Industrie: Aufträge statt Absturz

Sehen die Wirtschaftsforscher zu schwarz oder die Unternehmer zu rosig? Selten klafften Experten-Prognosen und Einschätzungen der Chefs so auseinander. In vielen Branchen ist die Lage besser als die Stimmung.

Zwischen der chinesischen Metropole Peking und dem niederösterreichischen Städtchen Kottingbrunn liegen nicht nur 7.534 Kilometer, sondern ­ganze Welten. In Peking veröffentlichte die Weltbank vergangene Woche ihre Konjunkturprognose mit düsteren Aussichten: „Die Weltwirtschaft ist in eine gefährliche Phase eingetreten“, so Weltbank-Experte Andrew Burns. Für die Eurozone erwartet er für 2012 ein Schrumpfen der Wirtschaft um 0,3 Prozent. Bedeutet: Rezession.
In der 7.500-Einwohner-Gemeinde Kot­tingbrunn südlich von Wien steckt ­Georg Tinschert, Geschäftsführer des Maschinenherstellers Wittmann-Battenfeld, gerade mehrere Millionen in die Erweiterung der Produktionskapazität. Auf 3.000 Quadratmetern entsteht eine neue Montagehalle, in der ab September 2012 Spritzgießmaschinen hergestellt werden können, mit denen Autozulieferer große Kunststoff­teile, Verpackungsunternehmen Container und die Elektronikindustrie TV-Gehäuse produzieren. Selbstbewusster Name der neuen Groß-Maschine: „Macro Power“. „Derzeit produzieren wir pro Jahr 750 Maschinen, in Zukunft werden es 1.000 sein“, sagt Tinschert. Rezession? In Kottingbrunn keine Spur davon.

Knapp gerettet

Ein kleines Wunder: Battenfeld stand 2008 praktisch vor dem Aus und konnte nur mit einem Kredit der Hypo Niederösterreich und einer Haftung des Landes gerettet werden. Die Mitarbeiterzahl sank auf 270, mittlerweile wurden wieder hundert neue Jobs geschaffen. „Unseren Kunden geht es gut, die Nachfrage ist da“, sagt Tinschert.

Zwei Welten: Der Internationale Währungsfonds (IWF) erwartet für die Eurozone sogar ein Schrumpfen der Wirtschaft um 0,5 Prozent, Forums-Gründer Klaus Schwab diagnostiziert beim Weltwirtschaftsforum in Davos gar einen „globalen Burn-out“. Die hiesi­gen Wirtschaftsforscher und Banken rechnen für Öster­reich mit einem mageren Plus zwischen 0,4 und 0,8 Prozent.

Zur gleichen Zeit reibt man sich in der sogenannten Realwirtschaft die Hände. Unternehmer berichten von vollen Auftragsbüchern und guten Aussichten. In einer Umfrage des Meinungsforschers Peter Hajek für FORMAT unter Mitgliedern des Managementclubs schätzen 41 Prozent der Befragten die wirtschaftliche Lage ihres Unternehmens besser ein als 2011, jeder Vierte will sogar neue Mitarbeiter einstellen. Nur sieben Prozent erwarten eine Verschlechterung.

Optimistische Börsen

Auch an den ­Börsen, sensibler Indikator für Zukunftserwartungen, kennen die Kurse seit Jahres­beginn nur eine Richtung: aufwärts. ­Sehen die Experten also zu schwarz – oder betrachten die Manager die Situation durch eine rosarote Brille?
Ein Teil der Antwort ist Psychologie. „Unternehmer haben in aller Regel die Einschätzung, dass sie Dinge besser können als andere Menschen – also auch Krisen besser überstehen“, sagt der Wirtschaftspsychologe und Management-Coach Michael Schmitz. „Zudem sind sie grundsätzlich Zweckoptimisten, was im Alltag viel Energie freisetzt, aber die Gefahr birgt, die Realität nicht richtig einzuschätzen.“
Auch bei den Experten ist nicht alles rational. Viele Wirtschaftsforscher hatten den dramatischen Abschwung 2008 nicht erwartet und wurden mit ihren optimistischen Prognosen komplett auf dem falschen Fuß erwischt. Das soll sich auf keinen Fall wiederholen, weshalb derzeit eher gedämpfte Aussichten Konjunktur haben.

Der andere Teil der Antwort heißt: gespaltene Konjunktur. Tatsächlich ist die Entwicklung zwischen den einzelnen Branchen extrem unterschiedlich. Nach zwei absoluten Boom-Jahren ist der Rückgang in der Stahlindustrie brutal. Der Maschinenbau wird zwar heuer auch weniger produzieren als 2011, erreicht aber annähernd das Niveau des Vor-Krisenjahres 2008.

Gute Auftragslage

„Ich kenne keinen heimischen Autozulieferer, dem es schlecht geht“, schildert Wolfgang Plasser, Chef von Pankl Racing, die gute Aussicht seiner Branche. „Die Realwirtschaft steht besser da, als es die Stimmung widerspiegelt“, ist Stefan Bruckbauer, Chefökonom der Bank Austria, überzeugt, „die Proble­me Europas sind eher politisch als wirtschaftlich.“
Ähnlich sieht das Stefan Blahut vom Österreichischen Gewerbeverein: „2012 wird sicher kein Rekordjahr, aber es wird auch keine dramatischen Einbrüche geben.“ Ein Abgleiten in die Rezession erwartet auch Christian Helmenstein, Ökonom bei der Industriellenvereinigung, nicht: „Ab dem zweiten Quartal 2012 wird es schon wieder Wachstum geben.“
Bereits im nächsten Monat fahren in
St. Martin im Innviertel die Bagger auf. In der Nähe des bestehenden Werkes hat der Luftfahrtzulieferer FACC ein 55.000 Quadratmeter großes Grundstück erworben und errichtet dort ein neues Zentrum für Forschung und Entwicklung mit mehr als 150 zusätzlichen, hochqualifizierten Jobs. Investitionsvolumen: 54 Millionen Euro. „Sicher ist das mutig, zumal durch eine Investition in die Forschung keine schnellen Umsätze und Rückflüsse zu erwarten sind“, sagt FACC-Chef Walter Stephan, „aber wir sehen das als langfristige und notwendige Investition in unsere inter­nationale Wettbewerbsfähigkeit.“
Erleichtert hat die Entscheidung ein Blick in die Auftragsbücher: Dank des Airbus A380 und der Boeing 787 hat FACC für die nächsten zwei bis drei Jahre eine gute Auslastung. „Und das Auftragspolster wird weiter wachsen“, ist Stephan überzeugt.

Millionen für den Ausbau. Auch andere Unternehmen investieren trotz trüber Großwetterlage:

•Der Zuckerkonzern Agrana, der 2011 eine Rekordbilanz gelegt hat, investiert im nieder­österreichischen Pischelsdorf 60 Millionen Euro in eine neue Anlage für Weizenstärke.

•Opel setzt die begonnene Erneuerung von Maschinen im Motoren- und Getriebewerk Wien-Aspern heuer fort: Investitionsvolumen: 100 Millionen Euro.

•Pankl-Chef Wolfgang Plasser erwartet für heuer ein Umsatzplus von zehn Prozent, vor allem durch die steigende Auto-Nachfrage in den USA und den Emerging Markets. 16 Millionen Euro steckt Pankl in die Erweiterung des Werkes in Bruck an der Mur sowie in zwei US-Standorte. Plasser: „Wir wachsen mit Kunden wie BMW oder Ferrari, die in diesen Märkten hohe Zuwächse verbuchen.“

•Autozulieferer Miba setzt ebenfalls auf den US-Markt sowie Asien und investiert kräftig in den Ausbau der dortigen Kapazitäten. „Wir erwarten ein Auftragsvolumen auf dem Niveau des Vorjahres“, sagt Sprecher Filip Miermans.

•Die oberösterreichische TGW, Spezialist für automatisierte Lager- und Förderanlagen, hat sich erst vergangene Woche zu 50 Prozent an einem Unternehmen in São Paulo beteiligt, um einen Fuß in den schnell wachsenden brasilianischen Markt zu bekommen. Für den Standort Wels ­werden 70 Mitarbeiter gesucht, 2013 soll ein zweistelliger Millionenbetrag in den Ausbau der Kapazitäten gesteckt werden, die Zahl der Mitarbeiter um 200 auf 1.050 steigen. TGW erzielt mit Kunden aus der Autozuliefer-, Lebensmittel- und Pharmaindustrie einen Umsatz von 297 Millionen Euro.

•Der Tiroler Kartonagenproduzent Dinkhauser (250 Mitarbeiter) baut die Produktionsflächen am Firmensitz in Hall um 4.000 Quadratmeter aus. Investitionsvolumen: 13 Millionen Euro – fast ein Drittel des Jahresumsatzes.

Gut vorbereitet

„Österreichs Industrie hat sich in Summe sicher besser als vor drei Jahren auf die bevorstehende Konjunkturverlangsamung vorbereitet“, ist Bank-Austria-Volkswirt Bruckbauer überzeugt. Mehr Flexibilität bedeutet umgekehrt allerdings auch: Die Aufträge kommen kurzfristiger und werden im Volumen kleiner. Bruckbauer erwartet daher für heuer auch nur eine Zunahme der Industrieproduktion um zwei Prozent – deutlich weniger als die sieben Prozent 2011, aber mehr als doppelt so viel wie 2008. Der Einkaufsmanager-Index des Instituts wies im Dezember erstmals nach zehn Monaten wieder nach oben, ist insgesamt aber noch flau.

„In Summe braucht Österreichs Industrie keinen nachhaltigen Abschwung zu befürchten“, heißt es in einer aktuellen Analyse der Bank. Die Lage wird zwar unsicherer, aber von einem dramatischen Absturz wie 2008/2009 mit Rückgängen von 26 Prozent (Stahlindustrie) und 21 Prozent (Maschinenbau) ist Österreichs Wirtschaft weit entfernt.
Ganz ähnlich empfindet das Franz Gasselsberger. „Bis November war ich recht pessimistisch“, so der Generaldirektor der Oberbank, „aber das hat sich in den vergangenen Wochen geändert.“

Die Musiker bei der traditionellen Business-Gala der Bank zum Jahresanfang in Linz ließen diesen Worten auch gleich Töne folgen: Das Bruckner Orches­ter übersetzte Gasselsbergers Optimismus stilecht mit der Filmmusik aus dem Wes­tern „Für eine Handvoll Dollar“.

– A. Johannsen, A. Proissl

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