." Für Siemens-Boss Hesoun ist eine "umfassende Verwaltungsreform, mit Hilfe derer die Strukturen Österreichs ohne Verluste für die Standortqualität der Landesgröße angepasst werden", Grundlage für eine fokussierte Förderung von Innovationsbemühungen und Ausbau der heimischen Stärken. "So kann Österreich ein Schub in Richtung attraktiver und moderner Technologie- und Wirtschaftsstandort verpasst werden." Dann werde sich Siemens Österreich weiterhin mit Experten-Know-how im Gesamtkonzern behaupten.

Zu den wichtigsten Faktoren für Technologieunternehmen zählt die Verfügbarkeit exzellenten Personals. Die Versäumnisse im österreichischen Bildungswesen und die bereits bestehende Schwierigkeit, hochqualifizierte Fachkräfte - zumal für weniger zentral liegende Standorte - zu finden, bereiten den Technologieunternehmen Sorgen. Alleine in der österreichischen Elektro- und Elektronikindustrie fehlen laut Studie derzeit rund 800 Techniker. Das liegt unter anderem am geringen Frauenanteil: Nur circa acht Prozent der technischen Fachkräfte sind Mitarbeiterinnen. Die Industrie will nun eine bessere Kooperation mit Bildungseinrichtungen. "Jobs in Technik und Naturwissenschaften bieten einfach attraktive Möglichkeiten", meint Sabine Herlitschka.

"Jobs in Technik und Naturwissenschaften bieten attraktive Möglichkeiten."
Sabine Herlitschka, Infineon

Josef Jarosch kann den Fachkräftemangel nicht bestätigen. "Natürlich sind wir durch unsere zentrale Niederlassung in Wien privilegiert. Ich glaube, dass andere österreichische Firmen abseits der Ballungszentren etwas mehr Anreize für ihre Bewerber schaffen müssen, damit diese gewillt sind, ihren Wohnsitz dementsprechend zu verlagern." Unternehmen und Mitarbeiter würden heute gegenseitig Flexibilität und Mobilität einfordern. "Im Kampf um Fachkräfte müssen sich Unternehmen als attraktive Arbeitgeber positionieren. Wir haben das Problem des Fachkräftemangels recht früh erkannt und rechtzeitig Schritte eingeleitet", sagt Miba-Chef F. Peter Mitterbauer. Kontakte mit Schulen und Universitäten, Angebote für Lehrlinge und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie seien Eckpfeiler dieser Strategie.

Doch es gibt auch Faktoren, die nicht im Einflussbereich der Firmen liegen: Dass es in einigen Sparten einen sichtbaren Mangel an gut ausgebildeten und technikaffinen Mitarbeitern gibt, hat seine Ursache in frühen Versäumnissen der Bildungspolitik. Speziell für die so genannten MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) gibt es Nachholbedarf, was die Förderung entsprechender Talente betrifft. IV-Vize Peter Koren meint in diesem Zusammenhang: "Gerade bei den MINT-Fächern wäre eine Forcierung frühkindlicher Begeisterung von großer Bedeutung. Die zentrale Frage lautet ja: Welche Bildungsinhalte sollen wann vermittelt werden?"

Der Paternoster im Haus der Industrie dreht weiter seine Runden. Mit viel Aufwand wird dieses Symbol der technologischen Vorreiterschaft Österreichs erhalten. Mit Nostalgie allein ist es aber nicht getan - der Paternoster muss ständig gewartet und gepflegt werden, schließlich geht die Zeit nicht spurlos an diesem Wunderwerk der Technik des frühen 20. Jahrhunderts vorüber. Mit dem Technologiestandort Österreich sieht es ähnlich aus, denn wie mit dem Paternoster kann es nur in eine von zwei möglichen Richtungen gehen: Abwärts oder aufwärts.

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