Indien bremst sich selbst aus

Indien bremst sich selbst aus

Zeichnet sich in Indien eine fundamentale Krise ab, wie sie das Land 1991 erlebte und nur mit weitreichenden Reformen überstand?

Amartya Sen ist fast 80 Jahre alt, und immer noch kann er sich ärgern. Der indische Ökonom und Träger des Wirtschaftsnobelpreises rechnet mit seinem Heimatland ab: "In der Weltgeschichte gibt es, wenn überhaupt, wenige andere Beispiele für eine Volkswirtschaft, die so lange wuchs und so wenige humanitäre Probleme verringerte“, schreiben er und sein Co-Autor Jean Drèze in einem neuen Buch über Indien und seine Widersprüche.

Tatsächlich hat das Land mit einer Vielzahl von Schwierigkeiten zu kämpfen, von denen die weit verbreitete Armut eine wesentliche ist. In den Jahren des Aufschwungs wurde sie oft übersehen. Jetzt ist in Indien, das mit 1,2 Milliarden Menschen fast ebenso einwohnerreich ist wie China, Katerstimmung eingekehrt: Die Wachstumsaussichten für 2013 liegen bei fünf Prozent und sind weit entfernt von den acht bis neun Prozent, mit denen die Volkswirtschaft in den Boomjahren wuchs. In der neuen wirtschaftlichen Situation gelten zehn Prozent der Bankkredite als faul. Seit auch noch die indische Rupie ungebremst an Wert verliert (siehe Grafik rechts), ist die Weltöffentlichkeit alarmiert.

Doch ist Indiens Aufstieg tatsächlich gestoppt? Zeichnet sich hier eine fundamentale Krise ab, wie sie das Land 1991 erlebte und nur mit weitreichenden Reformen überstand?

"Vom schwierigen internationalen Umfeld ist nicht nur Indien betroffen, sondern viele Schwellenländer“, sagt Hans-Jörg Hörtnagl, der in der Außenwirtschaftsabteilung der Wirtschaftskammer für Süd-und Südostasien zuständig ist. Mit der Ankündigung der US-Notenbank Fed, die lose Geldpolitik zu beenden, haben auch Brasilien, Indonesien und Malaysia zu kämpfen. Die Auswirkungen der Euro-Krise spürt Indien sogar weniger, weil es anders als etwa China kein Exportland ist.

Warum Indien dennoch kritischer beobachtet wird, hat zwei Gründe: seine Größe und seine strukturellen Probleme.

Fehlende Investitionen

Ganz neu ist diese Entwicklung nicht. Immer wieder haben Institutionen wie die Weltbank und die OECD auf die Probleme des Landes hingewiesen. Einige der Reformen wurden begonnen, oft aber nicht flächendeckend umgesetzt. Die Bundesstaaten genießen große Autonomie und können sich gegen vieles querlegen.

Im Finanzjahr 2012/13 hat das Land um 38 Prozent weniger dringend benötigte Auslandsinvestitionen angezogen als im Jahr davor. Auch heimische Unternehmen geben sich zurückhaltend, was Indien betrifft. Nur der Konsum der Inder hat zuletzt für Stabilität gesorgt, denn für ausländische Investoren verlor das Land an Attraktivität. Diese bräuchte es jedoch, damit die Transformation der Wirtschaft hin zu mehr Industrie, IT und Dienstleistungen fortschreitet und der Wohlstand wächst. Nach wie vor arbeiten 43 Prozent in der Landwirtschaft. Fast zwei Drittel der Inder sind unter 35 Jahre alt und brauchen neue, erst zu schaffende Jobs.

Indien ist es nicht gelungen, mit dem Aufstieg mitzuhalten. "Ein Hauptproblem liegt im Bereich von Infrastruktur und Transport“, sagt Julien Marcilly, Volkswirt beim Kreditfinanzierer Coface. Die Infrastruktur hat sich zwar deutlich verbessert, doch nach wie vor müssen Unternehmen damit rechnen, dass sechs Mal im Monat der Strom ausfällt. Und das, obwohl fast die Hälfte der Landbevölkerung ohne Strom lebt. Energie- und Transportunternehmen sind mehrheitlich staatlich geführt, ihre Effizienz wird angezweifelt. Die Öffnung des Handels für Auslandsinvestitionen wurde zwar ermöglicht, aber zu schwierigen Bedingungen. Auch der Arbeitsmarkt erscheint Beobachtern zu streng reguliert: "Ab einer Anzahl von 100 Mitarbeitern ist es kaum möglich, jemanden zu entlassen“, so Hörtnagl.

Hinzu kommen die Korruption und die Ineffizienz des Staates. Gerichtsbeschlüsse dauern oft Jahre. Das Steuersystem ist veraltet, nur drei Prozent der Bevölkerung zahlen Einkommensteuern. Die Subventionen für teure Energieimporte, von denen vor allem große Unternehmen und reiche Menschen profitieren, übersteigen Ausgaben für das Gesundheits- und das Bildungssystem um ein Vielfaches. Sie wären notwendig, um das Aufstiegspotenzial auf breiter Basis auszuschöpfen.

Trotz aller Schwierigkeiten und der 2014 anstehenden Wahlen geht kaum jemand davon aus, dass in Indien eine neue Asienkrise beginnt. Die globale Erholung erfolgt zwar langsam, aber doch. Der Staat hat finanziellen Spielraum für Reformen – doch der Druck dafür steigt.

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